Archiv

FamilienfreundlichkeitArbeitsplätze mit Familienanschluss

Unternehmen wie Continental unterstützen ihre Mitarbeiter mit familienfreundlicher Personalpolitik.
erschienen: 14.02.2011
(2 Bewertungen)

Familienfreundliche Maßnahmen sind für die Attraktivität eines Arbeitgebers ein strategischer Wettbewerbsvorteil und ein harter Wirtschaftsfaktor, weiß Carola Nennstiel-Koch, Personalmanagerin bei Continental in Frankfurt. Sie meint, früher hätten Mitarbeiter vor allem darauf geachtet, dass das Geld stimme. Heutzutage stehe für viele die Work-Life-Balance im Vordergrund.

Bedeutung schon früh erkannt

Der Frankfurter Standort von Continental hat diesen Ansatz schon vor Jahren erkannt. Bereits seit Ende der neunziger Jahre engagiert sich das in Rödelheim ansässige Unternehmen als verantwortungsvoller Arbeitgeber.

Neben flexiblen Arbeitszeiten, Teilzeit- und Home-Office-Angeboten hat Continental deshalb das sogenannte Full Time Equivalent eingeführt. Dabei werden die Arbeitsplätze und nicht die Beschäftigten auf diesen gezählt, erläutert Nennstiel-Koch. Das sei vor allem für Teilzeitkräfte von Bedeutung. Seit letztem Jahr arbeitet Continental zudem im Unternehmensnetzwerk "Erfolgsfaktor Familie" des Bundesfamilienministeriums mit.

Babys willkommen

Frischgebackenen Eltern überreicht das Unternehmen einen beliebten Baby-Willkommen-Rucksack, der eine Erstausstattung enthält. Um Mitarbeitern mit Kindern unter drei Jahren direkt bei der Betreuung unter die Arme zu greifen, unterstützt der Frankfurter Standort zwei Kooperationen.

"Zum einen sind wir Mitglied in einem bundesweit einmaligen Zusammenschluss mit dem Tagesmütterverein Net e. V.",

sagt die Personalmanagerin. In diesem sind mehrere Firmen und Kommunen im Main-Taunus-Kreis verbunden. Continental finanziert eine 200-stündige Qualifikation von Tagesmüttern mit Bundeszertifikat. Nennstiel-Koch sagt weiter:

"Unsere Mitarbeiter können sich aus einem Pool von etwa 70 die für sie passende Tagesfamilie aussuchen."

Bislang wurden durch den Verein Net e. V. bereits 500 Kleinkinder der Region betreut.

Zum anderen können Kinder der Mitarbeiter auch in eine sogenannte Bildungskindertagesstätte gehen. Zwölf Plätze für Jungen und Mädchen von sechs Monaten bis drei Jahren sind in der in Eschborn ansässigen Einrichtung reserviert. Vorteile sind flexible Öffnungszeiten ohne Urlaubsschließzeiten, Platzsharing-Möglichkeiten sowie ein deutsch-englisches Bildungskonzept. Continental beteiligt sich an Investitions- und monatlichen Betreuungskosten.

Im Notfall mit ins Eltern-Kind-Arbeitszimmer

Auch für einen kurzfristigen, unplanmäßigen Ausfall der eigenen Kinderbetreuung bis ins Schulalter ist das Unternehmen seit den letzten Jahren gut gerüstet. In der Vergangenheit standen bei einer sogenannten Notfall-Tagesmutter ständig zwei Plätze für Mitarbeiter-Kinder bereit. In Extremfällen konnten die Kinder sogar über Nacht bleiben.

Seit einem Jahr befindet sich für solche Notfälle ein eigenes Eltern-Kind-Arbeitszimmer in der Hauptverwaltung. Zwei ausgestattete PC-Arbeitsplätze sind durch eine Glaswand vom Kinderspielzimmer getrennt. Neben Reise-Bettchen, Wickeltisch, Kindertischen und -stühlen finden die kleinen Besucher viel Spielzeug und Bastelmaterial. Für Schulkinder gibt es die Möglichkeit Hausaufgaben zu erledigen. Auch dieses neue Angebot nehmen die Mitarbeiter gerne an.

Alljährliche Nikolausfeier

Continental organisiert auch Familienfeste. Sehr erfolgreich sei etwa die jährliche Kinder-Nikolausfeier, erzählt die Personalmanagerin. Für Schulkinder hatte Continental in den Sommerferien 2008 erstmals ein sechswöchiges Ausflugsprogramm angeboten, welches nun jährlich organisiert wird. Mit einem Eltern-Kind-Mittagessen möchte sich die Firma nach außen hin öffnen. Jeweils am letzten Freitag im Monat können die Partner der Mitarbeiter samt Kindern nach Rödelheim in das Betriebsrestaurant kommen und als Familie gemeinsam speisen.

Qualifizierung während Elternzeit

Die neueste Idee ist die Planung eines Weiterbildungsangebotes für Mitarbeiter während der Elternzeit. Die Kosten für die Seminare trage Continental. Bislang werde erst qualifiziert, wenn die Mitarbeiter wieder zurück im Job sind. Das Resümee der Verantwortlichen lautet:

"Wir blicken zuversichtlich in die Zukunft und möchten unser Familien-Konzept weiter ausbauen, um unsere Mitarbeiter langfristig motivieren und binden zu können. Wenn wir damit auch Vorbild für andere Unternehmen sind, freut uns das sehr."

Carola Nennstiel-Koch arbeitet seit mehr als neun Jahren bei Continental in Frankfurt als HR-Manager für Employer Branding & Recruiting. Sie ist Projektleiterin Betrieblich unterstützter Familienservice.
Carola Nennstiel-Koch arbeitet seit mehr als neun Jahren bei Continental in Frankfurt als HR-Manager für Employer Branding & Recruiting. Sie ist Projektleiterin Betrieblich unterstützter Familienservice.

Frau Nennstiel-Koch, Sie haben ein familienfreundliches Konzept ins Leben gerufen. Was war der Hintergrund?

Als sich unsere Tochter ankündigte, gab es keine Krippenplätze in der Stadt. Aber ich hatte den Wunsch, frühzeitig in den Job zurückzukehren. Vorbild waren meine Eltern, die anspruchsvolle Vollzeit-Jobs hatten und gleichzeitig zwei Kinder erzogen haben. Also fragte ich meinen Chef, ob ich ein neues Projekt auf die Beine stellen könne – und bin auf offene Ohren gestoßen.

Wie sind Sie dann vorgegangen?

Anfangs habe ich ein Benchmark für einen Betriebskindergarten erstellt und mir verschiedene Modelle im Frankfurter Raum angesehen. Dann lernte ich den Tagesmütterverein »Net e. V.« kennen, der noch ein zusätzliches Mitglieds-Unternehmen suchte. Wir entschieden uns für dieses Modell, und ich bin damals mit dickem Bauch zur Vertragsunterzeichnung gegangen. Meine Tochter war dann das erste Conti-Kind, welches von einer »Net e. V.«-Tagesmutter betreut wurde.

Wie bringen Sie Job und Familie unter einen Hut?

Seit mehreren Jahren arbeite ich in Teilzeit, 30 Stunden pro Woche, und habe die Möglichkeit, an einem Tag mein Home-Office zu nutzen. Meine Wochenenden sind für die Familie reserviert.

Mein Mann und ich sind ein gutes Team – ergänzt werden wir durch eine Tagesmutter. Während meiner Elternzeit blieb ich ein Jahr zu Hause. Danach habe ich an zwei Tagen pro Woche 16 Stunden gearbeitet und meine Tochter zur Tagesmutter von Net e.V. in Büronähe gebracht. Als der Wechsel in den Kindergarten kam, war mir eine Betreuung am Wohnort wichtig. Jetzt geht unsere Tochter bereits in die Schule und danach in einen Hort. Hierbei ist besonders wichtig, dass sie auch während der schulfreien Zeit gut betreut wird.

Nutzen Sie die betrieblichen Angebote?

Ja, natürlich: Teilzeit, Kleinkindbetreuung, Eltern-Kind-Arbeitszimmer und die jährliche Nikolausfeier. Vor Kurzem konnte ich sogar meinen Home-Office-Tag verschieben, damit ich meine Tochter zum Gitarrenunterricht bringen kann. Das alles trägt positiv zu meiner Work-Life-Balance bei.

Ist es allein die Aufgabe von Unternehmen, sich für eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Familie einzusetzen?

Nein. Zunächst sollten sich Firmen um ihr Kerngeschäft kümmern. Bildung und Betreuung ist meiner Meinung nach eine gesellschaftliche Aufgabe. Hier sehe ich noch viel Handlungsbedarf für die Politik.

Wo hapert es derzeit?

Unser Staat hat sich leider bisher nicht verpflichtet, allen Grundschülern einen Hortplatz anzubieten. Diesen brauchen Eltern aber, um weiter arbeiten zu können – für die Nachmittags- und für die Ferienbetreuung.

Hinweis

Carola Nennstiel-Koch wird im Rahmen der women&work, Deutschlands größtem Messe-Kongress für Frauen, am 14. Mai  von 13:30 – 14:30 in Bonn über ihre Erfahrungen bei der Einführung des Continental-Job-Familien-Konzepts berichten und für persönliche Fragen zur Verfügung stehen.

Weitere Infos zum Messe-Kongress women&work: http://www.womenandwork.de

Quelle:

FR/PUBLISHING GmbH, Frankfurt, & IGS

Organisationsberatung GmbH & VHU -  Vereinigung der Hessischen Unternehmerverbände

"Challenge Familie und Beruf - Das Magazin für neues Denken im

Unternehmensmanagement" Ausgabe 1 / 2010, Jahrgang 1

(2 Bewertungen)  Artikel bewerten