KlartextIn Reden keine Phrasen dreschen

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Lange Sätze und Zahlenwüsten in Reden verwirren Kunden und Mitarbeiter. Vortragende sollten deshalb Regeln für eine bessere Verständlichkeit beherrschen.
erschienen: 17.12.2015
Schlagwörter: Präsentieren
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Es gibt Reden, die hätte man lieber nicht gehört. Damit sind nicht solche Entertainment-Feuerwerke wie Edmund Stoibers berühmte Transrapid-Rede gemeint. Die sollte man unbedingt gehört haben – allein schon, weil man daraus lernen kann, wie Rhetorik nicht funktioniert. Vielmehr geht es um wichtige Reden von Menschen in öffentlichkeitswirksamen Positionen, die ihr Publikum regelmäßig unwissender zurücklassen, als es vorher war.

Viele Firmenchefs reden unverständlich

Für Konzernchefs beispielsweise gehört Reden zum Job. Von ihnen, die in der Öffentlichkeit stehen, darf man Verständlichkeit erwarten. Und man darf ihnen auch unterstellen, dass sie das wissen. Doch viele ignorieren dieses Wissen. Die Ansprachen, zum Beispiel auf Jahreshauptversammlungen, geraten regelmäßig zu Ratestunden. Wo es darauf ankäme, vor ihren Mitarbeitern ein leuchtendes Beispiel abzugeben, liefern sie stattdessen Linguistik-Forschern Beispiele für schlechten Stil und lassen eine gute Gelegenheit aus, sich öffentlichkeitswirksam zu positionieren.

Doch was macht die Reden der großen Bosse eigentlich so unverständlich? Welche Nebelbomben sorgen in ihren Vorträgen dafür, dass wir sie im Zweifel überhaupt nicht verstehen – und schon gar nicht richtig? Und wie können Redner vermeiden, die gleichen Fehler zu begehen und ihrem Publikum nichts als Fragezeichen mit auf den Weg zu geben?

Zu viele Wörter sorgen für Verwirrung

Geht es nach den Ergebnissen einer Studie der Universität Hohenheim in Kooperation mit dem Handelsblatt, darf Reto Francioni, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse AG, den Titel „König der Phrasendrescher“ für sich beanspruchen. Bei seiner Rede zur Hauptversammlung 2013 brachte er es auf 52 Wörter in einem einzigen Satz. Zitat:

„Seit Einberufung der Hauptversammlung im Bundesanzeiger waren der festgestellte Jahresabschluss und der gebilligte Konzernabschluss, der zusammengefasste Lagebericht für die Deutsche Börse AG und den Konzern zum 31. Dezember 2012 sowie unser Vorstandsbericht nach Paragraf 289 Absatz 4 und 5 sowie Paragraf 315 Absatz 2 Nr. 5 und Absatz 4 des Handelsgesetzbuches zugänglich.“

Auf seine Botschaft reduziert bedeutet dieser Satz lediglich: „Unsere Zahlen waren pünktlich verfügbar.“ Doch das wussten die Aktionäre wohl auch schon vorher. In der freien Rede helfen viele Worte gerade nicht viel, sondern sorgen nur für Verwirrung. Aus gutem Grund legten die Hohenheimer Forscher in ihrer Studie als Kriterium für maximale Verständlichkeit den Maßstab von Hörfunk-Texten an. Dort müssen den Redakteuren im Schnitt etwa sieben bis acht Wörter pro Satz reichen, damit die Hörer noch folgen können.

Mehrere kurze Sätze sind besser als ein langer

Warum also überfordert Francioni seine Zuhörer derart? Verschiedene Gründe sind denkbar: Erstens: Er möchte gar nicht von jedem verstanden werden. Zweitens: Weil das Redeskript eines Konzernchefs bei einem solchen Anlass im Zweifel ein juristisch relevantes Dokument ist, das später gegen ihn verwendet werden könnte, will er eine lückenlose Argumentation sicherstellen. Und zählt deshalb alle relevanten Paragrafen gleich mit auf.

Auch wenn Redner sich absichern und viele Informationen unterbringen müssen, sind mehrere kurze Sätze immer besser als ein langer. Und wenn es sich um unwichtige Informationen handelt wie in diesem Fall, sollten sie lieber unterbleiben anstatt wertvolle Redezeit darauf zu verschwenden. In der gleichen Zeit könnte den Zuhörern nämlich etwas gesagt werden, das sie noch nicht wissen oder überall nachlesen können. Faustregel: In der freien Rede ist weniger mehr. Wer viel zu sagen hat, kann das auch in wenigen Worten pro Satz tun.

Bei Zahlenwüsten schaltet das Publikum ab

Im Gegensatz zu vielen anderen Vorstandschefs kann man Dieter Zetsche von der Daimler AG nicht vorwerfen, dass er zu übermäßig langen Sätzen neigt. Dafür verwendete er in seiner Rede auf der Hauptversammlung zum Geschäftsjahr 2011 eine Unmenge an Zahlen. Eine solche Rede ist nur dann auch für ein breites Publikum interessant und nicht nur für Aktionäre, wenn die Zahlen nicht für sich stehen. Ein Auszug:

„Unser Konzern-Umsatz stieg um 9 Prozent auf 106,5 Milliarden Euro. Unser EBIT lag bei 8,8 Milliarden Euro, aus dem laufenden Geschäft sogar bei 9 Milliarden. Das ist ein Plus von 20 beziehungsweise 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Unser Konzern-Ergebnis fiel mit 6 Milliarden Euro um 29 Prozent höher aus als 2010. (…) Auch unsere Kapitalkosten haben wir 2011 klar übertroffen und damit deutlich Wert geschaffen: 3,7 Milliarden Euro Value Added – das ist fast eine komplette Milliarde mehr als im Vorjahr. Unsere Kapitalrendite lag bei knapp 20 Prozent, also signifikant über unserem Verzinsungsanspruch von 8 Prozent.“

Erfolg als Geschichte erzählen

Für einen Aktionär, der die Zahlen aus den Vorjahren vorliegen hat, mögen das brauchbare Informationen sein. Für alle anderen ist dieses Zitat eine Zahlenwüste. Das Publikum schaltet ab, wenn sich in einer Rede Zahlen aneinanderreihen. Zahlen sind abstrakt und fesseln niemanden. Selbst Aktionäre lassen sich eher dann begeistern, wenn Erfolg auf greifbare Einheiten heruntergebrochen und daraus eine Geschichte gemacht wird.

Wenn die Erfolge des Unternehmens und die Ziele für die Zukunft beispielsweise in verständliche Bilder gefasst werden, leistet das dem Image einer Marke Vorschub. Auf die Rede des Daimler-Chefs bezogen heißt das: Dieter Zetsche könnte zum Beispiel erzählen, wie oft die bisher von seiner Firma gebauten Autos um den Erdball reichen würden. Er könnte die Geschichte eines bestimmten Kunden erzählen und an ihm zeigen, wie die Marke auf die Bedürfnisse neuer Käuferschichten eingeht – weil sich das demografisch rechnet.

Abstrakte Zahlen greifbar machen

Zetsche könnte aber auch Wachstumsziele folgendermaßen veranschaulichen: „Stellen Sie sich vor, Sie und ich fahren heute im neuen Mercedes-Roadster durch den schicken Vorort XY. Die Sonne scheint. Das Verdeck ist offen. Der Blick auf die idyllische Gegend wird durch nichts getrübt. Ganz entspannt lassen Sie den Blick schweifen. Und stellen fest, dass hier in jeder vierten Einfahrt ein Mercedes steht. Nun stellen Sie sich vor, wir machen den gleichen Ausflug durch dieselbe Nachbarschaft im Sommer 2015 noch einmal. Dann wird in dieser Nachbarschaft vor jeder zweiten Garage ein Mercedes stehen. Das ist unser Ziel.“

So würden abstrakte Zahlen wie die geplanten Absatzzahlen in bestimmten Sparten eines Unternehmens nicht nur greifbar, sondern wären im Gedächtnis der Zuhörer verankert. Was aber voraussetzt, dass der Redner das auch möchte. Faustregel: Zahlen können die Botschaft nur verstärken, wenn sie auf verständliche Einheiten heruntergebrochen und in lebensnahe Analogien oder Storys eingebettet sind.

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Fachbegriffe sind kein Ausdruck von Kompetenz

Auch die Wortwahl vieler Konzern-Chefs scheint nicht auf maximale Verständlichkeit abzuzielen. Die Hohenheimer Forscher zitierten sie mit Wortungetümen wie „Business-to-Business-to-Consumer-Wirtschaft“ oder auch „Nicht-Leben-Rückversicherungsgeschäft“. Auch viele Manager weit unterhalb der Vorstandsebene nehmen sich ein Beispiel an solchen Wortkreationen. Fachbegriffe und Kettenwörter gelten weithin als Kompetenzanzeiger. Deshalb werden sie in Reden und Präsentationen oft massenhaft verwendet. Die Botschaft: Ich weiß, wovon ich rede, also zweifelt nicht an meinen Worten!

auf diese Weise berauben sich Redner selbst eines größeren Wirkungskreises. Ein breites Publikum wird von Fachchinesisch eher abgestoßen als beeindruckt sein. Denn was die Zuhörer nicht verstehen, begeistert sie auch nicht. Doch genau darum geht es in der freien Rede: Was zählt, ist die Wirkung. Eine maximal wirksame Rede ist vor allem verständlich, emotional und unterhaltsam. Fachbegriffe erfüllen keines dieser Kriterien. Auch in die Medien kommt man nicht mit Fremdwörtern, sondern durch eine auffallend verständliche Ausdrucksweise.

Selbst vor Kollegen gilt: Fachbegriffe stehen einem nur im Weg, wenn es um die Aussendung klarer Botschaften geht, denn diese leben von einer verständlichen Ausdrucksweise. Wer etwas zu sagen hat, sollte sein Licht nicht unter den Scheffel stellen, sondern den Mut aufbringen, verstanden werden zu wollen. Faustregel: Wirkungsvolle Botschaften sind grundsätzlich in einfache Worte gekleidet. Fachbegriffe aneinanderzureihen und Wortungetüme zu erfinden, ist der Wirkung eines Redners auch in Fachkreisen abträglich.

Fazit

Durch eine verständliche Rede wirkt auch der Redner nach außen in die breite Öffentlichkeit. Wer seine Botschaften jedoch in einen Nebel von Endlossätzen, Zahlenwüsten und Wortungetümen kleidet, erweckt im schlimmsten Fall den Eindruck, er habe etwas zu verschleiern. Zumindest signalisiert er, dass es ihm egal ist, ob er verstanden wird. Verständlich zu reden ist kein Zeichen für mangelnde Kompetenz, sondern die Basis für echte Wirkung.

Checkliste: Faustregeln für verständliche Reden

  • Kompliziertere Zusammenhänge in mehrere kurze Sätze aufbrechen
  • Sich möglichst auf rund acht bis zwölf Wörter pro Satz beschränken
  • Anhäufung von Zahlen vermeiden
  • Hohe Zahlenwerte in verständliche Analogien herunterbrechen
  • Botschaften in möglichst einfache Worte fassen
  • Fachbegriffe und Wortkonstruktionen vermeiden
Über den Autor
René Borbonus

René Borbonus gehört zum renommierten Kreis der Top 100 Excellence Speakers und bewegt sich – als Buchautor, Vortragsredner und einer der führenden Kommunikationstrainer im deutschsprachigen Raum – bewusst an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis.

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