FamilienunternehmenMit einer Familienverfassung Konflikte vermeiden

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Was nützt ein gutes Unternehmensergebnis, wenn die Unternehmerfamilie zerstritten ist? Eine Familienverfassung kann Abhilfe schaffen.
erschienen: 01.09.2015
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Wer sind die Personen, die hinter einem Familienunternehmen stehen? In der Regel sind es gestandene Unternehmerpersönlichkeiten, Charaktere mit Gestaltungs- und Veränderungswillen – Macher und Entscheider. Sind diese die alleinigen Eigentümer, ist die Entscheidungsfindung recht angenehm: Ihre eine Stimme zählt. Doch was passiert, wenn sich der Nachwuchs in der zweiten Generation über die Unternehmensstrategie zerstreitet? Oder was, wenn Enkel mehr auf die Ausschüttung schielen als auf das Wohlergehen des Unternehmens? Ein Streit kommt zwar in den besten Familien vor, kann zwischen den Inhabern eines Unternehmens allerdings schnell dessen Existenz gefährden.

Liegen in der ersten Generation Eigentum und Führungsverantwortung meist noch in einer Hand, so nimmt die Anzahl der Gesellschafter eines Familienunternehmens mit der Zeit zu, irgendwann sogar exponentiell. Wenn dann die Eigentümer unterschiedliche Wege gehen und sich der Familienleim langsam löst, braucht es Instrumente, die den Zusammenhalt fördern. Dann hilft es, passende Nachfolge-, Vergütungs-, Informations- und Ausschüttungsregelungen zu definieren sowie Familientage und Junioren-Fortbildungen zu organisieren. Was ist also präventiv zu tun?

Vorteile einer Familienverfassung

Erst wenige Familienunternehmen verfügen über eine eigene Familiencharta. Der Nutzen dieser Familienverfassungen wird oftmals noch verkannt. Dabei gibt sie dem Unternehmen und der Familie faire, transparente und belastbare Regeln und hilft, Erwartungen zu managen. Ein Familienkodex hilft auch, Unternehmensstrukturen und -prozesse zu professionalisieren. Es geht nicht in erster Linie um die Fortführung einer einmal eingeschlagenen Unternehmensstrategie. Vielmehr geht es um die universellen Fragen jeder Familie: Macht, Geld, Verbundenheit, persönliches Glück. Frühzeitig initiiert, sorgen die in der Familienverfassung schriftlich festgehaltenen und von allen Gesellschaftern akzeptierten Regeln dafür, dass Stabilität gewahrt, Kommunikation gesichert, Entscheidungen transparent gestaltet sowie gegensätzliche Interessen ausgesprochen und angegangen werden.

Bereits während ihrer Erarbeitung führt eine Familiencharta durch aktives Einbeziehen aller Beteiligten zu mehr Zusammenhalt in der Familie und zur Vermeidung von Konflikten. Oftmals setzen sich Mitglieder der Unternehmerfamilie im Zuge der Entstehung ihrer Familienverfassung erstmals bewusst auch mit unangenehmen und konfliktbelasteten Themen auseinander. Gemeinsam erarbeiten sie die Strategie der Familie in Bezug auf das Unternehmen und berücksichtigen dabei die individuellen Sichtweisen aller Beteiligten.

Somit wirkt eine Familienverfassung nach außen wie nach innen als Stabilisator, da sie nicht nur Leitlinien vorgibt, an denen sich das Handeln aller Gesellschafter orientieren soll. Sie schafft auch professionelle Entscheidungsstrukturen, definiert Verantwortlichkeiten und bildet eine Basis für die Einheit der Familie. Denn sie schafft bei den Gesellschaftern Verständnis für die Belange des Unternehmens.

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Familienunternehmen brauchen Stabilität

Die Basis einer Familiencharta ist das Bekenntnis einer Familie, das Unternehmen langfristig im eigenen Besitz zu behalten. Dafür braucht es das Verständnis des verantwortungsvollen Eigentümers, der mit einem festen Wertegerüst die nachhaltige Entwicklung des Unternehmens unterstützt. Dazu gehören eine Vision, klar definierte Ziele und Vorgaben an das Unternehmen, welche Risiken von der Geschäftsführung eingegangen und welche Finanzierungsinstrumente nicht genutzt werden dürfen.

Bei größer werdenden Unternehmen ist es oft sinnvoll, der Geschäftsführung einen beratenden Beirat zur Seite zu stellen. Auch das kann in einem Familienkodex festgelegt werden. Ein Beirat fungiert als Sparringspartner, kann bei Patt-Situationen Entscheidungen herbeiführen und – im Sinne der Gesellschafter – Fehlentscheidungen verhindern. Der Beirat sollte zudem mit kompetenten Personen besetzt sein – und das muss nicht immer der Senior-Chef sein.

Auch ein Familienrat oder ein Familienmanager bieten bei der Sicherung des Zusammenhalts und der Informationsübermittlung aus dem Unternehmen in die Familie konkrete Hilfe. Er kümmert sich um gemeinsame Familientage, um sich besser kennenzulernen und mögliche Dispute zu diskutieren und zu lösen.

Persönliches Glück im Unternehmen finden

Eine Komponente wird aber oft vergessen: das persönliche Glück des Einzelnen. Früher war es die Pflicht der Erstgeborenen, das Unternehmen weiterzuführen. Heute steht für viele Unternehmerkinder die Frage im Vordergrund: Was möchte ich im Leben eigentlich erreichen? Dabei geht es nicht nur um individuelle Befindlichkeiten, sondern vielmehr darum, glücklich zu sein in der Position, die man im Unternehmen bekleidet. Glücklich zu sein, weil man zwar Gesellschafter ist, aber seiner persönlichen Berufung außerhalb des Unternehmens folgt.

Bei dieser persönlichen Rollenklärung setzt die Familienverfassung ebenfalls an. Denn glücklich zu sein bedeutet, zu einer starken Gemeinschaft zu gehören, in die man sich einbringen und selbst weiter wachsen kann. Und so definiert die Familiencharta klare Rollenbilder und schafft zahlreiche neue Ansatzpunkte, sich neben der Mitarbeit im Unternehmen als Beirat, aktiver Gesellschafter, Familienmanager oder Verantwortlicher für die gemeinsamen Familienwochenenden einzubringen.

So sollte die Dimension „Glück“ gleichberechtigt neben den Werten Geld, Macht und Verbundenheit stehen. Vom eigenen Glück hängt nämlich auch die Verbundenheit zum Unternehmen ab. Geld und Macht sichern zwar den Einfluss im Unternehmen. Die Verbundenheit zum eigenen Unternehmen aber schafft noch viel mehr – sie sichert dessen Fortbestand, sorgt für Kontinuität und nachhaltige Investitionen.

Über den Autor
Dr. Alexander Koeberle-Schmid

Alexander Koeberle-Schmid ist Wirtschaftsmediator und Nachfolge-Coach bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Er berät Unternehmer und Gesellschafter zu Familienverfassungen, Nachfolgegestaltungen, Beiratskonzeptionen und Governance-Strukturen. Alexander Koeberle-Schmid ist Mitherausgeber des Buchs „Führung von Familienunternehmen“.

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