EntscheidenVon der Freiheit, nein zu sagen

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Viele Menschen schaffen es nicht, sich deutlich gegen etwas auszusprechen. Doch wer auch bestimmt nein sagen kann, setzt Grenzen und wird auf lange Sicht mehr respektiert.
erschienen: 06.11.2015
Schlagwörter: Entscheiden
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Nein ist ein sehr mächtiges Wort. Manchmal sogar ein richtiges Machtwort. Damit meine ich nicht die vielen kleinen Neins, die wir tagein tagaus immer wieder verwenden, um mit unserer Umgebung sinnvoll zu kommunizieren. „Magst du noch die letzte halbe Bratwurst essen?“ „Nein danke, ich bin satt.“ Oder: „Habt ihr Lust, am Samstag mit uns ins Kino zu gehen?“ „Nein, wir haben schon etwas Anderes vor“. Diese landläufigen Neins benutzen wir, ohne groß darüber nachzudenken, um unseren Alltag zu organisieren. Schließlich haben wir das Neinsagen schon seit der Trotzphase unserer Kindertage geübt und die Wirkung bis zum Erweichen getestet.

Ein Nein kann schnell unhöflich wirken. Schon allein deshalb kann es damit schon mal brenzlig werden. Grundsätzlich sollten Neins aufrichtig und authentisch sein. „Wir laden wieder Ehepaare zu einem gemütlichen Abend ein. Ihr kommt doch auch?“ „Nein, das klappt dieses Mal leider nicht.“ In Klammer steht: Die Leute und die Gespräche bei euch sind immer so langweilig. Manchmal ist ein Nein eben besser ein diplomatisches. Schadensbegrenzung. Alle Menschen nutzen diplomatische Neins, auch wenn sie es nicht gerne zugeben. Die, die es nicht beherrschen, driften schnell ins gesellschaftliche Abseits.

Die wirklich wichtigen Neins im Leben

Aber es gibt auch die großen, kraftvollen Neins, die intensiv wirken und manchmal auch laut sind. Das sind die wirklich wichtigen Neins im Leben. Für viele Menschen ist ein großes Nein oft nur im Kopf existent. Sie schaffen es nicht, es auch an der richtigen Stelle einzusetzen. Zu viel Überwindung? Angst vor Konsequenzen? Nach manchen Neins ist hinterher nichts mehr, wie es vorher war. Deshalb sollte solch ein mächtiges Wort auf jeden Fall mit Respekt gesagt werden. Und mit Nachdruck. Ich habe eigentlich kein Problem damit, meine Meinung zu sagen. Aber ein hartes Nein fällt mir trotzdem immer wieder schwer. Es kostet mich Kraft und oft einen langen inneren Anlauf.

Auch ein Nein im Beruf kann zur Grenzerfahrung werden. Vor allem, wenn man als Arbeitnehmer tätig ist. Einerseits ist es sowohl für Chefs als auch für Kollegen von Vorteil, wenn in klaren Strukturen und verlässlich mit ja oder nein geantwortet wird. Grundsätzlich – aber es birgt auch Risiken. Als ich mich auf eine Stelle beworben hatte, sagte ich im Vorstellungsgespräch, dass mir zwei Dinge wichtig sind: Auf keinen Fall ein Büro, in dem geraucht wird. Außerdem maximal zu zweit im Raum sitzen. Ich weiß, wenn um mich herum zu viel los ist, kann ich mich viel schwerer konzentrieren. Das wurde verständnisvoll akzeptiert.

Der dritte Schreibtisch in meinem Büro blieb lange leer. Zwei Jahre später wurde ich dann zum Gespräch gebeten. Es sollte ein Auszubildender zu mir ins Zimmer gesetzt werden. Kein Problem, habe ich gesagt, solange ich dann wieder zu zweit sitze. Nein, ich könne ja nicht verlangen, dass dann meine Kollegin ihren Arbeitsplatz wechseln muss. Ich könne ja auch wechseln, habe ich vorgeschlagen. Nein, das ginge nicht, weil ich den Auszubildenden ausbilden soll. Nein, sagte ich, ich möchte auf gar keinen Fall zu dritt mit zwei stark frequentierten Druckern im Durchgangszimmer sitzen. Also beharrte ich auf die bestehenden Absprachen. Gut, dann solle der Azubi wenigstens vorübergehend im Zimmer sitzen, bis eine andere Lösung gefunden ist. Na toll. Meinem Chef und mir war klar: Wenn das erst einmal umgesetzt ist, bleibt das auch so. Mit sehr viel Überwindung kam ein leises, aber bestimmtes Nein über meine Lippen. Ergebnis: Der Azubi kam in ein anderes Zimmer.

Mit einem Nein sich selbst treu bleiben

Für die nächsten Wochen habe ich bei meinem Chef kaum Besprechungstermine bekommen. Auch würdigte er mich selten eines Blickes – die Konsequenz für mein bestimmtes Nein. Keine schöne und keine einfache Situation für mich, aber in mir war alles gut. Ich war mir selbst treu geblieben, und das war wichtig. Ein halbes Jahr später hatte ich sogar mein eigenes Büro. Nein sagen hat für mich nicht nur etwas mit Entscheidungen, sondern auch mit Ernst nehmen zu tun. Wer seine persönlichen Grenzen darlegt und dafür einsteht, wird langfristig mehr respektiert als der chronische Ja-Sager.

Durch ein Nein ist es möglich, klare Grenzen zu setzen. Grenzen helfen Strukturen zu schaffen. Strukturen sind die Basis für ein erfolgreiches Miteinander und ein gutes Selbstwertgefühl. Ich beneide alle, denen ein großes Nein leicht über die Lippen kommt. Ich sitze respektvoll mit allen im Boot, die sich die großen Neins hart erkämpfen müssen (wie ich). Und ich rate allen, die die großen Neins nur im Kopf haben: Lasst sie heraus!

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Über die Autorin
Sabine Ratermann

Sabine Ratermann ist Mitinhaberin und Geschäftsführerin der people@venture GmbH. Neben ihrer Tätigkeit als Personalberaterin und Bewerbungscoachin bloggt sie rund um das Thema Bewerbung. Außerdem schreibt sie regelmäßig als Autorin für ein SEO-Fachmagazin.

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