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Duale StudiengängeLohn statt BAFÖG beziehen

Soll ich studieren oder eine Ausbildung machen? Das fragen sich viele Abiturienten und können sich nur schwer entscheiden. Für sie könnte ein dualer Studiengang eine interessante Alternative sein. Denn dort wechseln sich Praxisphasen in Unternehmen mit Studienphasen an einer Hochschule ab. Und auch Unternehmen profitieren von diesem Modell.
erschienen: 16.04.2009
Schlagwörter: Ausbildung

Endlich! Das Abi ist geschafft. Doch was nun? Eine Berufsausbildung beginnen, um möglichst schnell auf eigenen Füßen zu stehen – auch finanziell? Oder lieber studieren? Immer mehr Abiturienten wählen den Mittelweg: ein duales Studium, in dem sich Lernphasen an der Hochschule mit Praxisphasen im Betrieb abwechseln.

„Mit diesem Studienkonzept sind unsere Studierenden sehr zufrieden. Denn wer schon im Verlauf des Studiums in Betrieben mitarbeitet, weiß, wofür er sich die Theorie aneignet“, erklärt Professor Karl Müller-Siebers, Präsident der Fachhochschule für die Wirtschaft (FHDW) in Hannover, die mehrere duale Studiengänge anbietet.

Zufrieden mit seiner Entscheidung für ein duales Studium ist auch Oliver Lehmann. Er studiert seit zwei Jahren an der dualen Hochschule Villingen-Schwenningen Betriebswirtschaft; zugleich ist er Auszubildender der Bausparkasse Schwäbisch Hall. In dieser Zeit absolvierte er unter anderem ein Bankpraktikum und begleitete einen Finanzberater der Bausparkasse bei seiner Arbeit. „Deshalb kann ich die Bedeutung von neuen Lerninhalten einschätzen. Das motiviert mich beim Studieren sehr“, betont Lehmann.

Studium mit „Jobgarantie“

In wirtschaftlich eher schlechten Zeiten wie im Moment entscheiden sich viele Abiturienten auch für ein duales Studium, weil sie danach relativ sicher einen Job in der Tasche haben. Über 90 Prozent der Absolventen dualer Studiengänge erhalten von ihrem bisherigen Ausbildungsunternehmen ein Stellenangebot – auch weil das Finanzieren eines Studienplatzes eine hohe betriebliche Investition ist. „Circa 30.000 Euro kostet unser Unternehmen das Finanzieren eines Studienplatzes pro Jahr“, berichtet zum Beispiel Hans-Georg Kny von der Ausbildungsabteilung bei Siemens. Dafür haben die über 700 jungen Männer und Frauen, die Jahr für Jahr ein von Siemens finanziertes Studium abschließen, aber auch das Fachwissen, das der Konzern braucht.

Viele Abiturienten reizt an den dualen Studiengängen auch das Gehalt, das sie während ihres Studiums beziehen. Denn die Unternehmen überweisen ihren Studenten in der Regel eine Ausbildungsvergütung – meist circa 800 Euro pro Monat. Hinzu kommen oft Zuschüsse für Miete und Fahrtkosten. Ein weiterer Vorteil der dualen Studiengänge: Sie dauern trotz der Praxisphasen zumeist nicht länger als ein klassisches Hochschulstudium. Oft sind sie sogar kürzer. Wer zum Beispiel an der FHDW Hannover studiert, hat nach drei Jahren seinen Abschluss in der Tasche.

Oliver Lehmann schätzt an seinem Studium in Villingen-Schwenningen auch die individuelle Betreuung. „An einer ‚normalen’ Uni sitzen oft 200 Leute in einer Vorlesung; bei uns maximal 30“, berichtet er. „Deshalb fällt kein Student durchs Netz“, ergänzt Professor Ulrich Sommer, Direktor der dualen Hochschule. „Wenn jemand fehlt, fällt das sofort auf.“

Früher Berufseinstieg hat Vor- und Nachteile

Doch welche Karrierechancen haben die Absolventen dualer Studiengänge? „Mit unseren dualen Studienangeboten wollen wir primär den Nachwuchs für das mittlere Management sichern“, erklärt Vera Pinkawa, Referentin Nachwuchsgewinnung bei der Deutschen Bahn AG, die circa 240 duale Studienplätze pro Jahr anbietet. „Das schließt aber nicht aus, dass die Absolventen die Karriereleiter weiter nach oben steigen.“ Ähnlich äußern sich die Vertreter von Siemens und Schwäbisch Hall.

Zum Thema Karrierechancen gibt Siemens-Personalexperte Kny auch zu bedenken: Die klassischen Hochschulabsolventen steigen frühestens mit 25 Jahren ins Berufsleben ein. „Dann haben die Absolventen der dualen Studiengänge schon einige Jahre im Unternehmen mitgearbeitet und zumeist die ersten Karrieresprünge hinter sich. Diesen Vorsprung müssen die externen Hochschulabsolventen erst einholen.“

Ein duales Studium eignet sich aber nicht für jeden. Wer Forscher werden möchte, ist mit dem klassischen Studium besser bedient. Dies gilt auch für Abiturienten, „die noch unsicher sind, in welchem Bereich sie später arbeiten möchten“, betont FHDW-Präsident Müller-Siebers. „Denn mit der Wahl des Unternehmens geht eine inhaltliche Spezialisierung einher.“

Über 600 Studiengänge stehen zur Auswahl

Wer sich für ein duales Studium entscheidet, sollte zudem „hochmotiviert, flexibel und belastbar sein“, erklärt Daniela Apel, die bei Schwäbisch Hall die Personalbetreuung leitet. Denn drei, vier oder gar fünf Monate Semesterferien haben die Studierenden dualer Studiengänge nicht. Sie haben in der Regel nur sechs Wochen Urlaub pro Jahr. Sie müssen zudem häufig ihre „Koffer packen“ – zumindest wenn die Studien- und Praxisphasen an verschiedenen Orten stattfinden. Nicht jeder Abiturient ist hierzu bereit.

Die Auswahl an dualen Studiengängen ist in Deutschland mittlerweile riesengroß, denn viele Unternehmen haben ihr Angebot an dualen Studienplätzen in den zurückliegenden Jahren stark ausgebaut. Zählt man alle Fachrichtungen und Spezialisierungen zusammen, dann können Abiturienten nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Köln, aus mehr als 600 Angeboten wählen – finanziert von über 24.000 Unternehmen. Zum Beispiel im Internetportal www.ausbildungplus.de sind die Angebote aufgelistet.

Vorteile eines dualen Studiums

  • Hoher Praxisbezug: Studienphasen wechseln sich mit Praxisphasen im Unternehmen ab. So lässt sich bereits während des Studiums Berufserfahrung sammeln.
  • Gehalt statt Gebühren: Das Unternehmen zahlt eine Ausbildungsvergütung oder ein Stipendium und übernimmt die Studiengebühren.
  • Sicherer Berufseinstieg: Da die Unternehmen viel in die Ausbildung „ihrer“ Studenten investieren, übernehmen sie auch über 90 Prozent der Absolventen dualer Studiengänge.
  • Gute Betreuung: Bei den dualen Studiengängen sitzen in der Regel maximal 30 Studenten im Hörsaal, während sich beim klassischen Studium oft 100, 200 und mehr Studenten in den Vorlesungssälen drängeln.

Doch Vorsicht! Die Arbeitsbelastung ist sehr hoch. Zudem gibt’s statt mehrmonatigen Semesterferien nur 6 Wochen Urlaub pro Jahr. Und: Wer später forschen oder sich noch nicht spezialisieren möchte, sollte sich eher für ein „klassisches“ Studium entscheiden.

[Bild: ©Coka - Fotolia.com]

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