BenchmarkingGleichförmigkeit heißt Mittelmaß

Wer nur von Anderen abkupfert, landet automatisch im Mittelmaß – und wird niemals einzigartig. Ein Plädoyer gegen zu viel Benchmarking.
erschienen: 15.01.2015
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Eric, der Sohn eines Top-Managers, wird während einer Deutsch-Arbeit beim Abschreiben erwischt. Entschuldigt er sich? Nein. „Das war kein Abschreiben“, sagt er. Vielmehr ein Heft-übergreifendes Benchmarking, um die Wettbewerbsfähigkeit meines Deutsch-Aufsatzes zu erhöhen.“ Ist ihm das peinlich? Nein. Denn die Manager in den Unternehmen, das weiß er von seinem Vater, machen es genauso. Nur dass das Abschreiben im Business eben Benchmarking heißt.

Ganze Heerscharen von Managern haben in Business-Schulen die Kunst des Abschreibens beziehungsweise Abkupferns gelernt. Wozu selbst Ideen entwickeln? Es gibt ja Benchmarking. Was in der Theorie gut klingt, hat in der Praxis fatale Auswirkungen. Ganze Branchen stecken heute in der Benchmarking-Falle. Jeder schaut auf die vermeintlich Besten und kopiert sie. Ein Unternehmen wagt sich mit etwas Neuem hervor und der Rest schaut, ob es funktioniert. Falls ja, wird es hemmungslos kopiert. Die Folge: Alle reden von Innovationen, heraus kommen aber Produkte, die sich beinahe wie ein Ei dem anderen gleichen.

Benchmarking führt zu Einheitsbrei

Nach Beispielen brauchen Sie nicht lange zu suchen. Schalten Sie einfach Ihr Radio ein. Egal, welchen privaten Sender Sie hören, ständig werden Ihnen die „Superhits der 80er und 90er“ oder „das Beste von heute“ präsentiert. Ein Großteil der Radiomoderatoren klingt wie Losbudenverkäufer: „Jetzt anrufen und das geheimnisvolle Geräusch erraten. Für nur 49 Cent pro Anruf!“ Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Sie das annähernd gleiche Programm von Garmisch-Partenkirchen bis Flensburg hören? Weil alle Sender Benchmarking betreiben und auf die gleichen Erfolgsrezepte setzen.

Oder gehen Sie in den Supermarkt. Waschmittel Nummer eins verspricht Ihnen die sauberste Sauberkeit, Waschmittel Nummer zwei das weißeste Weiß und Waschmittel Nummer drei die farbigsten Farben. Auch die Branche der Nassrasierer verlegt sich eher aufs Klingen-Benchmarking denn auf Kreativität. Kaum brachte der erste Hersteller einen Rasierer mit zwei Klingen auf den Markt, folgte der nächste mit drei und wieder ein anderer mit vier. Das gleiche Phänomen existiert in der Automobilbranche. Kleben Sie ein Opel-Logo auf einen Toyota und fahren Sie durch die Stadt. Was glauben Sie: Wie lange dauert es, bis jemandem auffällt, dass Sie keinen Opel fahren?

Befindet sich Ihre Firma in der Benchmarking-Falle?

Opel baut tolle Autos. Das stimmt auch. Genauso tolle Autos wie die Konkurrenz. Versuchen Sie einmal ein Modell zu nennen, das aus der Masse heraussticht. Natürlich wird Ihnen der Fachmann sagen, dass die Designlinien anders sind als bei anderen Autos. Und eingefleischte Opel-Fans werden beim Lesen dieser Zeilen fluchen. Aber Hand aufs Herz: Die Modelle sind so einzigartig wie eine Eisscholle in der Antarktis. Das war einmal anders: Der „Manta“ und der „Kapitän“ waren einzigartig. Doch dann kamen die Benchmarker.

Sitzt Ihr Unternehmen vielleicht auch in der Opel-Falle? Haben Sie so viel Benchmarking betrieben, dass Ihnen Kreativität und Originalität abhanden gingen? Wenn zwei der folgenden drei Aussagen auf Ihr Unternehmen zutreffen, könnte es tief in der Falle sitzen:

  • Wir schauen auf die Konkurrenz und reagieren auf das, was dort passiert.
  • Wenn man die Feinheiten beiseite lässt, unterscheiden wir uns kaum von unseren Mitbewerbern.
  • Unsere Produkte werden häufig mit „So wie das Produkt von …, nur kleiner, größer, billiger, schneller ...“ beschrieben.

Raus aus der Benchmark-Falle!

Was machen Erfinder wie zum Beispiel Thomas Alva Edison, der Unternehmen wie General Electrics gründete, anders als das Management vieler Unternehmen? Die Glühbirne, der Phonograph als Vorgänger des Grammofons und die Filmkamera: All diese Erfindungen von ihm waren Pionierleistungen. Sie waren das Gegenteil von Benchmarking. Edison verstand es, seine Kreativität zu strukturieren, zu lenken und zu leiten. Er verknüpfte Ideenfindung und strategisches Denken. Benchmarking hingegen führt zu verwechselbaren Produkten, nahezu identischen Prozessen und Strategien – kurz: zu Mittelmaß. Das war nicht sein Ding, denn Mittelmaß war noch nie Spitze.

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Über den Autor
Dr. Jens-Uwe Meyer

Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Ideeologen Gesellschaft für neue Ideen mbH und der Innolytics GmbH - Gesellschaft für Innovationsanalyse. Er ist Autor zahlreicher Fachbücher und Studien über Ideenentwicklung und Innovationskultur. Der Innovationsexperte leitet an der Steinbeis SMI in Berlin den Studiengang Master of Management and Innovation.

AnschriftDie Ideeologen - Gesellschaft für neue Ideen mbH
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