Rhetorik Mit Stegreifreden glänzen

21.02.2007 – Wer spontan eine Rede halten soll, muss eine selbstsichere Persönlichkeit sein. Doch aus dem Stegreif zu sprechen lässt sich erlernen. Eine Voraussetzung: Prägnante und einfache Formulierungen.

Gastbeitrag von Gerhard Reichel, Institut für Rhetorik, Forchheim*

Stellen Sie sich vor, Sie werden gebeten, ein Statement zum Thema „Sinn- oder Unsinn von Bürgerentscheiden“ abzugeben. Vor Ihnen sitzen fremde Menschen, die Sie erwartungsvoll anschauen. Sie spüren, wie Ihr Herz schneller schlägt. Ihr Mund wird trocken. „Hoffentlich“, denken Sie, „fällt mir jetzt etwas Vernünftiges ein.“ Schließlich quetschen Sie ein paar Worte heraus: unsicher, gepresst. Ihre Stimme hört sich fremd an. Und schon ist es passiert: Blackout, Denkblockade. Ärgerlich. Noch ärgerlicher: Fünf Minuten später fällt Ihnen alles Mögliche zum Thema ein. Solche peinlichen Situationen lassen sich vermeiden.

Entscheidend ist ein schneller Redeeinstieg

Redner Steinbrück
Vor allem Politiker müssen spontan Rede und Antwort stehen können

Früher war die Stegreifrede eine eilige Nachricht, die ein reitender Bote noch vom Sattel aus dem Empfänger zurief, zum Beispiel über die neuesten Verhältnisse an der Front. Weil das unbequem war, fielen diese Reden immer recht kurz aus. Auch Sie sollten sich bei einer Stegreifrede möglichst kurz halten. Wichtig ist, dass Sie den Eindruck vermitteln: „Ich kann auf diesem Gebiet durchaus mitreden.“ Die Stegreifrede ist die höchste Stufe der Rhetorik, weil sie ohne jede Vorbereitung, aus dem Augenblick heraus gehalten werden muss. Entscheidend ist, dass Sie, sobald Sie das Wort ergreifen sollen, möglichst schnell einen Redeeinstieg finden. So findet Ihr Körper gar keine Zeit, Adrenalin zu produzieren, das bei längerem Überlegen zur Blockade im Gehirn führt. Sobald Sie dann einmal am Reden sind, werden Sie merken, wie Ihnen die Ideen und Einfälle nur so zufliegen.

1805 schrieb Heinrich von Kleist über dieses Phänomen einen bis heute viel beachteten Essay mit dem Titel „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden". Seine These: Beim Sprechen kommen uns die Gedanken irgendwie automatisch, so wie der Appetit beim Essen. Wenn wir mit dem Aussprechen des Gedankens „nur dreist den Anfang machen", so der Dichter, präge unser Gemüt im Alleingang die vorher noch „verworrenen Vorstellungen zur völligen Deutlichkeit aus". Der einmal angefangene Satz will zu Ende gesprochen werden. Ohne die Eigendynamik der Sprache kämen die Gedanken gar nicht auf Trab. Und so manch großer Redner habe „in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte" noch nicht gewusst, was er kurz darauf sagen würde.

Verschüttetes Wissen frei legen: Die fünf Schlüssel

Für die meisten ist der Einstieg am schwierigsten. Mit Hilfe der folgenden fünf „Schlüssel" wird es Ihnen künftig gelingen, Ihr „Gehirnkästchen“ aufzuschließen, um das dort gespeicherte Wissen freizulegen:

1. Fragen

Sie sprechen jene Fragen, die Sie sich sonst im Stillen stellen, laut aus und lassen Ihre Zuhörer quasi an der Geburt Ihrer Gedanken teilhaben:

  • Woher kommt der Begriff Bürgerentscheid?
  • Warum ist Mitentscheiden so wichtig für eine Demokratie?
  • Wann benötigen wir einen Bürgerentscheid?
  • Welche Bedeutung haben Bürgerentscheide für uns?
  • Wo sollte man besser darauf verzichten?

Auf welche dieser Fragen Sie dann antworten, entscheiden Sie spontan. Es wird naturgemäß die Frage sein, deren Beantwortung Ihnen am leichtesten fällt. Und schon haben Sie den Einstieg geschafft.

2. Zeit

Sie zeigen die Entstehung oder Entwicklungsgeschichte des Themas auf, das heißt

  • Sie werfen einen Blick zurück in die Vergangenheit (Wie war es früher?),
  • kommen dann auf die Gegenwart
  • und können dann noch einen Blick in die Zukunft werfen.

3. Handlung

Sie kleiden das Thema in ein persönliches Erlebnis oder machen eine kleine Geschichte daraus: "Da ist neulich folgendes passiert...“ Dieser Schlüssel bietet zudem den Vorteil, dass Sie sehr anschaulich und interessant sprechen.

4. Gefühl

Sie sprechen über das Gefühl (Freude, Angst, Wut, Trauer oder Sorge), das das Thema bei Ihnen auslöst. Etwa in der Art: "Wenn ich an das Thema Bürgerentscheid denke, fühle ich große Sorge, weil..."

5. Assoziation

Sie bringen das Thema in Beziehung zu einem verwandten Thema oder sprechen zunächst sogar über den gegenteiligen Begriff. Sie sollen zum Beispiel zum Thema "Krieg" sprechen: "Gibt es für die Menschen etwas Schöneres als im Frieden zu leben? Warum ist der Friede so wichtig für uns?" Nach wenigen Sätzen schlagen Sie dann den Bogen zum eigentlichen Thema. Übung macht den Meister. Prägen Sie sich diese fünf Schlüssel gut ein, damit Sie variantenreich damit umgehen können! Sie können sie auch gut gebrauchen, wenn Ihnen zwischendurch der Stoff ausgeht oder einen „Filmriss“ haben. Dann sagen Sie an dieser Stelle einfach: „Übrigens, wie war das eigentlich früher?“

Erfolgsrezept KISS: Keep it short and simple

Am bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber kann man besonders gut studieren, wie aus Gedachtem Worte werden. Allerdings macht er einen großen Fehler: Statt kurze, prägnante Sätze zu bilden, beginnt er einen Nebensatz nach dem anderen, macht Einschub nach Einschub, und irgendwann ist das Satzsubjekt in so weiter Ferne, dass sich nicht mehr das richtige Prädikat finden lässt. Stoiber unterliegt im Kampf mit der Syntax nicht, weil er etwa ein Tölpel ist, sondern weil er ein Schnelldenker ist und dann seine Gedanken auch noch viel zu schnell ausspricht. Ein Beispiel dafür ist seine Rede vom 21. Januar 2002 auf dem Neujahrsempfang der CSU. Damals ging es um die geplante Transrapidstrecke zwischen dem Münchner Hauptbahnhof und dem Flughafen Franz Josef Strauß:

„Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München mit zehn Minuten, ohne dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen, äh, am Hauptbahnhof in München starten Sie Ihren Flug."

Wer soll das verstehen? Vorsicht also! Wenn Sie den Umgang mit diesen Schlüsseln ein wenig trainiert haben, werden Sie schnell feststellen, dass auch für Sie die Gefahr besteht, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, zu schnell und zu lange zu reden. Disziplinieren Sie sich deshalb und fassen Sie sich kurz! Drücken Sie sich einfach aus! Der Komiker Heinz Erhardt hatte Recht, wenn er meinte:

„Wird man unerwartet gebeten, eine Rede zu halten, so erschrecke man nicht, sondern fasse sich. Aber kurz!“

Hinweis

Gerhard Reichel gilt als exzellenter Rhetorik-Trainer. Unternehmer, Politiker und Führungskräfte schätzen das Know-how und die Persönlichkeit des mehrfachen Buchautors und gefragten Referenten. Sein 1975 gegründetes Institut für Rhetorik zählt mittlerweile zu den ersten Adressen Deutschlands.

*Kontakt:
Institut für Rhetorik
Gerhard Reichel,
Goethestraße 1
91301 Forchheim
Tel.: 09191-89501
E-Mail: reichel.seminare@t-online.de
Web:www.gerhardreichel.de

[Bilder: Pixelquelle]

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