GesichterlesenWas das Gesicht über Gesprächspartner sagt

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Große Augen, hohe Stirn, schmale Lippen. Ist es möglich, aus bestimmten Körpermerkmalen Rückschlüsse auf die Persönlichkeit zu ziehen?
erschienen: 11.02.2016
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Ein Verkäufer besucht einen Neukunden. Beide laufen aufeinander zu. Schon sagt dem Vertriebler die innere Stimme, bei diesem Kunden mit sachlichen Argumenten punkten zu können. Noch bevor ein Wort gewechselt wird, entsteht ein Bild vom Gegenüber. Gesichterlesen spielt auch bei Vorstellungsgesprächen eine wichtige Rolle. Dann nämlich, wenn ein Bewerber zum ersten Mal auf den Personaler trifft. Beide blicken einander kurz an, und schon hat der Personaler eine Vorstellung davon, ob der Bewerber ein interessanter Kandidat sein könnte.

Aber wie ist das möglich? Dass uns beim menschlichen Miteinander vielfach unsere Instinkte leiten, entspricht nicht unserem Selbstbild. Schon eher geben wir uns dem Glauben hin, dass wir aufgrund unserer Erfahrung andere Personen auf Anhieb richtig einschätzen können.

Wie wir uns ein Bild von einer Person machen

Wenn wir eine Person zum ersten Mal treffen, scannt sie unser Blick binnen Sekundenbruchteilen. Der erste Eindruck entsteht aufgrund von Faktoren wie Kleidung, Gang, Körperhaltung, Mimik und Gestik. Im Limbischen System des Gehirns werden die Sinneswahrnehmungen anhand der dort gespeicherten Bilder und Erfahrungen eingeordnet und bewertet.

Diese mentalen Prozesse zu kennen ist wichtig, denn sonst glauben wir, uns unsere Meinung über andere Menschen völlig frei und rational zu bilden. Allen Menschen, denen wir begegnen, treten wir mit Vorurteilen gegenüber. Tragisch ist das nicht, solange wir uns dessen bewusst und bereit sind, die Vorurteile gegebenenfalls zu korrigieren. Vorurteile dienen nur der ersten Orientierung: Welches Verhalten ist in dieser Situation richtig?

Von Körpermerkmalen auf die Persönlichkeit schließen?

Einig sind sich die Experten darüber, dass uns die Körpersprache viel über eine Person verrät – und zwar nicht nur über das aktuelles Befinden. Körperhaltung, Mimik und Gestik liefern auch erste Informationen darüber, wie unser Gegenüber tickt. Geht eine Person eher frohgemut durchs Leben oder empfindet sie es als Last? Genießt sie es, im Mittelpunkt zu stehen, oder bleibt sie lieber bescheiden im Hintergrund? Dafür liefert uns die Körpersprache Indizien.

Weit umstrittener ist jedoch die Frage, ob sich aus Körpermerkmalen wie der Größe der Stirn oder der Nase Rückschlüsse auf die Persönlichkeit ziehen lassen. Zudem ist dieses Thema stark emotional besetzt, vor allem aufgrund der deutschen Geschichte. Die Nationalsozialisten nutzten die Physiognomik – die „Lehre“ darüber, welche persönlichen Eigenschaften sich aus den unveränderlichen physiologischen Merkmalen des menschlichen Körpers ableiten lassen – für ihre Rassenlehre. Sie ordneten den Körpermerkmalen bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zu und verknüpften diese mit einem Werturteil. Die Folgen sind bekannt.

Unabhängig davon, wie wir zur Physiognomik stehen: Es ist eine Tatsache, dass Körpermerkmale konkrete Assoziationen auslösen. Unsere Sprache zeigt das. Wenn wir eine Person beschreiben, benutzen wir oft Begriffe wie „engstirnig“ oder „schmallippig“. Oder wir attestieren einer Person, sie habe ein „energisches Kinn“, „wache Augen“ oder eine „Denkerstirn“. Auch die Augen sowie das Gesicht gelten allgemein als Spiegelbild der Seele.

Was uns einzelne Gesichtspartien verraten

Trotzdem bleibt die Frage offen, ob man aus den Körpermerkmalen eines Menschen Rückschlüsse auf Persönlichkeitsmerkmale wie soziale Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität und Intelligenz ziehen kann. Wie so oft liegt die Antwort vermutlich irgendwo dazwischen. Hüten sollte man sich zum Beispiel vor apodiktischen Schlüssen wie „Wer pralle Lippen hat, ist sinnlich“, oder: „Wer eine hohe Stirn hat, ist klug“. Erst aufgrund der Gesamtschau des Gesichts lassen sich gewisse Tendenzaussagen treffen. Die traditionelle chinesische Medizin unterscheidet drei Gesichtsbereiche:

  • Stirn
  • mittlere Gesichtspartie von den Augen bis zur Nase
  • untere Gesichtspartie mit Mund, Kiefer und Kinn

Die Stirn gilt als der Bereich, der den Geist sowie Intellekt widerspiegelt. Die mittlere Partie als derjenige, der Auskunft über die Seele gibt. Die untere Gesichtspartie hingegen wird als Repräsentanz des Körpers gesehen. Wirkt das Verhältnis zwischen diesen drei Zonen auf den Betrachter ausgewogen, wird dies als Indiz für eine ausgeglichene Wesensart verstanden. Sticht hingegen eine Gesichtspartie besonders hervor, gilt das als Indiz für eine überproportional starke Ausprägung gewisser persönlicher Merkmale und Eigenschaften.

Diese Grundüberzeugung teilen die Physiognomiker noch heute. Sie sind etwa der Meinung, dass eine dominierende Stirn auf ein hohes Abstraktionsvermögen und ausgeprägte intellektuelle Fähigkeiten hinweist. Menschen mit einer dominanten mittleren Gesichtszone hingegen gelten als gefühlsbetont, sollten über einen gesunden Menschenverstand sowie Gespür fürs Machbare verfügen. Eine dominante untere Gesichtspartie, zum Beispiel ein markantes Kinn, weist auf Kurzentschlossenheit, Handlungsorientierung sowie impulsives Handeln hin.

Die Illusion der Physiognomik

Die Physiognomik fand über Jahrtausende Anhänger, weil ihre Aussagen die Alltagerfahrung vieler Menschen widerspiegelten. Hinzu kommt: Wir können unsere Körpermerkmale im Gegensatz zu unserer Kleidung, Mimik und Gestik nicht beeinflussen. Deshalb vermittelt die Physiognomik ihren Anhängern die Illusion, mit ihrer Hilfe einen unverfälschten Blick auf das Wesen anderer Menschen zu erlangen. Außerdem machen die Interpretationsschemata das Einschätzen von Menschen scheinbar leicht. Denn um die dominante Zone im Gesicht eines Menschen zu erkennen, muss man ihn nicht lange studieren. Ein Blick genügt und schon lassen sich erste Thesen aufstellen, wie der Andere vermutlich tickt.

Besonders großen Zuspruch erfährt die Pysiognomik deshalb bei Angehörigen von Berufen, die oft andere Personen schnell einschätzen müssen. Zum Beispiel Verkäufer. Sie müssen binnen Sekundenbruchteilen entscheiden, wie sie Kunden ansprechen. Entsprechendes gilt für Personalberater und Personalverantwortliche in Unternehmen. Auch sie müssen sich in Bewerbungsgesprächen in kurzer Zeit ein erstes Bild vom Kandidaten machen. Hierfür nutzen sie bewusst oder unbewusst, die Physiognomik – und machen damit nach eigenen Aussagen positive Erfahrungen.

Körpermerkmale rufen Emotionen hervor

Gegner des Gesichterlesens argumentieren, es handele sich bestenfalls um selbsterfüllende Prophezeiungen. Doch bleibt es eine Tatsache, dass Körpermerkmale bestimmte Assoziationen und Emotionen hervorrufen. Diese wiederum führen dazu, dass wir manche Personen zum Beispiel auf Anhieb sympathisch oder unsympathisch, interessant oder uninteressant finden und uns ihnen gegenüber anders verhalten.

Kennen wir diese Bilder und Assoziationen, können wir sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen. Sind sie uns hingegen nicht bewusst, geben wir uns schnell der Illusion hin, wir würden uns ganz rational verhalten. Und dies, obwohl unser Verhalten von unseren Emotionen beeinflusst wird.

Körpermerkmale und mögliche Interpretationen der Persönlichkeit

 Stirn

  • Hohe Stirn: intelligent, vernünftig, denkfreudig
  • Willensfalte (senkrecht über der Nasenwurzel): beharrlich, hartnäckig, fokussiert
  • Jobfalte (über der rechten Augenbraue): starke Identifikation mit der eigenen Tätigkeit, lösungsorientiert, begeisternd
  • Seelenfalte (senkrecht nahe der linken Augenbraue): stressresistent
  • Befehlsfalte (Querfalte oberhalb des Nasenrückens): entscheidungsfreudig, „Alphatier“

Augen

  • groß, offen: feinfühlig, beziehungsfreundlich
  • hervorstehend: leidenschaftlich-ungestüm
  • tief sitzend: vorsichtig, abwartend
  • schmal: scharfsinnig, geistesgegenwärtig
  • eng beieinander: detailversessen
  • weit auseinander: kreativ

Nase

  • breiter Nasenrücken: mental stark belastbar
  • große Nasenlöcher: großzügig
  • kleine Nasenlöcher: sparsam, strebsam, idealistisch
  • nach oben gebogene Nasenspitze: mühelos, leichtgängig
  • nach unten gebogene Nasenspitze: beeinflussend

Mund

  • pralle Oberlippe: leidenschaftlich, dramatisch
  • bogenförmige Einkerbung der Oberlippe: einfühlsam
  • üppige Unterlippe: genussfreudig
  • volle Lippen: komisch, humorvoll
  • unausgeprägte Lippen: faktenorientiert, umsetzungsstark

Kiefer und Kinn

  • ausgeprägt: zielorientiert, konfliktfähig, materialistisch, statusbewusst
  • zurückweichends Kinn und kleiner Unterkiefer: durchsetzungsschwach, wenig leistungsbereit
  • spitz zulaufendes Kinn: selbstgefällig
  • rundes Kinn: diplomatisch
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