FührungsstilNarzissten in der Chefetage

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Manager von heute verhalten sich oft wie einst Christoph Kolumbus: egoistisch, ignorant und verblendet. Echte Leader hingegen begeistern aus tiefstem Herzen. Ein Essay von Alexandra Hildebrandt.
erschienen: 27.11.2014
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Die meisten Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft scheinen von Menschen zu kommen, die zu „umtriebig" sind, schrieb der britische Autor Arthur Evelyn Waugh. Ihr gehetztes Handeln beruht häufig auf Schlafmangel und der Unfähigkeit zu träumen. Das macht sie zu kalten und getriebenen Managern, die ihre Dynamik dazu benutzen, ihre Selbstgerechtigkeit aufzupolieren. Sie brauchen stets einen Bereich, den sie erobern und in dem sie sich beweisen können. Sie jagen Funktionen und Status nach und spüren nicht, dass sie dadurch vom empathischen Erleben abgeschnitten sind. Weil sie sich selbst niemals genügen, suchen sie immer etwas, das sie nicht benennen und durch nichts kompensieren können. Deshalb muss ihre Jagd nach Macht dauernd erneuert oder verstärkt werden.

Gefühllose Manager fahren den Karren oft gegen die Wand

Amerikanische Forscher bestätigen, dass in Chefetagen der Anteil psychisch kranker Menschen sechsmal höher ist als im Bevölkerungsdurchschnitt. In der Fachliteratur wird allerdings auch betont, dass viele ihrer Eigenschaften durchaus förderlich zur Unternehmensführung sein können. Auch ihre Gefühlslosigkeit habe etwas Positives: So würden „normale" Chefs unter Stress geraten, wenn sie Mitarbeiter entlassen müssten. Das Problem mit solchen Menschen ist allerdings, „dass sie regelmäßig das Risiko ihrer Handlungen falsch einschätzen“ und deshalb das Unternehmen, das sie gerade so erfolgreich führen, genauso „mitreißend an die Wand fahren“, schreibt Tillmann Prüfer in seinem Handelsblatt-Artikel „Psychopathen ganz oben“. Denn nur so jemand wage es, etwas Neues auszuprobieren.

Dieses Verhalten macht sie in gewisser Weise zu Nachfahren von Christoph Kolumbus: Gefeiert als Entdecker der Neuen Welt und bester Seemann seiner Zeit, wurde er gleichermaßen als Visionär, aber auch als erster Sklavenhändler des Mittelalters, als erster Massenmörder, religiöser Fanatiker und miserabler Navigator bezeichnet. Überliefert ist, dass er ruhmsüchtig, egozentrisch, verblendet, ignorant und geizig gewesen sei. Er gab nie sein Geld für etwas aus, dass das Leben verschönerte. „Alles Schöne ist Qual für mich, denn ich kann nicht genießen und mich freuen.“ „Ich, ich, ich“ war das Motto des rast- und heimatlosen Genuesen, der seine Freunde je nach eigenem Nutzen wechselte und stets von Menschen umgeben war, die ihn weiterbrachten.

Wer inkompetent ist, wird zum Tyrann

Auch im heutigen Management wird das Gegenüber oft danach gescannt, inwiefern es für die eigene Karriere verwendbar ist. Der Wert des anderen ergibt sich lediglich aus dessen Nutzen. Im Laufe seiner Karriere traf Kolumbus Personalentscheidungen, aus denen dann eine noch schrecklichere Politik wurde. Aktuelle psychologische Studien bestätigen, dass vor allem inkompetente Mächtige am aggressivsten handeln. So scheinen Menschen vor allem dann zu Tyrannen zu werden, wenn sie sich ihrer Position nicht gewachsen fühlen. Wer dagegen eine stabile Selbstsicherheit hat, handelt nachhaltiger und fühlt sich auch dem Gemeinwohl verpflichtet.

Die Biografen von Kolumbus sind sich darin einig, dass er selten aus seinen Fehlern gelernt hat. Er gehörte zwar zu jenen Menschen, die gut darin waren, etwas zu erreichen. Doch wissen sie dann nicht, was sie damit anfangen können oder hinterlassen eine Not, die nicht mehr gelindert werden kann. Ihm ging es weniger um kluge Führung als um die Gier nach Statussymbolen, Macht und Gold.

Wer heute reiche Beute macht, spricht häufig die Sprache des Managements und die potenzieller Geldgeber – und ist verschlagen, um als Karrierist an sein Ziel zu kommen. Der Preis dafür hat mit seiner inneren Währung zu tun: Entseelung und Erkaltung des Herzens. Der Organisationspsychologe Lutz von Rosenstiel beschreibt diesen Typus so: Bei ihm stehen vor allem zwei Dinge auf der Agenda – erfolgreich sein und Geld machen. Im Gegensatz zu den Idealisten sind ihm die Inhalte seines Jobs relativ egal.

Echte Leader begeistern aus tiefstem Herzen

Außensteuerung ist ohne Innensteuerung des Herzens nicht möglich. Die besten Leader wissen, dass ein Außengeleitetsein und das Geltungsbedürfnis Einzelner das Unternehmensschiff ins Wanken bringen können. So sah der Unternehmer Reinhard Mohn im „auffällig häufig menschlichen Versagen aufgrund stark übertriebener Eitelkeit“ einen massiven Führungsfehler.

Geld um des Geldes Willen und Funktionsmacht sind heute vor allem für die Generation Y kein Motivationsgrund mehr, sich auf eine Reise ohne nachhaltige Sinnstiftung einzulassen. Verantwortungsvolle Kapitäne schwören ihr Team deshalb für die Inhalte und die gemeinsame Route ein und können aus tiefstem Herzen begeistern.

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Über die Autorin
Dr. Alexandra Hildebrandt

Alexandra Hildebrandt ist Nachhaltigkeitsexpertin und Wirtschaftspsychologin. Sie hat sich auf die Positionierung nachhaltiger Unternehmen und Organisationen, ihrer Leistungen, Produkte und ihrer Kommunikation spezialisiert. Hildebrandt ist Sachbuchautorin, Hochschuldozentin sowie Herausgeberin und Mitinitiatorin der Initiative "Gesichter der Nachhaltigkeit".

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