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Naturkatastrophen, Unfälle, Krisen - unvorhergesehene Risiken wollen gemanagt werden. Resilienz ist der Schlüssel dazu. Fünf bedeutende Faktoren für die Supply Chain.
erschienen: 07.12.2011
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Fünf Faktoren spielen dabei eine maßgebliche Rolle: 

1. Agilität

Agilität steht für die Fähigkeit des schnellen Kurswechsels, das heißt sich aktiv und flexibel an veränderte Bedingungen anzupassen. Sie ist eine der wichtigsten Voraussetzungen.

Kundenwünsche kennen und beeinflussen
Die Wünsche der Kunden zu kennen ist fürs Erreichen von Agilität maßgeblich. Änderungen in Bedarf und Nachfrage schnellstmöglich erfassen oder sogar steuern lässt sich über individualisierte Angebote, die exakt auf die Bedürfnisse des jeweiligen Kunden zugeschnitten sind. Weitere Maßnahmen sind Bonus- und Rabattsysteme, Multi-Channel-Vertriebskonzepte, Social-Media-Aktivitäten und Kundenforen. Zwar sind die genannten Maßnahmen zeit-, personal- und kostenintensiv, doch sind sie entscheidend, um (Folge-)Schäden auszugleichen und schnell auf veränderte Anforderungen zu reagieren.

Frühwarnsysteme
Lieferausfälle zählen mit zu den größten Herausforderungen im Rahmen der Supply Chain. Zum Teil erzeugen sie katastrophalen Folgen wie Lieferausfälle, Umsatzeinbußen oder den Verlust von Marktanteilen. Verursacht werden sie vor allem durch zu geringe Lagerbestände und Produktionskapazitäten, zu lange Durchlaufzeiten, technische Produktionsprobleme und geringe Komponentenverfügbarkeit aufgrund unvorhergesehener äußerer Umstände. Konzernweite Frühwarnsysteme für Krisenfälle auf Basis eines kontinuierlichen Informationsflusses sowie Alternativpläne für Standardsituationen schaffen hier Abhilfe.

Kennzahlen
Mit Kennzahlen kann auf Grundlage eines Ist-Soll-Vergleichs die Erreichung von gesetzten Zielen überprüft werden. Grundsätzlich sollten diese immer unternehmensspezifisch anhand von Faktoren wie eindeutige Kennzahlendefinition, Akzeptanz durch die Nutzer, Nachvollziehbarkeit, Verständlichkeit, Datenverfügbarkeit und -vergleichbarkeit entwickelt werden. Neben der Messung der Zielerreichung stellen Kennzahlen darüber hinaus ein geeignetes Instrument dar, um schleichende negative Entwicklungen aufzuspüren und zeitnah auf diese reagieren zu können.

Dual- oder Multi-Source im Einkauf
Single Sourcing kann im schlimmsten Fall die bloße Existenz von Unternehmen bedrohen, wenn die gesamte Produktion durch fehlerhafte Teile betroffen ist. Durch die Identifikation und Qualifikation von Zweitlieferanten, die idealerweise mindestens einmal im Jahr getestet werden, lässt sich jedoch auch hier Abhilfe schaffen.

2. Redundanz

Das mehrfache Vorkommen von Informationen oder Elementen führt zu einheitlichen, vergleichbaren und somit austauschbaren Prozessen. Obwohl Redundanz die einfachste Methode ist, eine Supply Chain resilient zu machen, ist sie auch die kapitalintensivste und steht im klaren Widerspruch zu dem, was heute als leistungsfähiges, schlankes Produktionssystem angesehen wird. Daher sollte als Entscheidungsgrundlage eine detaillierte Kosten-Nutzen-Rechnung durchgeführt werden.

Redundanz in der Produktion
Kern der Redundanz in der Produktion sind standardisierte Strukturen im Produktionsverbund beziehungsweise in der Produktion und insbesondere das Vorhalten zusätzlicher Produktionskapazitäten. Das mehrfache Vorkommen von Informationen oder auch Elementen führt zu einheitlichen, vergleichbaren und somit austauschbaren Prozessen. Dadurch sparen Unternehmen nicht nur Kosten und Zeit, sondern können im Ernstfall auch auf andere Produktionsstandorte ausweichen. Kennt das Unternehmen die Produktionsengpässe, können mit teilweise geringen Investitionen ausreichend Reserven geschaffen werden, die die Produktion in Gang halten.

Redundanz in der Lager- und Distributionslogistik
Wesentliche Stellhebel sind hier standardisierte Strukturen und das Vorhalten von Sicherheitsbeständen. Neben der Organisationsform der Lager ist natürlich auch ihr Standort von Interesse. Existiert ein Zentrallager, gerät im Störfall die gesamte Lieferfähigkeit in Gefahr. Daher ist eine Abwägung zwischen zentraler oder dezentraler Standortstruktur zu bedenken. Von Belang ist es dennoch, weitere Optionen im Blick zu behalten, um bei Störfällen schnell reagieren und ausweichen zu können. Hierbei spielen alternative Distributionskanäle eine wichtige Rolle.

Gleichteile- und Normteilestrategie
Diese Strategie verkürzt die Entwicklungszeit enorm und reduziert die Anzahl der aktiven Materialnummern und dadurch Komplexität und Kosten. Diese Vorgehensweise sollte aber nicht nur bei neueren, aktiven Produkten angewandt werden. Grund: Immer noch aktive Produkte sind häufig mit hohen Kosten verbunden, die sich durch die Gleichteile- beziehungsweise Normstrategie leicht reduzieren ließen.

Variantenbestimmungspunkt
Im Rahmen der Redundanz spielt auch der Variantenbestimmungspunkt eines Produkts eine wichtige Rolle. Je früher die Produktvarianten greifen, desto mehr Aufwand muss betrieben werden. Je weiter der Variantenbestimmungspunkt also nach hinten verlegt wird, das heißt je näher er am Endprodukt beziehungsweise Endkunden ist, desto höher ist der Anteil an leichter verfügbaren Standardkomponenten. Die Entwicklung von Standardprodukten sollte jedoch im Vordergrund stehen, da sie aufgrund der reduzierten Varianten leichter produzierbar und durch ihre Austauschbarkeit leichter verfügbar sind.

3. Dezentralität

Dezentralität ist die Grundvoraussetzung für die Entkoppelung von Steuerungsprozessen und die Erhöhung der Autonomie und Innovationsfähigkeit.

Produktions- und Lagerstandorte
Die Standortwahl ist ein wesentlicher Teil der Unternehmensstrategie und hängt von vielen Faktoren ab. Ihre Auswirkungen sind langfristig spürbar. Im Zuge der Globalisierung gewinnt die Frage nach geologischer sowie politischer Sicherheit enorm an Bedeutung. Da externe Einflüsse wie Boykotte oder Naturkatastrophen eine erhebliche Bedrohung für Unternehmen darstellen können, muss das Management stets mit Mitarbeitern, Lieferanten und dem gesamten Netzwerk in regem Austausch stehen.

Lieferantenstruktur
Darüber hinaus ist es zweckmäßig, eine globale Lieferantenstruktur zu errichten. Bei einschneidenden Erlebnissen wie einer Naturkatastrophe ist somit nicht gleich die gesamte Produktionsversorgung in Gefahr.

Informationsfluss und –systeme
Um Informationen beispielsweise über die Bestandshöhen in den einzelnen Lagerstätten rechtzeitig zu verteilen, dürfen sie nicht an einem Ort gebündelt werden. So ist das Unternehmen eher gegen Widerstände von außen gerüstet. Informationen über die Unternehmensentwicklung und aktuelle wirtschaftliche Veränderungen müssen zeitnah an die Mitarbeiter weitergegeben werden, beispielsweise durch Betriebsversammlungen, ein Schwarzes Brett, eine Unternehmenszeitung oder das Intranet.

Ein kontinuierlicher und rascher Austausch hin zum Erstlieferanten über mengen- und zeitmäßige Veränderungen der Bedarfsschwankungen beim Endkunden ist ein weiterer wichtiger Faktor im Krisenfall, um dem sogenannten Bullwhip-Effekt entgegenzuwirken, das heißt großen Schwankungen in der Bestellmenge beim Hersteller trotz verhältnismäßig großer Beständigkeit in der Nachfrage von Kundenseite.

4. Diversität

Diversity Management
Hierbei geht es vor allem um das Einstellen und die Integration von Querdenkern sowie das Fördern von interdisziplinären und interkulturellen Vermischungen. Dem Recruiting kommt eine besondere Bedeutung zu, da gerade hier die Mitarbeiter kontinuierlich Neuerungen und Veränderungen auf dem Markt gegenüberstehen. Daher ist bei der Auswahl der Bewerber neben der fachlichen Qualifikation vor allem die Persönlichkeit von Interesse.

Gruppenarbeit
Neben der Motivation und Qualifikation der Mitarbeiter spielt auch Gruppenarbeit für eine resiliente Supply Chain eine essenzielle Rolle. Um Spitzenleistungen zu erreichen, müssen die Mitarbeiter gefördert und gefordert werden, wofür Gruppenarbeit ein geeignetes Mittel ist.

5. Permanenter Lernprozess

Die Resilienz in oder nach einer Krise hängt auch davon ab, ob ein permanenter Lernprozess im Unternehmen etabliert ist. Eigene Stärken und Schwächen sowie der ständige Wandel der Umwelt sollten so in das Unternehmenssystem eingebunden werden, dass sie als Herausforderungen und Chancen gesehen werden und zur Stärkung der eigenen Position auf dem Markt beitragen.

Absatzplanung
Eine weitere Grundvoraussetzung für Resilienz in oder nach einer Krise ist die Fähigkeit, einen permanenten Lernprozess über wesentliche Umweltveränderungen, eigene Stärken und Schwächen sowie einen Mechanismus von Systemanpassungen zu etablieren. Der ständige Wandel der Umwelt muss so in das Unternehmenssystem integriert werden, dass er nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung beziehungsweise Chance gesehen wird. Für die Supply Chain bedeutet das vor allem, auf Basis einer validen Absatzplanung Produktionskapazitäten optimal zu nutzen und Notfallszenarien systematisch vorzubereiten.

Task Force Management
Risikomanagement und die Gefahr von Lieferausfällen sind für ein Unternehmen bedeutend und können im Zweifel über das Weiterbestehen entscheiden. Um nachhaltige Auswirkungen auf Markt und Kunden zu vermeiden, ist die Entwicklung eines „Business Continuity Management“ erforderlich, um Strategien und Prozesse im Angesicht drohender Krisen ausarbeiten zu können.

Fort- und Weiterbildung
Durch interne Schulungen werden Erfahrungen innerhalb des Unternehmens ausgetauscht sowie durch externe Workshops und Seminare neue Konzepte und Methoden erlernt. Die Themen reichen von Bestandsmanagement, Einkaufscontrolling oder Kennzahlen über Lieferantenmanagement und -qualifikation bis hin zu Compliance. Ein weiteres Instrument zur Personalentwicklung ist Job Rotation, das heißt der systematische Arbeitsplatzwechsel für einen terminierten Zeitraum. Durch den organisierten Arbeitsplatzwechsel reflektiert und optimiert der Einzelne seine eigenen Prozesse und Vorgehensweisen.

Supply-Chain-Resilienz bietet allen vorausschauend agierenden Managern einen Blickwinkel auf strategische Unternehmensentscheidungen, der weit über die gängigen Kosten-Nutzen- oder Business-Case- beziehungsweise Return-on-Investment-Berechnungen hinausgeht. Sie ist der Schlüssel zu nachhaltigem Unternehmenserfolg.

Stichwort

Resilienz ist nicht nur in Bezug auf Unternehmen beziehungsweise Lieferketten von Bedeutung. Für Mitarbeiter und Menschen allgemein geht es dabei darum, psychische Widerstandfähigkeit zu entwickeln, um Krisen zu bewältigen. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag Krisenbewältigung: Mit Resilienz kraftvoll durch die Krise.

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Über die Autoren
Marc Staudenmayer

Marc Staudenmayer ist Managing Director von goetzpartners und leitet die Service Line Supply Chain Management. Zahlreiche nationale und internationale Projekte in Einkauf und Logistik in Branchensegmenten wie der Fertigungs- und Prozessindustrie, im Maschinen- und Anlagenbau, der Konsumgüterindustrie sowie der Finanz- und Medienbranche wurden unter seiner unternehmerischen Verantwortung umgesetzt.

AnschriftMarc Staudenmayer
goetzpartners MANAGEMENT CONSULTANTS GmbH
Prinzregentenstraße 56
80538 München
Tel.089-290725302
E-Mailstaudenmayer@goetzpartners.com
Webwww.goetzpartners.com
Christophe Hudelmaier

Christophe Hudelmaier ist Manager von goetzpartners und Mitglied der Service Line Supply Chain Management. Er hat zahlreiche nationale und internationale Projekte begleitet und verfügt über umfassende Erfahrung in den Bereichen Einkauf, Logistik, Planung und Steuerung. Schwerpunktmäßig berät er in den Branchensegmenten Automobilindustrie, Pharmaindustrie, Maschinen- und Anlagenbau und Energie.

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