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InterviewPeter Drucker zum 100. Geburtstag

Peter Drucker wäre heute einhundert Jahre alt geworden. Er gilt als der Erfinder des Managements und sein Denken und seine Botschaften prägen das Management bis heute. Ein Interview mit dem Drucker-Kenner Winfried W. Weber.
erschienen: 19.11.2009
Schlagwörter: Unternehmensführung

Mit dem Peter Drucker-Kenner und Management-Experten Winfried W. Weber, Professor an der Hochschule Mannheim und Herausgeber des neuen Buches „Peter Drucker – der Mann, der das Management geprägt hat“, sprach Jürgen Fleig von business-wissen.de anlässlich des 100. Geburtstags von Peter Drucker, der am 19.11.2009 gefeiert worden wäre.

Herr Professor Weber, Sie sagen, Peter Drucker habe das Management-Denken seit den 1940er Jahren bis heute geprägt wie kein anderer. Was macht Drucker so einzigartig?

Peter Drucker war der Erste, der die Aufgaben des Managements beschrieben und auf den Punkt gebracht hat. Aber noch viel wichtiger ist: Er hat erklärt, was für eine wichtige Funktion das Management in der Gesellschaft hat. Das Management ist eine Institution mit einer sehr wichtigen sozialen Funktion. Darauf hat Drucker immer wieder hingewiesen – und das macht ihn einzigartig. Gerade dann, wenn sich Gesellschaften ausdifferenzieren, spielt das Management eine wichtige Rolle. Viele Schwellenländer wären in den letzten Jahrzehnten nicht so erfolgreich gewesen, wenn sich dort nicht ein funktionierendes Management entwickelt hätte.

Dass Drucker das erkannt und beschrieben hat, lässt sich übrigens aus seiner Biografie erklären. Durch sein Elternhaus besaß er eine sehr breite Bildung. Als Auszubildender erlebte er in den 1920er Jahren die erste Firmenpleite, später war er als Journalist sehr erfolgreich. Er erlebte also schon in jungen Jahren, wie Unternehmen funktionieren. Dabei war er nie selbst Manager, Wissenschaftler oder Berater und besaß dadurch immer eine Distanz zu dem, worüber er sprach und schrieb. Er war ein sogenannter Bystander, der andere sehr genau beobachtete und das Denken über Management konzeptionell auf eine höhere Ebene brachte.

Drucker hat sich immer auch kritisch über die Managerzunft geäußert, zum Beispiel wenn es um Managergehälter und Abfindungen – wieder ein aktuelles Thema – ging. Welcher Typ Manager kann denn seiner Meinung nach ein Vorbild für seine Kollegen sein?

Manager werden tagtäglich von allen Mitarbeitern in ihrem Unternehmen sehr genau beobachtet. Es gibt wohl kaum eine andere Gruppe von Menschen, über die soviel geredet oder getratscht wird. Die Mitarbeiter nehmen sehr genau wahr, wie sich der Manager verhält, was er sagt und vor allem, wie er seine eigene Rolle im Unternehmen sieht. Eine Gefahr ist, dass die Manager verkennen, wie genau sie beobachtet werden. Sie entfernen sich von ihrem Team und von den Mitarbeitern, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Und davor hat Drucker immer gewarnt. Für ihn war entscheidend: Verschreibt sich der Chef voll und ganz dem Unternehmen, der Sache, seiner Aufgabe? Oder geht es ihm um seine Person, um die eigene Anerkennung? Wenn das der Fall ist, dann verliert er an Legitimität in seiner Manager-Rolle.

Für Drucker gibt es keinen typischen Manager-Typen. Gute Manager können alles sein: Manche sind Arbeitstiere, andere nicht, manche sind chaotisch, andere sehr strukturiert und penibel, manche mischen sich in jede Kleinigkeit ein, andere pflegen einen Laisser-faire-Stil. Wichtig ist, dass sie über sich selbst reflektieren und dass sie sich selbst nicht so wichtig nehmen, wie das Unternehmen und ihre Aufgaben.

Wenn wir von Managern sprechen, denken wir meist an die Top-Manager und die großen Bosse. Aber schon der Gruppenleiter und Teamleiter hat Managementaufgaben. Was hätte Drucker diesen „einfachen Führungskräften“ geraten, wie sie ihre alltäglichen Aufgaben bewältigen sollen?

Drucker vermied es immer, dem Management konkrete Tipps zu geben. Einfache Regeln, das „Simplify-Your-Management“, das Best-Practice-Modell – das wollte Peter Drucker nicht vermitteln. Seine Botschaften waren immer: Jede Methode und jedes Werkzeug kann hilfreich sein, aber man sollte es nicht auf die Spitze treiben. Die eigene Know-how- oder Management-To-Do-Liste muss sich jeder selbst anfertigen. Dazu muss jeder seinen gesunden Menschenverstand trainieren. Was seiner Meinung nach außerdem hilft, wenn Manager das Unerwartete vorausdenken.

Sein Schüler Tom Peters, auch ein Management-Guru, war eher der Ratgeber. Er wurde mit seinem Buch „Auf der Suche nach Spitzenleistungen“ berühmt, als Anfang der 1980er Jahre viele Unternehmen in den USA in die Krise schlitterten und auf der Suche nach Lösungen waren, wie man aus einer schwierigen Situation wieder herauskommen könne. Sie strömten in die Seminare von Peters und suchten bei ihm Rat. Drucker sprach dagegen viel lieber in rätselhaften Wendungen, die das Denken anspornen sollten. Er riet zum Beispiel: Ziel eines Unternehmens ist, einen Kunden zu erschaffen. Darüber kann man dann schon eine Weile nachdenken.

Sie sind selbst an einer Hochschule tätig. Sie bilden Studierende aus, von denen einige in den Unternehmen als Talente erkannt und auf den Karrierepfad geschickt werden. Was müssen Sie und Ihre Kollegen diesen Menschen mit auf den Weg geben, um sie darauf vorzubereiten?

Betriebswirtschaftslehre, Rechnungswesen, Personalwirtschaft – das sind Fächer, die man an Hochschulen lehren kann. Aber Management? Viele Praktiker aus den Unternehmen kommen inzwischen zu uns und sagen: Ihr müsst den Studierenden mehr Führung und Management beibringen.

Das ist schwierig, weil die meisten keine entsprechenden Erfahrungen mitbringen, wenn sie an die Hochschule kommen. Wenn wir Management lehren wollen, dann fehlt das Hintergrundwissen, damit die Studierenden das verstehen, was wir über Führung und Management erzählen.

Einige bringen solche Erfahrungen mit. Sie haben im Sportverein oder in der Jugendgruppe erlebt, was es heißt, andere zu einem gemeinsamen Ziel zu führen. Oder welche Rolle die Motivation spielt. Wenn Sie dann etwas über Management und Führung hören, können sie das einordnen und reflektieren. Wir ermuntern deshalb unsere Bachelor-Studierenden, solche Erfahrungen zu sammeln.

Die Trennung zwischen Bachelor- und Masterstudium kann dabei übrigens helfen. Wenn die Studierenden nach dem Bachelor in den Unternehmen ein paar Jahre lang erste Erfahrungen sammeln, dann lässt sich darauf im Master-Studium aufbauen, um über Management und Führung zu sprechen.

Das war auch ein Grund, weshalb Drucker nie dem Ruf renommierter Universitäten wie Harvard folgte. Er sah die Lehre vom Management und Führung, wie sie beim MBA vermittelt wird, eher skeptisch. Ihm ging es vor allem darum, mit Praktikern und erfahrenen Menschen über Management zu diskutieren.

Wird Drucker zwar geehrt, aber seine Botschaften heute nur noch von wenigen Managern beachtet?

Das sehe ich nicht so. Ich finde es sogar immer wieder erstaunlich, welche große Rolle das Denken Peter Druckers auf allen Ebenen des Managements spielt. Gerade im Top-Management ist das gesprochene Wort sehr wichtig. Man spricht mit Kollegen, tauscht sich aus, gibt auch mal Tipps oder verbreitet Gerüchte. Und sehr oft geht es dabei – bewusst und unbewusst – um die Ideen Druckers. Sie haben nach wie vor einen erstaunlich großen Einfluss.

Wo ich noch Defizite sehe, ist der Bereich der Non-Profit-Organisationen. Obwohl Drucker gerade hier einen großen Teil seiner Arbeitszeit tätig war, sind seine Ideen bei diesen Organisationen noch nicht richtig fruchtbar geworden. Vielleicht haben die verantwortlichen Manager dort noch nicht erkannt, dass sie die gleichen Probleme haben, wie alle Unternehmen.

Herr Professor Weber, herzlichen Dank für das Gespräch.

[Bilder: Winfried W. Weber, Claremont Graduate University]