FührungDie verschiedenen Rollen des Chefseins

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Wer führt, sollte wissen, welche Rolle er in welcher Situation ausfüllt. Wichtig dabei: Führungshandeln muss sich immer an einem Ziel orientieren.
erschienen: 22.10.2015
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Führungskräfte finden sich heute mehr denn je in unterschiedlichen Spannungsfeldern wieder. Konnte der Chef vor einigen Jahren einfach nur Chef sein und sagen, wo es lang geht und wie, soll die Beziehung zu Mitarbeitern heute kollegial, aber gleichzeitig mit gesunder Distanz und natürlichen Autorität gelebt werden. Dafür braucht es eine intensive Auseinandersetzung nicht einfach mit der Chef-Rolle, sondern mit den verschiedensten Rollen einer Führungskraft. Es sind mehrere Hüte im Kasten, aber jeweils nur einer auf dem Kopf. Eine Führungskraft kann zwar Controller, Coach und durchsetzungsfähiger Chef sein, aber nicht gleichzeitig im selben Moment.

Führung darf nie etwas nur vorspielen

Früher musste sich ein Chef durchsetzen können. Wenn er dann noch ein entsprechendes Vokabular benutzte und die Mitarbeiter beeindrucken konnte, machte das Eindruck. Doch die Zeiten änderten sich und es begann eine Phase des unermüdlichen Verständnisses für alles und alle. Basisdemokratische Züge prägten jetzt das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern.

Ging es früher um die Frage nach dem passenden Führungsstil, setzen wir uns heute verstärkt mit uns und der Situation auseinander. Hier können Chefs viel von Schauspielern im Bereich Rollenfindung lernen – echt und authentisch. Gute Schauspieler spielen nicht, sie leben. Parallel darf es auch in der Führung nie darum gehen, nur etwas vorzuspielen.

Waren früher die Anforderungsprofile knapper und klarer, sind heute differenzierte Bilder entscheidend. Eine Führungskraft muss immer häufiger in mehreren Spannungsfeldern agieren: Sie muss die Bedürfnisse der Mitarbeiter ernst nehmen, gleichzeitig aber auch die Strategie der Unternehmensleitung durchsetzen. Umso wichtiger ist deshalb eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Rollen, die eine Führungskraft im Alltag leben soll. Welche Rolle in welchem Moment gelebt wird, hängt dabei von der Situation, dem Gegenüber und der eigenen Verfassung ab.

Führungshandeln braucht immer ein Ziel

Mit der Identifikation der eigenen Rolle wird der Bezug zum Theater offensichtlich. „Die ganze Welt ist eine Bühne. Man tritt auf, man tritt ab“, schrieb Shakespeare. Wenn nun die ganze Welt eine Bühne und von Rollenverständnis die Rede ist, liegt es auf der Hand, die Parallelen zur Schauspielkunst und der Kunst des Vorgesetzten-Seins aufzuzeigen. Hier liegt der Schlüssel für eine neue Führungskultur. Dabei geht es nicht darum, als Führungskraft Rollen zu spielen, das überlassen wir auch künftig den Schauspielern. Jedoch ist es in der Führungsarbeit hilfreich zu erkennen, was es zur echten, wahren und glaubwürdigen Rollenfindung alles braucht.

In der Führung sollten grundsätzlich alle Handlungen ein Ziel haben, weil sie sonst zur Floskel verkommen. Bei jeder Handlung gibt es außerdem eine Vorgeschichte und eine Geschichte danach. Nicht immer ist diese Geschichte beim Gegenüber bekannt. Dann ist es die Aufgabe der Führungskraft, diese herauszufinden. Fragen zu stellen ist ein deutliches Zeichen für Interesse am Mitarbeiter. Umgekehrt muss eine Führungskraft ihrem Gegenüber vielleicht auch ihre Geschichte erklären, zum Beispiel Führungsentscheidungen begründen oder Hintergründe ihres Handelns aufzeigen.

Konzentration auf eine bestimmte Rolle als Führungskraft

Auf der Bühne wirkt nur der glaubwürdig, der auch präsent ist. Präsenz bedeutet auch in der Führung: Ich bin im Hier und Jetzt. Alles, was gedanklich nicht hierher gehört, wird vertagt – auf einen Zettel oder im Handy, in der Aufgabenspalte des E-Mail-Programms festgehalten oder der Sekretärin anvertraut. Diese Konzentration wird von Mitarbeitern als Ausstrahlung und Präsenz wahrgenommen, die für Glaubwürdigkeit und Authentizität der Führungskraft stehen.

Auf dieser Grundlage jeweils nur einer Rolle, auf die sie sich konzentrieren, stehen erfolgreiche Führungskräfte auch jedem Mitarbeiter seinen Platz in der Gruppe zu. Schließlich möchte doch jeder dem Stück, und sei es noch so bescheiden, seinen Stempel aufdrücken und zeigen können, dass er seiner Rolle gerecht wird. Dadurch ist Selbstverwirklichung möglich – zum Wohle des Einzelnen und aller.

Die Floskel „jeder ist ersetzbar“ ist in einer wertvollen Führungskultur längst aus dem Vokabular verschwunden. Zwar können unter Umständen auch andere bestimmte Aufgaben übernehmen, aber die individuellen Stärken in der jeweiligen Kombination gibt es kein zweites Mal. Grund genug für jeden Mitarbeiter sich zu überlegen, was ihn im größeren Gruppengefüge einzigartig macht und was er mit seiner Art, seinem Wissen und seinem Können zum Wohl des Ganzen beitragen kann.

In Gesprächen mit Mitarbeitern präsent sein

Entscheidend ist in einem Gespräch nicht, was gesendet wird, sondern was ankommt. Doch für den richtigen Empfang braucht es auch einen guten Sender. Bei guten Führungskräften bilden Stimme, Sprache und Körper eine Einheit, und damit eine gute Basis für Dialoge. Da diese immer in einem Kontext stattfinden, ist es wichtig, am Anfang eines Gesprächs diverse Wahrnehmungen abzugleichen. Nur so lässt sich sicherstellen, dass alle Gesprächspartner vom Gleichen reden und eine gemeinsame Ausgangslage schaffen.

Eine professionelle Gesprächsführung bedeutet, in die Welt des Gegenüber einzutauchen. Nur wenn Führungskräfte dort präsent sind, können sie den Anderen in ein echtes Gespräch einbinden. Das bedeutet: Den Anderen reden lassen, Details wahrnehmen, um schließlich alles in ein dynamisch gestaltetes Gespräch einfließen zu lassen. Aber auch einmal ausbrechen aus gewohnten Strukturen und festgefahrenen Mustern, um den Mitarbeiter oder Kunden wirklich in den Mittelpunkt zu stellen.

Mitarbeiter dazu bewegen, Neues auszuprobieren

In der Führung geht es immer wieder um Fragen wie diese: Wie fördere ich meine Mitarbeiter? Wie begleite ich Menschen im Lernprozess? An dieser Stelle muss die Führungskraft den Mitarbeiter ermuntern, Neues auszuprobieren, sich von alten Mustern zu lösen. Scheitern ist dabei erlaubt, und eine gewisse Frustrationstoleranz gehört zum Erfolg dazu.

Wird Führung gekonnt inszeniert, geben Führungskräfte ihren Mitarbeitern die Möglichkeit zur Entwicklung ihrer eigenen Fähigkeiten, indem sie diese weder überfordern noch unterfordern. So ist die „Traumrolle Chef“ dann tatsächlich gut besetzt.

Über den Autor
Stefan Häseli

Stefan Häseli regt als ehemaliger Kabarettist und Infotainer dazu an, wirkungsvolle Kommunikation mit Spaß zu erleben. Als Coach und Trainer für Führungs-, Verkaufs- und Kommunikationsthemen begleitet er Führungskräfte in größeren Organisationseinheiten.

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