BurnoutWie Ansprüche an sich selbst Stress verstärken

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Unrealistische Ansprüche an sich selbst fördern Burnout. Doch wie entstehen diese inneren Stressverstärker und wie kann der Teufelskreis durchbrochen werden?
erschienen: 16.12.2015
Schlagwörter: Burnout
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Innere Stimmen wie „Sei perfekt!“, „Streng dich an!“, „Sei vorsichtig!“ oder „Mach es allen recht“ drängen das eigene Handeln in eine Richtung, die gar nicht beabsichtigt war. Ähnliche unrealistische Ansprüche an einen selbst tragen als innere Stressverstärker dazu bei, Burnout zu fördern. 

Wie innere Stressverstärker entstehen

Bildgebende Verfahren in der medizinischen Forschung lassen die Verarbeitung der Emotionen im Gehirn nachvollziehen. Damit wird deutlich, wie das Gehirn Erlebnisse verarbeitet, bei denen sich eine Person enttäuscht, verletzt, beschämt, gedemütigt oder abgewertet fühlt. Solchen Situationen scheinen Betroffene ausgeliefert zu sein, können dem Moment nicht entfliehen. Die Wurzeln dieser Machtlosigkeit, der Unfähigkeit des alternativen Handelns liegen oft in der Kindheit, in der Eltern oder andere im Leben bedeutsame Menschen die betroffene Person in solche ähnliche Situationen gebracht haben. Auslöser können aber auch spätere Erfahrungen gewesen sein, die von sogenannten verletzenden Beziehungserfahrungen stammen. Diese werden im Gehirn fest verankert und sorgen dafür, dass sich die innere Stressspirale immer weiter dreht. 

Der Stressspirale auf den Grund gehen

Wer als Kind erfahren hat, dass Zuwendung und Lob nur mit besonderen Leistungen einhergehen, für den sind Situationen, in der diese Person im Erwachsenenalter nicht gut genug ist, nicht genug geleistet hat, nichts Großartiges vollbracht hat, eventuell sogar total versagt hat, eine innere Stresssituation. Denn auf die Datenverarbeitung im Gehirn bezogen ist so eine Situation mit der tiefen Angst verbunden, aus der sozialen Beziehung zu den Eltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen zu fallen. Wie ist das möglich?

Die Eltern haben auf geringere Leistungen des Kindes zum Beispiel in der Schule entweder nicht oder mit Enttäuschung und Strafe reagiert. Das wird vom limbischen System des Kindes, der Verwaltungszentrale der Emotionen im Gehirn, als verletzende Beziehungserfahrung abgespeichert. Als Folge wird beim nächsten Mal, wenn die Leistung des Kindes nicht entsprechend hervorragend ist, ein Notprogramm im Gehirn gestartet. Das limbische System übernimmt kurzfristig die Steuerung der Handlungen und löst in dem Moment die Frontalhirnsteuerung ab, die im Normalfall und im wachen Zustand alle bewussten Handlungen steuert. Es kommt zu unkontrollierbaren Stressreaktionen.

Die Wirkweise dieses Notprogramms hat nur ein Ziel: die Angst des Kindes und später auch des Erwachsenen vor den emotionalen Folgen wie Liebesentzug oder sonstigen Strafen möglichst wieder auf ein erträgliches Maß zu bringen. Begleitet ist das Notprogramm von einer hohen Ausschüttung von Stresshormonen, die den ganzen Körper überfluten. Die innere Alarmanlage im Gehirn ist an und verhindert einen geordneten Datentransport. Es kommt im Gehirn zu einem Datenstau, der sich bei jeder nächsten Situation verstärkt, in der dieser angstbesetzte Reiz auftritt.

Unrealistische Ansprüche als Lösungsversuch

Das Frontalhirn entwirft in den Zeiten zwischen den Stresssituationen verschiedene Lösungsversuche, um sich dem größten Stressor nicht mehr aussetzen zu müssen. Einige dieser Strategien lauten zum Beispiel: „Sei perfekt! Bereite dich stets so vor, dass du immer die beste Leistung erzielst. Kontrolliere alles und gib nichts vorschnell aus der Hand - es könnte ungenügend sein.“  Hier entsteht ein unrealistischer Anspruch an sich selbst, mit dem sich Menschen unter starken Druck setzen. Der innere Stressverstärker „Sei perfekt!“ hat sich erfolgreich installiert, und die Spirale dreht sich weiter.

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Die innere Stressspirale etabliert sich

Da es in der Realität unmöglich ist, immer perfekt zu sein, kann der selbstausbeuterische Anspruch nicht erfüllt werden. Dadurch entsteht eine einschränkende Grundüberzeugung über sich selbst wie etwa: „Auch wenn ich noch so hart arbeite, werde ich nie eine so gute Leistung erreichen, dass ich dafür gelobt werde!“ oder „Ich bin einfach nicht gut genug, da kann ich mich noch so anstrengen!“ Ein verzerrtes Selbstbild trübt den Blick auf die eigenen Leistungspotenziale.

Ein Teufelskreis ist entstanden, der seine Fortsetzung in galoppierenden Gruselfantasien findet. In einem Gedankenkarussell malen sich Perfektionisten aus, was alles passieren wird, wenn sie nicht Hervorragendes leisten. Der innere Dialog lautet etwa so: „Wenn ich nicht mein Bestes gebe, wird meine Chefin enttäuscht sein. Beim nächsten Mal, wenn es um Beförderung geht, werde ich sicher nicht berücksichtigt. Ist ja auch kein Wunder, wenn ich es nicht auf die Reihe bekomme, perfekt zu sein und mein Arbeitspensum besser zu erledigen!“ Hier hat sich eine innere Stressspirale etabliert, die sich selbst am Leben erhält. Immer wieder stellen Menschen Wenn-Dann-Ansprüche an sich selbst: „Wenn ich erst das und das und das auch noch kann, dann…!“ Der ersehnte Zufriedenheitsgrad tritt nicht ein, und die Gefahr, in ein Burnout zu schlittern, liegt auf der Hand.

Zwischenfazit

Je nachdem, welche Angst verbunden mit verletzenden Erfahrungen von früher im Hintergrund wirken, entwickeln Menschen unterschiedliche Ansprüche an sich selbst als Lösungsversuche gegen unkontrollierbare Stressreaktionen, denen sie ausgesetzt sind. Durch die Nichterfüllbarkeit dieser Ansprüche entsteht eine innere Stressspirale, die zusätzlich von einschränkenden Grundüberzeugungen und galoppierenden Gruselfantasien genährt wird.

Diese Stressspirale ist die Ursache dafür, dass ein antrainiertes Verhalten wie äußeres Stressmanagement zur Stressreduktion nur bedingt wirksam ist und ab einem gewissen Stresspegel zu unkontrollierbaren Stressreaktionen führt. Man spricht von limbischen Blockaden, die ihre Ursache in weit zurückliegenden verletzenden Beziehungserfahrungen haben, sich aber im beruflichen Kontext als extrem hinderlich zeigen.

Alle traditionellen Coaching-Verfahren, die einsichtsbezogen arbeiten, adressieren primär das Frontalhirn. Die Verknüpfung von der Situation und den dabei gemachten verletzenden Beziehungserfahrungen als Ursache für das Entstehen innerer Stressverstärker ist im limbischen System abgelegt, das über Sprache nicht erreichbar ist. Hier braucht es andere Werkzeuge, um das etablierte Reiz-Reaktionsschema zu unterbrechen – das sogenannte innere Stressmanagement.

Wie innere Blockaden sichtbar werden

Blockaden zeigen sich anhand unrealistischer Ansprüche und der damit verbundenen Auswirkungen. Testverfahren und computergestützte Fragebögen helfen, einen Überblick zu gewinnen und sind eine erste Grundlage für das Arbeiten an den inneren Blockaden.

Anhand von aktuellen Situationen im Arbeitskontext können unkontrollierbare Stressreaktionen und deren gewünschte Veränderung herausgearbeitet werden. Betroffene können Handlungen vorwegdenken, sie können gedanklich probehandeln. Das limbische System kann in seiner Reaktion darauf nicht unterscheiden, ob der Betreffende wirklich in der Stresssituation ist oder nur daran denkt. Dadurch ist es möglich, die Stressbelastung auf einer Skala von 0 -10 einzuschätzen. Meist liegt der Wert zwischen 8,5 und 10.

Nun kann mit allen Verfahren, die das limbische System wirksam adressieren, das Reiz-Reaktionsschema unterbrochen werden. Meist geschieht dies über rhythmische Interventionen auf bestimmte Akupunkturpunkte oder über expressive Techniken, die den körpereigenen Stressreduktionsmechanismen folgen. Man spricht vom Entkoppeln der ursprünglich in der verletzenden Situation entstandenen Verknüpfung und dem daraus entstandenen Reiz-Reaktionsschema.

Wenn in Gedanken das gewünschte Handlungsmuster ohne die vorherige Stressreaktion möglich ist (auf der Stressskala Wert 0 -3), wurde das etablierte Muster erfolgreich unterbrochen. Nun können die vorher unmöglich erscheinenden neuen Handlungsstrategien schrittweise erprobt und in den Alltag integriert werden.

Innere Quellen für Burnout versiegen lassen

Wer seine inneren Blockaden aufbricht, kann so handeln, wie er sich das schon lange vorgenommen hat. Das Ergebnis: Menschen lernen NEIN zu sagen, ohne sich mies zu fühlen. Sie können eigene Bedürfnisse genauso ernst nehmen wie die Bedürfnisse anderer. Sie lernen, Ärger als wichtigen Grenzwächter zu schätzen und erlauben sich, ihn angemessen zu äußern, um die eigenen Grenzen zu wahren. Sie reduzieren ihren Perfektionismus auf ein für ihre Tätigkeit angemessenes Maß an Genauigkeit und lernen, Ruhe zu genießen und sich in der Freizeit Entspannung zu gönnen. Die inneren Quellen, die ein Burnout nähren, sind damit versiegt. 

Die häufigsten inneren Stressverstärker im Überblick

Sei perfekt!
Dieser innere Stressverstärker verlangt Perfektionismus und Vollkommenheit von sich und von den anderen. Es ist ein Aufruf zur Übergenauigkeit und gleichzeitig eine Warnung vor Toleranz. Verhindert ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit.

Mach schnell!
Dieser Anspruch an sich fordert, immer alles rasch und schnell zu erledigen. Es ist ein Aufruf zur Hektik und eine verborgene Warnung vor Nähe zum Anderen. Verhindert, innerlich zur Ruhe kommen zu können und abzuschalten.

Streng Dich an!
Alles geht nur über Leistung und Fleiß. Der Anspruch an sich lautet: Nicht das Resultat, sondern die Leistung zählt. Er verhindert ein ausgewogenes Genießen.

Mach es allen recht!
Der Andere ist immer wichtiger als man selbst. Das Motto: "Dem Frieden zuliebe" steht im Vordergrund. Der Anspruch an sich selbst lautet, friedlich und freundlich zu sein. Es ist eine Warnung vor Konflikten und davor, eigene Bedürfnisse anzumelden. Wut und Ärger werden selten bis nicht gezeigt. Verhindert den Zugang zu den eigenen Bedürfnissen, weil die Erfüllung der Bedürfnisse anderer im Vordergrund steht.

Sei in jeder Lage stark!
Dies heißt, sich keine Blöße geben dürfen und immer Vorbild sein müssen. Es ist ein Aufruf zum Heldentum um jeden Preis und eine Warnung davor, Gefühle zu zeigen und schwach zu sein. Verhindert die Annahme von Hilfe und Unterstützung.

Sei vorsichtig!
Dieser Stressverstärker bedeutet, sich über alle Maßen anstrengen zu müssen und alles im Vorfeld zu kontrollieren, damit die eigene Verunsicherung für das Umfeld nicht sichtbar wird. Verhindert Entscheidungen.

Sei unabhängig!
Dieser Stressverstärker bedeutet, sich und anderen beweisen müssen, dass man alles alleine schafft. Hilfe anzunehmen kommt einem Versagen gleich und ist mit Scham besetzt. Verhindert Delegation.

Burnout im Management-Handbuch
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Über die Autorin
Dr. Andrea Lederer-Rothe

Andrea Lederer-Rothe ist Business-Coach, Supervisorin und eingetragene Mediatorin in national und international tätigen Konzernen, KMUs und Organisationen. Sie ist Lehrtrainerin für Mediation, Supervision, Coaching und Organisationsentwicklung.

AnschriftLederer-Rothe-KG
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