InsolvenzPlädoyer für einen anderen Umgang mit Pleiten

© stockyimages - Fotolia.com
Wer hierzulande Insolvenz anmeldet, wird als Versager abgestempelt und kämpft gegen Vorurteile und Spott. Warum eigentlich, fragt Transition Manager Alexander Eichner.
erschienen: 12.11.2014
Schlagwörter: Unternehmensführung
(2 Bewertungen)

Wer in Deutschland als Unternehmer Schiffbruch erleidet, aus welchen Gründen auch immer, läuft stigmatisiert mit dem Kainsmal des Faulen, Versagers und sogar Kriminellen durch die Gegend. Ankämpfend gegen Vorurteile, Spott und Staatsanwalt. Sofern keine böswillige Absicht vorliegt, sei die Frage erlaubt: Warum eigentlich?

StichwortInsolvenz

Von Insolvenz betroffen ist ein Unternehmen dann, wenn es entweder zahlungsunfähig ist, die Zahlungsunfähigkeit droht oder wenn es überschuldet ist. Diese Varianten gibt die Insolvenzordnung (InsO) vor.

Ein Unternehmen ist zahlungsunfähig, wenn es nicht in der Lage ist, seine fälligen Zahlungspflichten zu erfüllen. Einem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) zufolge ist dies der Fall, wenn es über einen Zeitraum von drei Wochen mindestens zehn Prozent seiner fälligen Verbindlichkeiten nicht begleichen kann.

Von der Zahlungsunfähigkeit bedroht ist ein Unternehmen, wenn es voraussichtlich nicht in der Lage sein wird, die Zahlungsverpflichtungen im Zeitpunkt der Fälligkeit zu erfüllen.

Deckt das Vermögen des Unternehmens die bestehenden Verbindlichkeiten nicht mehr, ist es überschuldet.

Nicht immer ist der Unternehmenslenker schuld

Natürlich sind es oft auch Realitätsverlust oder Wahrnehmungsstörungen, die Unternehmen über die Wupper gehen lassen. Die Ursachen dafür stets in der Unfähigkeit des Managements zu suchen, ist jedoch zu kurz gegriffen. Persönliche Schicksalsschläge können Urteilskraft und Motivation eines Geschäftsführers genauso aussetzen lassen. Und auch die oft angeführte Verkettung unglücklicher Umstände gibt es im ach so durchkalkulierten Geschäftsleben wirklich. Wenn etwa ein Managementwechsel bei der Hausbank zu einer neuen Kreditstrategie und damit direkt in die Pleite führt, weil Warenkredite nicht mehr gewährt werden.

Aus den Fehlern lernen und neu durchstarten

Deshalb ist mir die in England gebräuchliche Formel für jemanden, der Insolvenz anmelden musste, sympathischer: „He was rather unlucky, he will make it again!” Das ist fair und gibt einem eine zweite Chance. Die Botschaft: Falls der Unternehmensführer Fehler gemacht hat, wird er daraus gelernt haben und sie kein zweites Mal begehen. Im Übrigen gibt es eine Reihe bekannter Entrepreneurs, die als Pleitier in eine neue Runde gingen, ihre Fehler analysierten und – wie Börsenaltmeister André Kostolany – zur Legende wurden.

Die Insolvenz als Baustein für eine zweite Zukunft

Eine Insolvenz muss daher nicht der letzte Akt im Leben eines Unternehmens darstellen, auch wenn die das Scheitern zu verantwortende Geschäftsführung mit dem Einreichen des Insolvenzantrags meist resigniert ihre Posten räumt. Eine Insolvenz muss nicht das Ende bedeuten, sondern kann als Teil eines Konzepts ein Baustein für die zweite Zukunft werden. Eine Konzeptinsolvenz setzt gedanklich daher schon dann ein, wenn sich die Insolvenz abzeichnet, weil kein weißer Ritter gefunden und der Antrag auf das Schutzschirmverfahren abgelehnt wurde.

Bei der Konzeptinsolvenz steht der Neustart im Vordergrund

Die Konzeptinsolvenz wird damit zum Modul eines neuen Businessplans und muss, wie andere Milestones auch, schlicht abgearbeitet werden. Die Konzeptinsolvenz soll die moralische Verpflichtung des Unternehmens gegenüber seinen Gläubigern keinesfalls auflösen. Weil es dabei aber um einen Neustart und nicht die Abwicklung des Unternehmens geht, gibt es viel mehr Möglichkeiten, konstruktive Lösungen zu finden, um die Gelder der Gläubiger von Anfang an besonders zu berücksichtigen.

Risiko Insolvenzverwalter

Allerdings stellt eine der wichtigsten Personen in diesem Konzept gleichzeitig das größte Risiko dar: der Insolvenzverwalter. Dieser Manager wird zugeordnet, er kann nicht in einem Bewerberverfahren aufgrund von Qualifikation ausgewählt und auf Erfolgsbasis honoriert werden. Anwälte werden Insolvenzverwalter wie Deutsch-Lehrer Finanzminister. Der Insolvenzverwalter kann dem sonst weitgehend kontrollierbaren Prozess der Konzeptinsolvenz den Boden entziehen. Etwa dann, wenn er nicht ausreichend kreativ und konstruktiv ist. Je stärker aber die Position des Unternehmers bei den Gläubigern ist, desto besser wird er die Situation in seine Richtung bugsieren können.

Die moralische Verpflichtung gegenüber dem Gläubiger bleibt

Auch in einer Konzeptinsolvenz soll – genauso wie in einer legalen Insolvenzsituation – die moralische Verpflichtung gegenüber dem Gläubiger nicht aufgelöst werden. Ein Neustart, der dessen investiertes Geld von Anfang an besonders berücksichtigt, ist eine echte Option, um konstruktiv zu sein. Allerdings sollten die Fehler, die zur Insolvenz geführt hatten, sich nicht wiederholen. Fazit: Ein proaktives Angehen der Managementaufgabe „Insolvenz“ kann zu guten Resultaten führen. Denn wer nicht kämpft, hat schon verloren!

(2 Bewertungen)  Artikel bewerten
Über den Autor
Alexander Eichner

Alexander Eichner ist selbständiger Transition Manager. Er unterstützt Unternehmen unter anderem in den Bereichen Restrukturierung und Sanierung, Investorenansprache, Geschäftsentwicklung sowie Aufsichtsrats- und Beiratsmanagement.

Anschrifttransition-manager
Am Clef 58
42275 Wuppertal
Telefon+49 202 261352070
E-Mailmiddleoffice@transition-manager.com
Internetwww.transition-manager.com
Xingwww.xing.com/profile/Alexander_Eichner