ArbeitsleistungWarum das Leistungsprinzip ein Trugbild ist

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Warum verdient ein Arbeiter, der sein Plansoll zu 130 Prozent erfüllt, weniger als ein Abteilungsleiter, der es zu 100 Prozent erfüllt? Ulf D. Posé entlarvt das Leistungsprinzip als Chimäre.
erschienen: 27.04.2016
Schlagwörter: Wettbewerb
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Aristoteles meinte einmal: „Der redliche Mensch unterscheidet sich vom unredlichen Menschen dadurch, dass der redliche Mensch sagen kann, worüber er spricht.“ Also reden wir einmal Tacheles. „Leistung muss sich wieder lohnen.“ „Gleiches Geld für gleiche Arbeit.“ „Wir sind eine Leistungsgesellschaft.“ Das sind alles Aussagen, die zu aberwitzigen Vorurteilen und Forderungen führen und unser Denken vernebeln. Und sie sind in hohem Maße unredlich. Ich möchte nämlich nicht für meine Leistungen bezahlt werden, ich will nicht gleiches Geld für gleiche Arbeit, und für mich soll sich Leistung überhaupt nicht lohnen!

Wir sind schon lange soweit, unseren Lohn nicht mehr für das beziehen zu wollen, was tatsächlich Grundlage unserer Entlohnung ist, und ich befürchte, es ruiniert die Unternehmen, unseren Staat. Es liegt nur an einem einzigen Umstand: Wir sind im Sinne von Aristoteles unredlich geworden. Wir wissen nicht mehr, was wichtige Begriffe in unserer Gesellschaft bedeuten. Wir haben Gefühle zu bestimmten Begriffen, und diese dominieren dann unser Handeln.

Das Leistungsprinzip ist der Ruin unserer Wirtschaft

Lassen Sie es mich an dem Begriff des Leistungsprinzips deutlich machen. Das Leistungsprinzip ist eine tragende Säule unserer Wirtschaft. Gleichzeitig ist das es deren Ruin. Ich gebe zu, ein vehementer Gegner des Leistungsprinzips zu sein. Bevor Sie jetzt vielleicht den Kopf schütteln, lassen Sie es mich erklären.

Das Leistungsprinzip ist eine Entlohnungsmethode, in der Mitarbeiter nach Maßgabe ihrer erbrachten Leistungen honoriert werden. Leistung ist entweder das Maß der Erfüllung von Zielvorgaben oder die Menge der Arbeit in Zeiteinheit. Prüfen wir, ob das die Grundlage unserer Entlohnung darstellt.

Wofür bekommen wir eigentlich unseren Lohn? Früher war das ganz einfach: Wer arbeiten wollte, bot seine Arbeit auf dem Arbeitsmarkt an. So bekam Arbeit im Verhältnis zu den anderen Anbietern einen Marktwert. Es gab Unternehmer, die diese Arbeit auf dem Arbeitsmarkt einkauften, weil sie sich einen Nutzen davon versprachen. So bekam Arbeit einen Nutzwert. Stieg der Nutzen an, bekamen Arbeiter mehr Lohn, sie wollten am gestiegenen Nutzen beteiligt werden. Sank der Nutzen, wollte der Unternehmer diese Arbeit nicht mehr haben, und er entließ Mitarbeiter. Das Entlohnungsprinzip war das Marktwert-Nutzwertprinzip. Auch heute noch ist der vom Unternehmer erwartete Nutzen die entscheidende Größe bei der Kalkulation des Gehalts.

Wie das Leistungsprinzip entstand

Wie jedoch kam das Leistungsprinzip in unsere Köpfe? Es gab einen Mann, der fand das Marktwert-Nutzwertprinzip unmenschlich. Er war der Ansicht, dass man menschliche Arbeit entwürdigen würde, wenn diese ihren Wert nur durch den Vergleich mit anderer Arbeit und durch den Nutzen ihren Wert erhielt. Der Würde nach sei jede Arbeit gleich.

Dieser Mann war der Ansicht, dass Arbeit nicht wie eine Ware behandelt werden dürfte. Außerdem fand er diese Entlohnungsart ungerecht, da nicht die tatsächliche Anstrengung, der Einsatz, die Leistung belohnt würde, sondern die Arbeit an sich, die erst im Vergleich zu anderer Arbeit ihren Wert erhält – und nicht aus sich selbst heraus.

So schaute dieser Mann sich um und wurde in den preußischen Schulen fündig. Dort wurden Schüler nicht nach ihrem Nutzen benotet, sondern nach ihren Leistungen. Bei ihrer Benotung sollte es keine Rolle spielen, ob der Vater des Schülers zum Beispiel ein Metzger war, der dem Lehrer eine halbe Schweinehälfte schenkte. Dieses Leistungsprinzip übertrug der Mann postularisch auf die Wirtschaft. Der Mann hieß übrigens Karl Marx.

Leistung und Nutzen haben wenig miteinander zu tun

Nach dem zweiten Weltkrieg haben die Besatzungsmächte verhindert, dass auch der westliche Teils Deutschlands sozialistisch organisiert wurde. Gleichwohl spielte damals die Einführung des Leistungsprinzips eine wichtige Rolle. Der Begriff wurde zum Synonym für den gigantischen Wirtschaftsaufschwung in der Nachkriegszeit. Erzähle ich Unternehmern diese Geschichte, wollen sie in aller Regel ihr Leistungsprinzip retten. Drei Gegenargumente höre ich immer wieder.

1. „Wenn ich Leistungsprinzip sage, dann meine ich das Marktwert- Nutzwertprinzip.“

Diese Argumentation hinkt. Vor allem deshalb, weil die Definition des Leistungsprinzips akzeptiert wird. Bedenken Sie in diesem Zusammenhang, dass das Leistungsprinzip eine idealtypische sozialistische Entlohnungsmethode darstellt, in der der Markt und der Nutzen überhaupt nicht vorkommen. Die Argumentation ist zudem unehrlich, denn wer einen Begriff anders verwendet als gemeint, ist unehrlich. Schon Konfuzius sagte: „Verliert eine Gesellschaft ihre wichtigen Begriffe, dann verliert sie ihre Freiheit.“ Wir sind intensiv dabei, unsere Freiheit zu verlieren.

Leistung und Nutzen haben äußerst wenig miteinander zu tun. Es gibt Menschen, die nutzen ihrem Chef ausschließlich dadurch, dass sie nichts leisten. Denken Sie an das Peter-Prinzip: Der Mensch steigt solange auf, bis er die Stufe seiner Unfähigkeit erreicht hat. In der Werbung erleben wir nicht selten, dass Kreative oft sehr wenig leisten, jedoch enormen Nutzen stiften. Große Leistungen werden schlechter bezahlt als geringe Leistungen. Beispiel: Nach dem Leistungsprinzip müsste ein Hilfsarbeiter, der seine Sollvorgabe zu 130 Prozent erfüllt, mehr Lohn bekommen als der Abteilungsleiter oder Geschäftsführer, der sein eigenes Plansoll nur zu 100 Prozent erfüllt.

2. „Wenn die Arbeit vergleichbar ist, dann gilt das Leistungsprinzip.“

Selbst bei Akkord-Arbeit oder im Außendienst werden Mitarbeiter nicht nach dem Leistungsprinzip bezahlt. Wenn ein Arbeiter zum Beispiel zehn Glühbirnen in einer Stunde herstellt, dann kann der Unternehmer ihm nur so viel Geld geben, wie der Markt dafür hergibt. Sinken die Preise für Glühbirnen, dann muss der Arbeiter mehr Glühbirnen in einer Stunde herstellen, um noch Anspruch auf seinen alten Lohn zu haben. Er leistet also mehr für den gleichen Lohn. Tut er das nicht, bekommt er weniger Geld.

Wer von Leistungslohn spricht, mystifiziert, denn der Begriff verschleiert den wahren Grund für das Gehalt: den Nutzen! Es ist völlig gleichgültig, ob ein Außendienstler 50 Kunden besucht hat – er muss Vertragsabschlüsse, also einen Nutzen fürs Unternehmen erzielen. In der Versicherungsbranche zum Beispiel ist eine Lebensversicherung mehr Wert als eine Hausratversicherung. Es spielt keine Rolle, wie viel Leistung in dem jeweiligen Vertragsabschluss steckt. Die Provision richtet sich ausschließlich nach dem Nutzen der abgeschlossenen Versicherung.

3. „Das Leistungsprinzip ist der Garant für sozialen Frieden.“

Wie soll man Arbeitern klar machen, dass sie weniger leisten als Angestellte? Wie soll man Hochofenarbeitern erklären, dass sie weniger leisten als Leistungssportler? Ich denke, das können wir nicht. Hochofenarbeiter leisten vielleicht mehr als zum Beispiel prominente Spitzensportler, aber wer ist schon daran interessiert, Tribünen um einen Hochofen zu bauen, Fernsehkameras zu installieren und das Ganze im Abendprogramm zu zeigen? Wir haben mehr Spaß daran, also einen Nutzen, den Spitzensportlern zuzuschauen. Also werden sich die Tickets für den Tribünenplatz am Hochofen wahrscheinlich sehr schlecht verkaufen lassen.

Erkläre ich das Nutzenprinzip, dann ist es für Arbeiter wahrscheinlich leicht einzusehen, dass sie etwa 70 Prozent des von ihnen gestifteten Nutzens auch an mittelbarer oder unmittelbarer Entlohnung zurück bekommen. Während Angestellte oder Geschäftsführer wahrscheinlich maximal 30 Prozent des Nutzens, den sie stiften, als Gehalt auf ihrem Konto wiederfinden. Oder nehmen wir den Streit um die Anpassung der Gehälter in Ostdeutschland. Dort wird sicher nicht weniger geleistet als im Westen, nur waren die Unternehmer dort gezwungen Löhne zu zahlen, die sie mit den Arbeitsergebnissen im Markt nicht erwirtschaften konnten.

Das Leistungsprinzip gefährdet den sozialen Frieden

Das Leistungsprinzip sichert nicht den sozialen Frieden, es gefährdet ihn! Mittlerweile sind wir schon soweit, dass wir als Krönung des Leistungsprinzips auf die verrückte Idee gekommen sind, allein für unsere Arbeitszeit, für unsere Anwesenheit im Unternehmen bezahlt werden zu wollen, nicht für den Nutzen.

Halten wir es zum Schluss vielleicht mit Bernhard Shaw, der einmal sagte: „Menschen sind nur bereit für eine Sache zu sterben, die ihnen zureichend unklar ist.“

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Über den Autor
Ulf D. Posé

Ulf D. Posé ist freier Dozent für Dialektik und Führungslehre, Managementtrainer, Buchautor und Wirtschaftsjournalist. Er begann seine Karriere als Hörfunk- und Fernsehjournalist. Von 2003 bis 2013 war er Präsident des Ethikverbandes der Deutschen Wirtschaft e. V.. Seit 2010 ist er Präsident der Akademie des Senats der Wirtschaft e. V..

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