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Ergonomie am Arbeitsplatz steigert Produktivität und Mitarbeitermotivation

Ergonomie an Arbeitsplätzen in der Industrie erhöht die Produktivität. Gerade für ältere Mitarbeiter ein wichtiger Faktor für die Identifikation mit dem Unternehmen.
erschienen: 01.08.2011

Wenn Kapazitäten in der Montage aufgrund der steigenden Nachfrage nach industriellen Gütern ausgeweitet werden, ist dies für Firmen ein Grund, die Montagelinien neu zu gestalten beziehungsweise die Prozesse zu verbessern und zu beschleunigen. Forschungsinstitute haben herausgefunden, dass mehr als die Hälfte der Beschäftigten in der Europäischen Union sich über arbeitsbedingte körperliche Gesundheitsschäden beklagen. Allein in Deutschland werden laut der Fraunhofer-Forschung die Verluste, die am Arbeitsplatz aufgrund von Belastung und körperlichem Stress entstehen, auf jährlich über drei Milliarden Euro geschätzt.

Regelmäßige körperliche Belastungen resultieren vornehmlich aus der manuellen Handhabung von Lasten, etwa beim Bestücken und Entladen von Motorgehäusen an Bearbeitungsmaschinen, aus ungünstigen Bewegungen bei der Baugruppen-Montage oder erzwungenen Körperhaltungen bei der Entnahme von Bremsscheiben aus einer Gitterbox am Boden. Da die Unternehmen in den kommenden Jahren verstärkt mit der Überalterung der erwerbstätigen Bevölkerung konfrontiert werden, müssen tendenziell mehr durch das Alter eingeschränkte Mitarbeiter dieselben Aufgaben bewerkstelligen wie ihre jungen Kollegen.

Deshalb steht das Thema Ergonomie bei Industriedesignern, Planern und Ausstattern von Produktionslinien seit rund 20 Jahren im Mittelpunkt der Fabrik- und Betriebsmittelplanung. Das Bewusstsein für die enormen Einsparungspotenziale wächst in der verarbeitenden Industrie stetig. Um aber tatsächlich effizienter produzieren zu können, sollten Unternehmen auf einige Details beim Platzieren von Handling-Geräten und beim Umsetzen von ergonomischen Arbeitsplätzen achten:

1. Zeitersparnis durch belastungsarmes Arbeiten

Bedienfreundlich heißt, dass sich Anlagen variabel auf unterschiedliche Körpergrößen von Mitarbeitern ausrichten lassen und so konzipiert sind, dass auch ältere leicht damit umgehen können. Ein Beispiel aus der Spielwarenindustrie: Hier ist es wenig komfortabel, Teile zusammenzubauen und zu stecken, wenn sich die Arbeiter für jedes einzelne Teil bücken müssen. Vielmehr kann ein einfaches, flexibel einstellbares Hebegerät Abhilfe schaffen, und der Teilebehälter lässt sich auf Brusthöhe einstellen. Steht außerdem ein Generationenwechsel an diesem Arbeitsplatz an und wurde die Maschine zuvor optimal auf einen kleinen Mitarbeiter eingestellt, kann durch die flexible Verstellmöglichkeit dort auch ein hochgewachsener Mitarbeiter stehen, der sich sonst durch eine ständig gekrümmte Haltung Rücken und Bandscheiben geschädigt hätte. Moderne und verantwortungsvolle Unternehmen haben längst erkannt, dass gesunde, qualifizierte und leistungsmotivierte Mitarbeiter den zentralen Vermögenswert bilden. Denn es dreht sich neben der ausgereiften Technik immer mehr um nachhaltige Innovation, Kooperation und flexibles Handeln.

2. Produktionsarbeitsplätze ergonomisch planen...

Beim Einrichten von Fertigungshallen, etwa in der Automobilindustrie, ermöglichen Hubtische, schwenkbare Hebe- und Neigegeräte oder Arbeitsbühnen effizienteres Produzieren. Auch Alu-Krane oder Anschlagpunkte machen Arbeitsprozesse fließend. Doch damit ein Produktionsmitarbeiter 15 bis 30 Kilogramm schwere Motorblock-Teile trotz Vorrichtung nicht selbst anhebt, müssen Hebetechniker oder Handling-Konstrukteur, Architekt und Produktionsleiter den Arbeitsprozess möglichst optimiert und belastungsarm planen. Richtig platziert, kann ein Auslegerkran mit Balancer einen Arbeiter, etwa bei der Montage von Windschutzscheiben oder Fahrzeugsitzen, nahezu vollständig körperlich entlasten.

3. ...und ergonomisch nachrüsten

Genauso lassen sich bei der Nachrüstung bestehender Fertigungslinien deutliche Verbesserungen des Produktionsprozesses gegenüber dem nicht-ergonomischen Zustand realisieren. Hier ist viel Kreativität und Spezialisten-Wissen gefragt. Ein Beispiel aus der Praxis: Allein durch die ergonomische Veränderung der Prozesse an den Fertigungslinien bezifferten Produktionsleiter der Robert Seuffer GmbH, ein Hersteller mechanischer Baugruppen und Sensoren für Automobile, die Produktivitätssteigerung sechs Monate nach einer ausführlichen Umgestaltung auf 40 Prozent. Diese Verbesserung führt das Unternehmen auf flüssigere Prozesse mit kürzeren Beschaffungswegen, einfacherem und damit schnellerem Rüsten der Maschinen und besserer Kommunikation durch die einhergehende, neue Arbeitsorganisation zurück. Zudem benötigt die Montagelinie seit der Modifikation nur noch ein Sechstel der ursprünglichen Fläche.

4. Höhere Motivation und niedrigere Krankenstände

Gesundheitsschonende Arbeitsplätze wirken sich positiv auf den Krankenstand der Mitarbeiter aus. Arbeitsplatzbezogene Krankenstände lassen sich durch einfache Hilfsmittel wie etwa einen Hubtisch sogar oft vollständig vermeiden. Der positive Nebeneffekt: Durch einen ergonomischen Arbeitsplatz steigt der Spaß an der Arbeit und die Mitarbeiter fühlen sich eher wertgeschätzt – ein psychologischer Aspekt, der nicht unterschätzt werden sollte, wenn die Produktivität gesteigert werden soll. Dies ist der Schlüssel zu mehr Motivation, Identifikation und Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber.

5. Weniger Fehler und Beschädigungen

Seminare für Mitarbeiter, die zum Beispiel zeigen, wie Lasten ordnungsgemäß gehoben oder Zurrketten fachmännisch eingesetzt werden, schalten die letzten Bedienfehler aus. Hebetechniker bei Unternehmen des Maschinenbaus definieren deshalb bereits in der Entwicklungsphase neuer Anlagen, wo Anschlagpunkte sitzen müssen, um später das Produkt während seiner Herstellung sicher durch die Montage und danach zum Kunden zu befördern. Daraus entstehen oft hilfreiche Konzepte, wie Hallen eingerichtet werden oder auch Analysen, wo am Arbeitsplatz Gefahren lauern.

Trotzdem steckt Ergonomie am Arbeitsplatz gerade in produzierenden Betrieben noch in den Kinderschuhen und nur wenige Unternehmen setzen die Vorteile der Ergonomie konsequent ein. Die Folge: Mitarbeiter arrangieren sich mit den Gegebenheiten, die meist aus dem Ärmel geschüttelt sind und Firmen nehmen so bewusst Ausfälle in Kauf. Oft fehlt im täglichen Geschäft das Bewusstsein dafür, die unterschiedlichen Arbeitsplätze im Unternehmen besser zu gestalten.

Beispiel:
Es gibt Sägeblätter, die die Lärmemission beim Schneiden von Metall, Stein oder Holz um bis zu 15 Dezibel senken. Weil diese aber 20 Prozent teurer als herkömmliche Sägeblätter sind, sind sie kaum verbreitet. Unternehmen verschenken hier Potenziale, weil die verminderte Vibration das Blatt doppelt solange halten lässt und dieses außerdem präziser schneidet.

Über den Autor
Gregor Zens

Gregor Zens ist Standortleiter des zur Carl Stahl Gruppe gehörenden Handhabungsspezialisten Ventzki Handling Systems GmbH & Co. KG. Der Maschinenbautechniker und Betriebswirt berät zusammen mit seinem Vertriebsteam bei der effizienten, ergonomischen Einrichtung von Produktionshallen und Fertigungslinien. Zu seinen Kunden gehören unter anderem Daimler, BMW, Audi, Getrag und ZF.

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