FührungsstilWarum Manager mehr Fragen stellen sollten

© rukanoga - Fotolia.com
Manager meinen, immer eine Antwort geben zu müssen. Fragen hingegen gilt als Zeichen von Inkompetenz. Dabei ist diese Fähigkeit mehr denn je nötig, sagt Udo Kords.
erschienen: 31.05.2016
(4 Bewertungen)

Meine Kinder haben heute Zeugnisse erhalten. Neben Noten gibt es Beurteilungen zum Lern- und Sozialverhalten. Da geht es um planvolles, effektives und zielgerichtetes Arbeiten, um Selbstständigkeit und natürlich um den Zustand des Arbeitsmaterials. Auf eine spezielle Eigenschaft und Fähigkeit wird jedoch wenig Wert gelegt: Ist das Kind neugierig und stellt es gute Fragen? Das ist nicht überraschend. Schulen sind offensichtlich nicht der Ort, an dem Kinder Fragen stellen sollen. Die Rollen sind klar verteilt. Lehrer fragen. Von den Kindern werden passgenaue Antworten erwartet – die ihnen vorher beigebracht wurden.

Die Diktatur des Abfragens

An Schulen herrscht die Diktatur der Abfrage. Das Lernergebnis lässt sich statistisch ermitteln. Amerikanische Forscher haben festgestellt, dass Kinder im Kindergartenalter im Schnitt 100 Fragen pro Tag stellen. Erreichen sie die weiterführende Schule, haben sie das Fragenstellen weitgehend eingestellt, oder genauer: Sie haben es verlernt. Es geht um Wissen und Antworten, nicht um Fragen. Nicht nur in der Schule.

Wann hat Ihr Vorgesetzter Ihnen gegenüber das letzte Mal anerkennend zum Ausdruck gebracht, was für gute Fragen Sie stellen? Haben Sie einen Vorgesetzten, der durch Fragen führt oder durch Vorgaben? Der sich etwas von Ihnen erklären lässt und nachfragt, statt es immer sofort besser zu wissen? Oscar Wilde sagte einmal: „Man nehme sich immer die Zeit, eine Frage zu stellen, nicht immer, eine Frage zu beantworten.“

Experten fragen, Manager antworten

Wir leben in einer Antwortgesellschaft, deren prägendste Vertreter Manager, Lehrer und Experten sind. Experten sind Menschen, die glauben, nicht mehr fragen zu müssen, weil sie alles wissen. Manager dagegen sind die, die glauben, immer eine Antwort geben zu müssen. Weil fragen müssen als Schwäche gilt, als Inkompetenz. Und wenn Manager Fragen stellen, dann meistens, um Druck auszuüben: Wann bekomme ich das, was ich in Auftrag gegeben habe? Warum ist etwas noch nicht geschehen? Wer ist schuld, dass etwas nicht geklappt hat? Das ist noch schlimmer, als das Abfragen in der Schule und erreicht genau das Gegenteil, was mit Fragen eigentlich erreicht werden sollte.

In den meisten Unternehmen spielt Fragen keine Rolle

Der Zweck von Fragen ist, zu neuen Erkenntnissen zu kommen, Probleme besser zu verstehen, Lösungen näher zu kommen, Denkimpulse zu geben, neue Perspektiven zu öffnen. Das in hierarchischen Strukturen geläufige inquisitorische Abfragen ist dagegen ein destruktives Machtinstrument. Die meisten Organisationen sind auf Fragen nicht eingestellt. Genauso wie die Menschen, die in ihnen arbeiten. Jeder kennt die unangenehmen Momente am Ende einer Präsentation oder eines Vortrags. Die Aufforderung danach, Fragen zu stellen, ist mittlerweile meistens reine rhetorische Konvention, die nicht mehr mit der Erwartung verbunden ist, dass es ein breites Bedürfnis nach Nachfragen gibt. In den Zeitplänen von Konferenzen spielt die Zeit für Zuschauerfragen keine Rolle mehr. Es herrscht Schweigen, wo doch eigentlich kontroverse Diskussion stattfinden sollte.

Wir haben es schlicht verlernt. Fragen ist keine Tugend, sondern für viele eine Mutprobe. Es kommt immer wieder vor, dass unsere Kinder von einem Problem berichten, das durch eine einfache Frage hätte gelöst werden können oder gar nicht entstanden wäre. Im Geschäft fragen, ob die Jacke auch noch in einer anderen Größe vorhanden ist. In der Eisdiele um eine Portion Streusel bitten. Sich bei einem Passanten nach dem richtigen Weg erkundigen. Sich noch einmal rückversichern, ob man es richtig verstanden hat. Aber die Frage wurde nicht gestellt. Es wäre sinnvoll, wenn man in der Schule Fragen und Techniken des Fragenstellens erlernen würden. Fragen also endlich wieder den Status einer wichtigen intellektuellen Kompetenz erhielte. Um es mit Jean-Jacques Rousseau zu sagen: „Die Kunst zu fragen ist nicht so leicht als man denkt; es ist weit mehr die Kunst des Meisters als die des Schülers. Man muss viel gelernt haben, um über das, was man nicht weiß, fragen zu können.“

Manager müssen sich und ihr Umfeld stets in Frage stellen

Zu denen, die sich und ihr Umfeld regelmäßig in Frage stellen müssen, gehören Manager. In Zeiten des kontinuierlichen Wandels ist es der sichere Tod, alle Antworten schon zu haben. Fragen sind der Schlüssel zu Innovationen. Fragen sind der Prüfstein, ob das Bestehende eine Chance auf Bestand hat.

Werden wir konkret. Im Folgenden stehen zehn strategische Fragen, die sich Manager und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen sollten. Sie sollen Anstöße geben, weitere Fragen zu stellen:

  • Wenn es unsere Unternehmen nicht gäbe, würden wir es noch einmal so aufbauen?
  • Wie können wir zu dem Unternehmen werden, das uns aus unserem Geschäft verdrängen könnte?
  • Sind wir für unseren Markt relevant?
  • Welche potenziellen Megatrends könnten unser Unternehmen überflüssig machen?
  • Kennen wir unsere Wettbewerber, speziell die branchenfremden?
  • Was zählt für unser Geschäft, das wir nicht zählen?
  • Was macht unser Unternehmen, von dem meine Kinder denken, es sei entweder total uncool oder dumm?
  • Wenn ich heute entlassen und durch einen externen Manager ersetzt werden würde, was würde dieser anders machen?
  • Wenn Google in unserer Branche tätig wäre, wie sähe dann das Geschäftsmodell aus?
  • Was wäre, wenn zentrale Annahmen, auf denen unsere Strategie beruht, nicht zutreffen?

Die wichtigste Frage lautet: Warum?

Die wichtigste und penetranteste Frage lautet: Warum? Leider wird sie von Erwachsenen zu wenig genutzt. Wir neigen dazu, sofort das Naheliegende zu glauben, die einfachste Lösung zu wählen, unseren Vorurteilen zu folgen, statt noch einmal nachzuhaken. Das beste Mittel dagegen ist, fünf Mal „Warum“ zu fragen. Spätestens beim fünften „Warum“ ist man beim Kern einer Aussage oder Frage angelangt. Meistens reicht es, drei Mal nachzufragen. Entwickelt hat diese Technik Toyota, um die wahren Ursachen für Produktprobleme zu finden. Aber was heißt entwickelt? Hier wird von einem der innovativsten Autokonzerne etwas zur Methode erklärt, was jedes Kind von sich aus tut: Sich nicht mit der erstbesten Antwort abspeisen lassen.

Was-Wäre-Wenn-Fragen eröffnen neue Perspektiven

Wenn das „Warum-Pulver“ verschossen ist, Problem und Gründe offengelegt wurden, dann kommt die Zeit der Was-Wäre-Wenn-Fragen. Diese Fragen können komplett neue Perspektiven eröffnen und Lösungen hervorbringen. In ihnen können Ideen wild kombiniert und mutige Gegenentwürfe zum Status quo formuliert werden. Auch vom kreativen Potenzial dieser Frage wird leider kaum Gebrauch macht. Fragen zu stellen ist schon schwer. Aber Bestehendes grundsätzlich in Frage zu stellen und bewusst nach Alternativen zu suchen, damit sind die meisten Organisationskulturen überfordert.

Auch nur wenige Führungskräfte sehen es als ihre Hauptaufgabe an, Denkprozesse anzustoßen, mit Fragen zu stören und aufzuschrecken: Was wäre, wenn wir einzelne Produkte kostenlos abgeben? Was wäre, wenn wir komplett auf Filialen verzichten? Was wäre, wenn bestimmte Mitarbeiter heute das Unternehmen verlassen? Was wäre, wenn unsere Annahmen, auf deren Basis wir arbeiten, komplett falsch sind? Konfuzius sagte: „Wer fragt, ist ein Narr für eine Minute. Wer nicht fragt, ist ein Narr sein Leben lang.“

Fragen gehört zu den wirkungsvollsten rhetorischen Waffen

Kurz: Fragen macht klug. Machen Sie sich also nicht länger zum Narr in der Antwortgesellschaft. Die Frage gehört nicht nur zu den wirkungsvollsten rhetorischen Waffen. Darum geht es hier nicht. In einer sich immer schneller ändernden, immer komplexer und undurchsichtiger werdenden Welt, in der die Informationsflut immer neue Pegelstände erreicht, wird Wissen zunehmend obsolet, während die Fähigkeit zu Fragen, Informationen in Frage zu stellen und von unterschiedlichen Positionen kritisch zu hinterfragen, eine immer bedeutendere Rolle einnimmt.

Verkneifen Sie sich also häufiger mal die schnelle Antwort. Seien Sie dem gegenüber, was Sie zu wissen glauben, vorsichtiger. Stehen Sie zu Ihrem Nichtwissen und bleiben Sie neugierig. Fragen ist ein Instrument, das man sich nicht nur aneignen, sondern dessen Gebrauch trainiert werden muss. Mit Fragen antworten – keine leichte Aufgabe, aber möglichweise eine überlebenswichtige.

(4 Bewertungen)  Artikel bewerten
Über den Autor
Dr. Udo Kords

Udo Kords ist Investment Director der PRA Group Deutschland und Dozent für Vertriebsmanagement an der FOM - Fachhochschule für Management & Oekonomie in Hamburg. Er hat Erfahrung im Vertriebsmanagement als Unternehmensberater und durch leitende Aufgaben bei atradius, JP Morgan, Geneva-ID und der PRA Group.

AnschriftPRA Group Deutschland GmbH
Neuer Wall 80
20354 Hamburg
Telefon+49 40 822138137
E-Mailudo.kords@pragroup.de
Internetwww.pragroup.de
Xingwww.xing.com/profile/Udo_Kords