Archiv

Führung muss Stärken der Mitarbeiter betonen

Mitarbeitergespräche sollen auch die Stärken des Personals thematisieren. Die Talente der Mitarbeiter müssen gefördert und entwickelt werden. Wie, zeigt ein Experten-Interview.
erschienen: 23.05.2011
Schlagwörter: Führung

Herr Bald, Sie behaupten, viele Mitarbeiter würden sich zu intensiv mit ihren Schwächen befassen. Was hat es damit auf sich?
Wenn ich Berufstätige coache, höre ich oft Aussagen wie „ich bin pedantisch“, „ich werde schnell ungeduldig“ oder „ich bin nicht kreativ“. So detailliert listen diese Leute ihre Schwächen auf, dass sich der Eindruck aufdrängt: Diese Person hat keine Stärken. Ähnliche Empfindungen drängen sich zuweilen bei den Förder- und Entwicklungsgesprächen von Führungskräften mit ihren Mitarbeitern auf. In ihnen spielen die Schwächen oft eine so große Rolle, dass die Frage auftaucht: Warum hat die Firma dem Mitarbeiter noch nicht gekündigt?

Welche Folgen bringt das mit sich?
Die Mitarbeiter erfahren die Fördergespräche primär als Kritikgespräche. Sie blicken ihnen mit Unbehagen entgegen, anstatt sich auf sie zu freuen. Dies wäre dann der Fall, wenn sie wüssten, im Gespräch suchen der Chef und der Mitarbeiter einen Weg, wie die Fähigkeiten des Mitarbeiters noch besser entfaltet werden können.

Woher kommt diese Fixierung auf Schwächen?
Vieles, was wir selbst und andere Menschen gut machen, erachten wir als selbstverständlich. So erfüllt es zum Beispiel manchen guten Organisator nicht mit Stolz, dass er gut organisieren kann. Anders verhält es sich mit den Denk- und Verhaltensmustern, an denen wir uns regelmäßig stoßen. Mit ihnen beschäftigen sich viele Menschen tagaus, tagein. Ihr Streben richtet sich vor allem darauf, ihre Schwächen abzubauen statt ihre Stärken auszubauen.

Tappen auch Führungskräfte in diese Falle?
Auch sie erachten oft das, was ihre Mitarbeiter gut können und tun, als selbstverständlich. Zum Beispiel die Einhaltung sämtlicher Termine. Darüber verlieren sie dann kaum ein Wort. Stattdessen wenden sie ihre Aufmerksamkeit den Verhaltensmustern zu, bei denen die Mitarbeiter ihrem Wunschbild nicht entsprechen – selbst wenn diese für den Arbeitserfolg wenig Bedeutung haben.

Wie können solche Fehler vermieden werden?
Führungskräfte sollten mit einem Mitarbeiter, wenn sie mit ihm über dessen Arbeit und künftige Entwicklung sprechen, vor allem folgende Fragen erörtern: Warum hat er diese oder jene Aufgabe gut erledigt? Welche Fähigkeiten zeigte er dabei? Und: Wie sollte sein Arbeitsfeld aussehen, damit er diese noch stärker entfalten kann? Denn Mitarbeiter werden nur Spitzenkräfte, wenn sie ihre Talente schleifen. Verwenden sie ihre Energie vor allem darauf, ihre Schwächen zu beseitigen, dann werden sie immer Mittelmaß bleiben. Michael Schumacher und Sebastian Vettel wären niemals Formel-1-Weltmeister geworden, wenn sie zugleich versucht hätten, den Nobelpreis in Physik zu erringen.

Aber können Schwächen den beruflichen Erfolg nicht schmälern?
Selbstverständlich. Doch viele Schwächen sind verdeckte Stärken. So arbeitet zum Beispiel eine zu Pedanterie neigende Person sehr ordentlich und gewissenhaft. Eine Eigenschaft, die jeder Buchhalter braucht. Zur Schwäche wird ein solches Verhalten erst, wenn der Mitarbeiter die falschen Aufgaben wahrnimmt.

Können Sie dies an einem Beispiel erläutern?
Nehmen wir an, ein Fluglotse prüft mehrfach, ob die Landebahn frei ist, bevor er dem Piloten die Landeerlaubnis erteilt. Er handelt vorsichtig und nicht zögerlich, denn eine falsche Entscheidung kann Hunderten von Menschen das Leben kosten. Prüft hingegen ein Einkäufer vor dem Kauf von fünf Packungen Kopierpapier hundert Mal, wo es diese günstiger gibt, dann ist dies eher ein Zeichen für mangelnde Entschlusskraft. Dasselbe Verhalten kann also eine Stärke und eine Schwäche sein. Dies ist vielen Menschen nicht bewusst.

Welche Konsequenzen hat das?
Wenn Menschen im Alltag immer wieder mit denselben Schwierigkeiten kämpfen, verbinden das viele mit einem Gefühl von Schwäche. Dieses Gefühl wird bei einigen mit der Zeit so stark, dass sie ihre Stärken aus dem Blick verlieren. Entsprechend unsicher werden sie.

Und wie lässt sich das vermeiden?
Indem sich die Leute regelmäßig auf ihre Stärken besinnen und sich alleine – oder unterstützt von einem neutralen Gesprächspartner – außerdem fragen: Welche Stärken verbergen sich hinter meinen Schwächen? Wenn dies klar ist, sind oft nur geringe Veränderungen nötig und schon eröffnen sich ganz neue Perspektiven.

Herr Bald, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

(keine Bewertung)  Artikel bewerten