Geschäfte in IndienVier Irrtümer über Indien, die Sie kennen sollten

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Wer Geschäfte in Indien macht, muss die Kultur des Landes kennen. Europäer haben oft eine falsche Vorstellung von dem Land. Hier werden die vier häufigsten Irrtümer aufgeklärt.
erschienen: 07.10.2014

Dass man in Indien den Kopf wackelt, wenn man "Ja" sagen will oder dass ein „no problem, Sir!“ Alarmstufe Rot bedeutet, wissen viele indienerfahrene, westliche Geschäftsleute. Wenn Sie zusätzliches Hintergrundwissen haben und die folgenden vier Irrtümer kennen, wird Ihr geschäftlicher Erfolg in Indien beschleunigt.

In Indien spricht man Englisch

Das stimmt. Aufgrund der Tatsache, dass Indien einst eine englische Kolonie war, schlussfolgern viele westliche Geschäftspartner, dass die englische Sprache auch heute noch ihre Geschäfte in Indien vereinfachen würden. Die meisten Geschäfteleute spechen tatsächlich Englisch.

Aber: Nur ca. zehn Prozent der indischen Bevölkerung sprechen Englisch. Es gibt 25 offiziell anerkannte Sprachen und zahlreiche Lokaldialekte. Schließen Sie vom britischen oder amerikanischen Englisch Ihrer Verhandlungspartner nicht aufs ganze Land! Diese gehören zur Oberschicht und studierten oft im Westen.

Sie sollten diese Sprachprobleme vor allem bedenken, wenn Sie planen, in Indien zu produzieren. Stellen Sie sicher, dass auch Ihre Mitarbeiter in der Produktion im wahrsten Sinn des Wortes „eine Sprache“ sprechen.

Das Kastenwesen ist in Indien verschwunden

Das stimmt. In der Verfassung, die seit 1950 gilt, gibt es offiziell kein Kastenwesen mehr.

Aber: Auch heute bestimmt das Kastenwesen das soziale Leben der Inder. Neben den fünf Hauptkasten existieren Tausende von Unterkasten, die man in Indien „Varnas“ (Farben) nennt. Fragen Sie Ihren Gesprächspartner niemals nach seiner Kaste! Sie können allerdings versuchen sie zu erschließen, indem sie seinen Beruf oder seinen Familienhintergrund berücksichtigen.

Brahmanen

Die ehemalige Priester- und Gelehrtenkaste finden Sie heute in akademischen Berufen, in der Forschung und zum Teil auch im Topmanagement.

Kshatryias

Ehemals Könige oder Krieger, heute im Militär, auch im mittleren Management zu finden.

Vaishyas

Früher Händler oder Hirten. Sie sind heute noch Kaufleute oder Händler für Stoffe, Obst etc.

Shudras

Einst Knechte und Diener. Heute arbeiten sie in un- und angelernten Berufen.

Dalits oder Parias

Die Unberührbaren. Sie gehören zu den ärmsten der Gesellschaft. Diese erfahren auch heute noch eklatante Diskriminierung, vor allem auf dem Land. Dort wird ihnen in manchen Dörfern sogar der Zugang zu sauberem Trinkwasser verwehrt.

Für alle Kasten gelten strikte Verhaltensregeln und Berufsbeschränkungen. Ehen zwischen den Kasten sind auch heute noch nicht üblich. Vorschriften aus dem Kastenwesen können die Zusammenarbeit Ihrer indischen Mitarbeiter beeinflussen. Häufig dürfen bestimmte Kastenangehörige bestimmte Tätigkeiten überhaupt nicht ausführen.

Indien ist die größte Demokratie der Welt

Das stimmt. Nach der Verfassung ist Indien demokratisch und die Bevölkerung darf ihre Regierung wählen.

Aber: Es ist eine Demokratie indischer Prägung. Parteien kaufen sich im Wahlkampf häufig die Stimmen. Vor allem für die Ärmsten ist das eine Einkommensmöglichkeit. Von den 543 Parlamentariern des gegenwärtigen Unterhauses waren 128, d.h. also knapp ein Viertel, straffällig. 84 waren wegen Mordes, 17 wegen Raubes und 28 wegen Diebstahl und Erpressung angeklagt.

Korruption in Indien

Die Korruption in Verwaltung und Behörden ist allgegenwärtig.

Diese Tatsache kann Ihre geschäftlichen Aktivitäten beeinflussen. Suchen Sie Hilfe und Unterstützung von indischen Mitarbeitern oder Partnern mit entsprechenden Beziehungen. Berücksichtigen Sie, dass die Verhandlungen mit Behörden zeitliche Verzögerung bei der Umsetzung Ihrer Vorhaben bedeuten können.

Alle meine indischen Geschäftspartner sind Hindus

Das stimmt nicht. Über 80% der Inder dieser Philosophie angehören. Daneben finden Sie jedoch vor allem im Norden des Landes, auch in Delhi, moslemische Gläubige (ca. 13% der Bevölkerung). Rund um Goa im Westen oder auch im Süden gibt es 2,4 % Christen.

Wahr ist: Das Wirtschaftsleben Indiens wird sehr stark von den Business Communities bestimmt, zu denen solche Religionen wie Sikhs, Parsen oder Jains gehören. Von den beiden letzten haben Sie wahrscheinlich noch nie etwas gehört. Es ist eine verschwindend kleine Minderheit in der Bevölkerung, deren Grundüberzeugungen jedoch starke Wirtschaftsaktivitäten fördern. So gehört zum Beispiel der Großindustrielle Ratan Tata zur Religionsgruppe der Parsen. Angehörige der Jains sind im Geld- und Goldhandel aktiv. Einen gläubigen Jain kennt man auch in Deutschland: Anshu Jain – erfolgreicher Investmentbanker und heute einer der Vorstände der Deutschen Bank.

Beispiel für die "Indian Time" - das indische Zeitverständnis

Ein westlicher Journalist ruft bei einem General an, bittet aufgrund eines aktuellen Themas um einen Gesprächstermin.

General: „Ja, kommen Sie in einer Woche, am Montag um 15.00 Uhr.“

Journalist: „Ich brauche aber die Informationen schneller, das Thema ist ja hochaktuell!“

General: „Na gut, dann kommen Sie in einer Woche, am Montag eine Stunde früher, um 14.00 Uhr.“

Empfehlung

Bereiten Sie sich und Ihre Mitarbeiter sorgfältig auf den indischen Subkontinent vor! Sie werden dann erkennen, dass es nicht nur eine „Indian time“ gibt, sondern dass Geschäfte in Indien ihre eigenen Abläufe haben. Wenn Sie die Spielregeln kennen, können Sie dort ebenso mitspielen wie in andern Teilen der Welt. 

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Über die Autorin
Dr. Hanne Seelmann-Holzmann

Dr. Hanne Seelmann-Holzmann ist Expertin für interkulturelles Management in Asien und Inhaberin von Dr. Seelmann Consultants. Die Autorin und Rednerin publizierte zahlreiche Fachartikel und mehrerer Bücher rund um das Thema „Geschäftserfolg in Asien“.

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