Ein Verkäufer besucht einen Neukunden. Die beiden Personen laufen aufeinander zu. Und schon sagt dem Vertriebler eine innere Stimme: Bei diesem Kunden kann ich mit sachlichen Argumenten punkten. In beiden Situationen wurde kein Wort gewechselt und trotzdem entstand bei den beteiligten Personen ein Bild vom Gegenüber.
Auch bei Vorstellungsgesprächen spielt das Gesicherlesen eine wichtige Rolle. Wenn beispielsweise ein Bewerber das Büro eines Personalleiters betritt. Die beiden Personen blicken einander kurz an. Und schon hat der Personaler eine Vorstellung davon, ob der Bewerber ein interessanter Kandidat sein könnte.
Gewiss haben Sie solche Situationen schon erlebt und sich gefragt: Wie ist das möglich? Denn dass uns im menschlichen Miteinander vielfach unsere Instinkte leiten, das entspricht nicht unserem Selbstbild. Schon eher geben wir uns der Illusion hin, dass wir aufgrund unserer Erfahrung andere Personen auf Anhieb richtig einschätzen.
Wir ticken nicht so rational, wie wir gern glauben
Doch was geschieht genau, wenn wir eine Person erstmals treffen? Dann scannen unsere Augen unser Gegenüber und binnen Sekundenbruchteilen entsteht in uns aufgrund solcher Faktoren wie Kleidung, Gang und Körperhaltung sowie Mimik und Gestik ein erstes Bild von der Person – und zwar automatisch. Denn unsere Nerven leiten unsere Sinneswahrnehmungen an unser Gehirn weiter. Dort werden sie vom sogenannten limbischen System anhand der in ihm gespeicherten Bilder und Erfahrungen eingeordnet und bewertet. Und erst danach werden sie als Information verknüpft mit der entsprechenden Emotion an unser Großhirn weitergeleitet und gelangen in unser Bewusstsein.
Dass diese mentalen Prozesse in uns ablaufen, dies zu wissen, ist für uns wichtig. Sonst erliegen wir schnell der Illusion, wir würden uns unsere Meinung über andere Menschen völlig frei und rational bilden. Das Gegenteil ist der Fall! Wir treten allen Menschen, denen wir begegnen, mit einem Vorurteil gegenüber. Das ist nicht schlimm – solange wir uns dessen bewusst sind und bereit sind, unser Vorurteil gegebenenfalls zu korrigieren. Denn dann dient das Vorurteil sozusagen nur der ersten Orientierung: Welches Verhalten ist in dieser Situation richtig?
Streitfrage: Was verrät uns der menschliche Körper?
Einig sind sich die Experten darüber, dass uns die Körpersprache viel über eine Person verrät – und zwar nicht nur über deren aktuelles Befinden. Körperhaltung, Mimik und Gestik liefern uns auch erste Informationen darüber, wie unser Gegenüber tickt. Geht eine Person eher frohgemut durchs Leben oder empfindet sie dieses als Last? Genießt sie es im Mittelpunkt zu stehen oder bleibt sie lieber bescheiden im Hintergrund? Auch für solche Dinge liefert uns die Körpersprache Indizien.
Weit umstrittener ist: Kann man auch aus solchen Körpermerkmalen wie der Form und Größe der Stirn oder Nase Rückschlüsse auf die Persönlichkeit eines Menschen ziehen? Darüber gehen die Meinungen mindestens ebenso weit auseinander wie darüber, welche Aussagekraft grafologische Gutachten haben. Zudem ist dieses Thema stark emotional besetzt – vor allem aufgrund der deutschen Geschichte. Denn die Nationalsozialisten nutzten die Physiognomik, also die „Lehre“ darüber, welche persönlichen Eigenschaften sich aus den unveränderlichen physiologischen Merkmalen des menschlichen Körpers ableiten lassen, für ihre Rassenlehre. Sie ordneten den Körpermerkmalen bestimmte Charaktereigenschaften sowie Persönlichkeitsmerkmale zu und verknüpften diese mit einem Werturteil – mit den bekannten Folgen.
Entsprechend heikel ist es heute, über dieses Thema zu sprechen und zu schreiben. Trotzdem lohnt sich eine Beschäftigung mit ihm. Denn unabhängig davon, wie wir zur Physiognomik stehen, bleibt die Tatsache bestehen: Die Körpermerkmale lösen in uns konkrete Assoziationen aus. Das beweist bereits unsere Sprache. Wenn wir eine Person beschreiben, benutzen wir oft Begriffe wie „engstirnig“ und „schmallippig“. Oder wir attestieren einer Person, sie habe ein „energisches Kinn“, „wache Augen“ oder eine „Denkerstirn“. Und die Augen sowie das Gesicht gelten allgemein als „Spiegel(-bild) der Seele“.
Eine uralte (Pseudo-)Wissenschaft?
Das kommt nicht von ungefähr. Schon seit Jahrtausenden findet die These Anhänger, dass speziell das Gesicht eines Menschen uns viel über dessen Wesen verrät. Nicht nur die Vertreter der traditionellen chinesischen Medizin sowie die griechischen Denker Sokrates und Aristoteles waren hiervon überzeugt, auch solche Geistesgrößen wie Alexander von Humboldt und Johann Wolfgang von Goethe.
Doch auch große Dichter und Denker können sich irren beziehungsweise sind Kinder ihrer Zeit. Deshalb bleibt unabhängig davon, wie viele Anhänger die Physiognomik hat, die Frage offen: Kann man aus den Körpermerkmalen eines Menschen Rückschlüsse auf solche Persönlichkeitsmerkmale wie soziale Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität und Intelligenz ziehen? Hierüber lässt sich endlos streiten. Denn wie so oft liegt die Antwort vermutlich irgendwie in der Mitte. Entsprechend mit Bedacht sollte sich jeder äußern, der sich mit dem Thema Physiognomik befasst – auch aufgrund der historischen Erfahrung, welche unbeabsichtigten Konsequenzen zuweilen gewisse Lehren haben. Hüten sollte man sich zum Beispiel vor apodiktischen Schlüssen wie „Wer pralle Lippen hat, ist sinnlich“ oder „Wer eine hohe Stirn hat, ist klug“. Denn erst aufgrund der Gesamtsicht des Gesichts eines Menschen sind gewisse Tendenzaussagen möglich.
In der traditionellen chinesischen Medizin werden drei Bereiche im Gesicht unterschieden:
- die Stirn,
- die mittlere Gesichtspartie, die von den Augen bis zur Nase reicht, und
- die untere Gesichtspartie, die unter anderem Mund, Kiefer und Kinn umfasst.
Die Stirn galt als der Bereich, der den Geist sowie Intellekt widerspiegelt, und die mittlere Partie als der Bereich, der Auskunft über die Seele gibt. Die untere Gesichtspartie hingegen wurde als Repräsentanz des Körpers gesehen. Wirkte das Verhältnis zwischen diesen drei Zonen auf den Betrachter ausgewogen, so wurde dies als Indiz für eine ausgeglichene Wesensart verstanden. Stach hingegen eine Gesichtspartie besonders ins Auge, dann wurde dies als Indiz für eine überproportional starke Ausprägung gewisser persönlicher Merkmale sowie Eigenschaften gesehen.
Diese Grundüberzeugung teilen noch heute alle Physiognomiker. Sie sind zum Beispiel der Auffassung, dass eine Stirn, die die Wahrnehmung dominiert, auf ein hohes Abstraktionsvermögen und ausgeprägte intellektuelle Fähigkeiten hinweist. Menschen mit einer dominanten mittleren Gesichtszone hingegen gelten als gefühlsbetont und mit einem gesunden Menschenverstand sowie Gespür fürs Machbare ausgestattet. Und Menschen mit einer dominanten unteren Gesichtspartie – also zum Beispiel einem markanten Kinn? Sie gelten als kurzentschlossen und handlungsorientiert sowie zu einem impulsiven Handeln neigend.
Was fasziniert Menschen am Gesichterlesen?
Die Physiognomik fand über Jahrtausende Anhänger, weil ihre Aussagen die Alltagerfahrung vieler Menschen widerspiegeln. Hinzu kommt: Wir können unsere Körpermerkmale (sieht man von operativen Eingriffen ab) im Gegensatz zu unserer Kleidung, Mimik und Gestik nicht beeinflussen. Deshalb vermittelt die Physiognomik ihren Anhängern die Illusion, mit ihrer Hilfe einen unverfälschten Blick auf das Wesen anderer Menschen zu erlangen. Außerdem machen die von ihr bereitgestellten Interpretationsschemata das Einschätzen von Menschen scheinbar leicht. Denn um die dominante Zone im Gesicht eines Menschen zu erkennen, muss man diesen nicht lange studieren. Ein Blick genügt und schon lassen sich erste Thesen darüber bilden, wie die andere Person vermutlich tickt.
Die Pysiognomik findet deshalb einen besonders großen Zuspruch bei Angehörigen von Berufen, die häufig andere Personen schnell einschätzen müssen. So zum Beispiel Verkäufer. Sie müssen oft binnen Sekundenbruchteilen entscheiden, wie sie zum Beispiel potenzielle Neukunden ansprechen. Entsprechendes gilt für Personalberater und Personalverantwortliche von Unternehmen. Auch sie müssen sich zum Beispiel in Bewerbungsgesprächen oft in kurzer Zeit ein erstes Bild von einer Person machen. Hierfür nutzen sie häufig (bewusst oder unbewusst) die Physiognomik – und machen damit nach eigenen Aussagen positive Erfahrungen.
„Alles Humbug“, erwidern auf solche Aussagen die Gegner des Gesichterlesens. „Hierbei handelt es sich bestenfalls um selbsterfüllende Prophezeiungen.“ Dennoch sollten auch sie sich mit der Physiognomik befassen. Denn unabhängig davon, ob ihre Annahmen richtig sind, bleibt die Tatsache bestehen: Die Körpermerkmale rufen in uns bestimmte Assoziationen und somit Emotionen hervor. Und diese führen wiederum dazu, dass wir manche Personen zum Beispiel auf Anhieb als sympathisch oder unsympathisch, interessant oder uninteressant empfinden.
Kennen wir diese Bilder und Assoziationen, können wir sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen. Sind sie uns hingegen nicht bewusst, dann geben wir uns schnell der Illusion hin, wir würden uns ganz rationell verhalten – und dies obwohl unser Verhalten faktisch von unserem Unbewussten und von unseren Emotionen gesteuert wird.
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Welche Gesichter signalisieren welche Charaktereigenschaften?
Im Folgenden ein kurzer Einblick, welche Eigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale beim Gesichterlesen den verschiedenen Körpermerkmalen zugeordnet werden. Dabei gilt es jedoch zu beachten: Ein Gesicht sollte stets in seiner Gesamtansicht interpretiert beziehungsweise gelesen werden.
Stirn
Einer hohen Stirn werden Intellekt, Vernunft und Denkfreude zugeordnet. Bei beharrlichen Menschen findet man zudem oft die sogenannte Willensfalte. Diese Stirnfalte entsteht senkrecht über der Nasenwurzel, wenn sich eine Person auf ein Ziel konzentriert. Die Willensfalte sagt aus: Vor mir steht jemand, der hartnäckig seine Ziele verfolgt. Jobfalte nennt man hingegen eine Falte, die sich an der rechten Augenbraue hochzieht. Sie weist auf eine Person hin, die sich stark mit ihrer Tätigkeit identifiziert. Solche Menschen entwerfen neue Lösungen und versuchen auch anderen Personen hierfür zu gewinnen. Eine senkrechte Falte nahe der linken Augenbraue heißt Seelenfalte. Wer sie hat, kann mit Stress umgehen und ist dann besonders stark, wenn es hektisch wird. Eine Befehlsfalte, also eine Querfalte oberhalb des Nasenrückens, hingegen deutet auf Entscheidungsfreude hin. Ihre Besitzer sind häufig „Alphatiere“.
Augen
Menschen mit großen, offenen Augen gelten als feinfühlig. Sie pflegen Freundschaften und Beziehungen intensiv. Bei leidenschaftlich-ungestümen Menschen stehen häufig die Augäpfel hervor. Auch eine dichte Augenbrauenbehaarung gilt als Indiz für ein zuweilen überschäumendes Temperament. Eher vorsichtig, abwartende Menschen sollen recht tief sitzende Augäpfel haben. Schmale Augen hingegen gelten als Indiz für eine gute Beobachtungsgabe. Menschen, deren Augen eng beieinander stehen, legen Wert auf Details. Hingegen gelten Menschen mit weit auseinander stehenden Augen als kreative Köpfe, die sich eher für den großen Wurf interessieren.
Nase
Ein breiter Nasenrücken deutet auf eine überdurchschnittlich starke mentale Belastbarkeit hin. Hat eine Person zudem große Nasenlöcher, ist sie vermutlich großzügig. Personen mit einer schmalen langen Nase sowie kleinen Nasenlöchern hingegen gelten als sparsam und sehr strebsam; zugleich aber als idealistisch und nicht bereit, Ziele um jeden Preis zu erreichen.
Die Nasenspitze gibt Auskunft über das Selbstbewusstsein. Eine nach oben gebogene Nasenspitze soll auf einen gewissen Hang zur Leichtigkeit hindeuten. Hingegen wird Menschen, deren Nasenspitze nach unten gebogen ist, die Fähigkeit zugeschrieben, andere Personen beeinflussen zu können und zu wollen.
Mund
Wie stark sich Menschen von ihren Emotionen leiten lassen, sollen ihre Lippen zeigen. Wer eine pralle Oberlippe hat, gilt als leidenschaftlich, bisweilen sogar dramatisch. Ein herzförmiger Amorbogen, also eine bogenförmige Einkerbung an der Oberlippe, deutet auf ein hohes Einfühlungsvermögen hin.
Personen mit einer üppigen Unterlippe gelten als Genussmenschen. Befinden sich auf den vollen Lippen kleine vertikale Linien, dann ist anzunehmen: Die Person hat ein Gespür für Komik und kann über sich selbst lachen. Von Leichtigkeit und Sinnlichkeit fehlt bei Menschen mit kaum vorhandenem Lippenfleisch hingegen jede Spur. Sie lieben knallharte Fakten. Sie können schwierige Maßnahmen leicht umsetzen, denn ein Rücksichtnehmen auf Emotionen erachten sie als Gefühlsduselei.
Kiefer und Kinn
Wer eine stark ausgeprägte Kiefer- und Kinnregion hat, soll zielorientiert und konfliktfähig sein. Außerdem sollen solche Personen eher materialistisch eingestellt und recht statusbewusst sein. Sie setzen sich oft über die Gefühle anderer Menschen hinweg. Ein zurückweichendes Kinn mit einem eher kleinen Unterkiefer hingegen, wird als Zeichen für Durchsetzungsschwäche und mangelnde Leistungsbereitschaft interpretiert. Und ein Kinn, das spitz nach vorn ragt, soll auf einen Hang zur Selbstgefälligkeit hindeuten. Hingegen signalisiert ein rundes Kinn: Das ist ein diplomatischer Typ.

