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Internationales ManagementWirtschaftsentwicklung in China und Südostasien

Hier erfahren Sie alles über die Wirtschaftsleistung der wichtigsten südost- und ostasiatischen Länder und der dahinter liegenden politischen Strukturen.
erschienen: 26.08.2010

In Asien leben inzwischen fast zwei Drittel der Weltbevölkerung. Die Presseberichterstattung über diese dynamische Region lieferte im ersten Halbjahr 2010 vor allem wirtschaftliche Erfolgsmeldungen aus China, daneben den Streit zwischen chinesischer Regierung und Google. Die „jungen Demokratien“ Thailand und die Philippinen waren dagegen in den Negativschlagzeilen: In Thailand herrschte Bürgerkrieg, auf den Philippinen kamen im Zusammenhang der Neuwahlen – auch dieses Mal wieder - Menschen ums Leben. Ökonomisch wiesen die beiden Länder vergleichsweise schlechte Daten aus: Thailand verzeichnete 2009 ein Negativwachstum von -2,3 Prozent, auf den Philippinen konnte das BIP nur um bescheidene 0,9 Prozent wachsen.

Offene, leistungsfähige Wirtschaften zeichnen sich aus durch die Freiheit der Bürger, wirtschaftlichen Aktivitäten nachzugehen, durch Schutzrechte der Bürger und ihres Besitzes, durch die Möglichkeit, Informationen zu erhalten sowie durch das Vertrauen auf das Funktionieren der Märkte bei der Verteilung von Gütern und Einnahmen.

Wenngleich es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen ökonomischer Freiheit und Demokratie gibt, scheinen demokratische Systeme am ehesten geeignet, ökonomische Transparenz zu gewährleisten.

Wirtschaftliche Erfolge in autoritären Systemen: China und Vietnam

China hat Ende 2009 Deutschland als größte Exportnation der Welt überholt und Deutschland von Platz drei der wichtigsten Wirtschaftsnationen, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, verdrängt. Im Sommer 2010 zog China – eigenen Angaben zufolge - auch an Japan vorbei und gilt seither als zweitwichtigste Volkswirtschaft der Welt.

Das Land war offensichtlich von der globalen Finanzmarktkrise weniger betroffen. 2009 konnte das BIP Chinas um 8,7 Prozent gesteigert werden; die Prognosen für 2010 und 2011 liegen bei über zehn Prozent. Chinas Rolle als neuer Exportweltmeister geht einher mit hohen Devisenreserven, die China unter anderem nutzt, um sich den für die weitere Entwicklung entscheidenden Zugang zu Rohstoffen zu sichern, und mit enormen Erfolgen in wichtigen Branchen, beispielsweise der Entwicklung zum größten Automobilmarkt vor den USA.

Politisch befindet sich China jedoch immer noch fest im Griff der totalitären, kommunistischen Partei. Das Land scheint insofern der These, dass politische und wirtschaftliche Freiheit letztlich Hand in Hand gehen, klar zu widersprechen.

Ähnliche Beobachtungen lassen sich in einem weiteren asiatischen Staat anstellen: Der kommunistische Einparteienstaat Vietnam befindet sich faktisch - wie China - im Wandel zur Marktwirtschaft und legt gleichzeitig positive Wirtschaftsdaten vor. Seit Mitte der 80er Jahre zeigt Vietnam hohe Wirtschaftswachstumsraten von sieben bis acht Prozent. 2009 wuchs Vietnams Wirtschaft immerhin um 5,3 Prozent, aufgrund der hohen Exportrate mussten im Zeichen der Weltfinanzmarktkrise Einbußen hingenommen werden. Die Prognosen für die kommenden Jahre liegen jedoch bereits wieder über sechs Prozent.

Demokratische Strukturen in Japan, Südkorea, Taiwan

Japan, die am weitesten entwickelte asiatische Volkswirtschaft, gilt aufgrund seiner Exportabhängigkeit bei schwacher Binnenkonjunktur als einer der Hauptverlierer der Weltfinanzmarktkrise mit Negativwachstumsraten von -2,6 Prozent in 2009. Neben der Exportabhängigkeit teilt Japan auch in anderer Hinsicht das Schicksal westlicher Industrienationen, insbesondere Deutschlands. Als Hegemonialmacht in der Region trägt Japan Stabilisierungskosten, wenn beispielsweise Rettungsnetze für Staaten in der Krise aufgespannt werden müssen. Japan hat seinen Nachbarn, vor allem China und den südsostasiatischen Ländern, in hohem Maße Entwicklungshilfe geleistet. Die wirtschaftliche Supermacht Japan entwickelte sich zur stabilen Demokratie, erwies sich durch einen Machtwechsel im September 2009 sogar als Musterschüler demokratischer Theorie.

Auch in Südkorea und Taiwan begann nach nachhaltiger Industrialisierung die Demokratisierung, unterstützt durch die Ausbildung einer breiteren Mittelschicht.

Mit Sicht auf diese entwickelten Volkswirtschaften ließe sich die Vermutung anstellen, dass die asiatischen Länder dem Modell des sogenannten „Developmentalism“ folgen, nach dem ein hoher ökonomischer Entwicklungsgrad eine Demokratisierung nach sich zieht. Ist also eine Demokratisierung in den südost- und ostasiatischen Schwellenländern als Folge von erfolgreichen Prozessen der Industrialisierung und Modernisierung zu erwarten?

Probleme in Thailand, Malaysia und auf den Philippinen

Richten wir nochmals den Blick auf die vorhin schon erwähnten „jungen Demokratien“: In Thailand tobte im April und Mai 2010 der Bürgerkrieg zwischen den sogenannten „Rothemden“ beziehungsweise der United Front for Democracy against Dictatorship (UDD) und der Armee, mit der Forderung nach Rücktritt der Regierung von Premier Abhisit und Auflösung des Parlaments. 2006 wurde dort der demokratisch gewählte Premier Thaksin durch einen Staatsstreich beseitigt. Militärs übernahmen die Macht, Thaksin ging ins Exil.

Thaksin muss sich zwar den Vorwurf der Korruption und Vetternwirtschaft gefallen lassen, jedoch sehen Kritiker seine Amtsenthebung eher als Sieg der „Geldhemden“ oder People’s Alliance for Democracy (PAD), also der konservativen, bürgerlich-städtischen Eliten, einer Allianz aus königstreuen, militärnahen Kreisen und der teilweise chinesischstämmigen Mittel- und Oberschicht, über eine gewählte Regierung und deren Basis, der armen, thaistämmigen Landbevölkerung – letztlich mit dem Zweck, demokratische Errungenschaften zu beseitigen oder zumindest zu schwächen, um keine wirtschaftliche Umverteilung zu riskieren.

Die Gewalt im Kontext der Wahlen auf den Philippinen im Mai 2010, bei denen ungefähr 50 Millionen Wähler gleichzeitig zu Parlaments- und Gouverneurs-, und Lokalverwaltungswahlen aufgerufen waren, hinterließen eine traurige Bilanz von mindestens 14 Toten. Als Regierungsform weisen die Philippinen ein Präsidialsystem aus, es gibt unterschiedliche Parteien, parlamentarisch ein Zwei-Kammern-System. Staatsoberhaupt und Regierungschef ist seit 30. Juni 2010 Benigno Aquino, Sohn der verstorbenen Expräsidentin. Schaute man sich die Kandidatenlisten dieser Wahlen an, traf man auf viele bekannte Namen. Selbst die achtzigjährige Imelda Marcos, Gattin des 1986 aus dem Amt vertriebenen Präsidenten und damals für ihr Luxusleben im bitterarmen Staat in den Schlagzeilen der Regenbogenpresse, ließ es sich nicht nehmen, für den Posten als Kongressabgeordnete zu kandidieren.

Probleme wurden auch aus Malaysia gemeldet, 2009 schrumpfte die Wirtschaft um 1,7 Prozent. In politischer Hinsicht werden weiterhin Korruption und mangelnde Transparenz beklagt. Das Land firmiert als parlamentarische Demokratie, autoritäre Züge, zum Beispiel die starke Stellung des Premiers, eingeschränkte Bürgerrechte und Medienkontrolle sind jedoch Teil des Systems.

Die Betrachtung der Zustände in Thailand, auf den Philippinen und Malaysia weist darauf hin, dass die demokratischen Strukturmerkmale Wahlen und unterschiedliche Parteien noch nicht hinreichend im politischen System verankert sind. Zwar werden Wahlen abgehalten, diese entsprechen jedoch nicht liberal-demokratischen Prinzipien von Fairness, Gleichheit und Freiheit. Man bezeichnet dieses Phänomen auch als „electorial authoritarianism”: die Illusion einer Mehrparteiendemokratie auf lokaler und nationaler Ebene vor autoritären Strukturen.

Positive Signale aus Indonesien

Positive Signale gingen, trotz immer noch bestehender Infrastrukturmängel und Korruptionsproblematik, von Indonesien aus, dessen Wirtschaft im schwierigen Jahr 2009 immerhin um 4,6 Prozent wuchs. Mit ungefähr 230 Millionen Einwohnern gilt Indonesien als der viertbevölkerungsreichste Staat der Welt, was eine beachtliche potenzielle Inlandsnachfrage impliziert.

Seit zehn Jahren werden dort Wahlen abgehalten, stolz nennt man sich die drittgrößte Demokratie der Welt. Präsident Susilo Bambang Yudhoyono wurde 2009 in seinem Amt bestätigt. Noch vor nicht allzu langer Zeit drohte das Land, der größte islamische Staat der Welt, in Chaos und muslimischem Extremismus zu versinken. Inzwischen scheint sich dort die Demokratie bei positiven Wirtschaftsdaten zu konsolidieren. Beobachter führen dies nicht zuletzt auf die Person des ausgleichenden, demokratisch gestimmten Staatspräsidenten Yudhoyono zurück und seinen säkularen Kurs mit Zugeständnissen an muslimische Bevölkerungsgruppen. Unterstützend wirkt die im Wahlrecht verankerte Notwendigkeit der Koalitionenbildung.

Entwicklung hybrider Systeme in Asien

In China und Vietnam, aber auch in Laos scheint sich ein „Marktleninismus“ zu zementieren. Die ökonomischen Erfolge in China und Vietnam ziehen derzeit keine Demokratisierungserfolge nach sich. Der Weg des „Developmentalism“, wie er von Japan, Südkorea und Taiwan eingeschlagen wurde, muss also keineswegs als Modell für die asiatischen Schwellenländer gelten.

Zu beobachten ist also die Konversion kommunistischer beziehungsweise sozialistischer Regime in China, Vietnam und Laos hin zu einem totalitären Kapitalismus. Im Unterschied zu Osteuropa, wo der Zusammenbruch des Kommunismus mit einer Demokratisierung verbunden war, scheinen sich die kommunistischen Länder der Asien-Pazifik-Region eher an das Modell der kapitalistischen Entwicklungsdiktaturen anzupassen. Disziplinierte, autoritäre Regime sind offensichtlich sehr gut in der Lage, Wirtschaftsleistungen zustande zu bringen.

Übersehen werden darf auch nicht, dass selbst politisch „geschlossene“ Systeme wie China und Vietnam ihren Bürgern inzwischen Zugang zu Daten und Informationen über Forschung, Produktion und Eigentumsverhältnisse gewähren – solange diese wirtschaftlichen Zielsetzungen dienen.

Als Modell, welche Entwicklung die südost- und ostasiatischen Schwellenländer nehmen könnten, bietet sich Singapur an; dort herrscht eine klare Trennung zwischen ökonomischer und politischer Transparenz. Trotz autoritärer politischer Strukturen erhält Singapur im internationalen Vergleich in jedem Jahr Topwerte für Korruptionskontrolle und „government effectiveness“.

Regime, die demokratische und autoritäre Merkmale verbinden, werden „hybride Systeme“ genannt. Die Ausbildung weiterer, wirtschaftlich leistungsfähiger, hybrider Systeme in Südost- und Ostasien ist zu erwarten.

[Bild: Fotolia.com]

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Über die Autorin
Prof. Dr. Doris Gutting

Prof. Dr. Doris Gutting lehrt Interkulturelles Management an der Fachhochschule für angewandtes Management, Erding, und baut dort derzeit das Asieninstitut der Hochschule auf.

AnschriftProf. Dr. Doris Gutting
Fachhochschule für angewandtes Management Erding
Am Bahnhof 2
85435 Erding
Tel.08122-9559480
E-Maildoris.gutting@myfham.de
Webwww.fham.de

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