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KommunikationReden ist Gold, Schweigen ist Silber

Da läuft etwas schief im Unternehmen. Doch sehr viele Mitarbeiter trauen sich nicht, etwas zu sagen. Das kann viele negative Folgen haben.
erschienen: 19.04.2010

Bescheidenheit, Umsicht, Respekt und Anstand sind Werte, die viele damit verbinden, wenn Menschen nicht gleich los plappern, sondern erst einmal ruhig sind und schweigen. Oft verstecken sich die Menschen hinter der Meinung der anderen und machen sich zum Mitläufer. Das kann eine gute und richtige Überlebensstrategie sein. Und sie ist in vielen Unternehmen an der Tagesordnung - gerade dann, wenn Jobs gefährdet sind.

Die Gründe für das Schweigen im Unternehmen und am Arbeitsplatz können sein: Man fühlt sich nicht verantwortlich, hält es für keine wichtige Sache oder meint, dass das im Unternehmen üblich sei. Leslie Perlow von der Harvard Business School und Mary C. Gentile vom Babson College in Wellesley, Massachusetts, haben sich intensiv mit diesem Phänomen befasst. Sie halten dagegen: Es liegt in der Verantwortung eines jeden einzelnen Mitarbeiters, Dinge zur Sprache zu bringen, die nicht in Ordnung sind.

Also keine falsche Scheu. Im richtigen Ton, mit eigenen Lösungsvorschlägen und mit ausreichend Lernbereitschaft bringt es alle weiter. Leicht gesagt, doch schwer getan? Oft ist der Druck durch andere doch zu groß. Mögliche Gründe dafür sind:

  • Menschen scheuen den offenen Konflikt, sind es nicht gewohnt, ihre abweichende Meinung argumentativ zu vertreten.
  • Sie haben gelernt, sich zurückzuhalten, sich selbst und bestimmte Dinge als nicht so wichtig anzusehen.
  • Sie befürchten Statusverlust und Ausgrenzung aus der Gruppe, wenn sie eine abweichende Meinung haben.
  • Sie bangen um ihre Karriere, wenn sie ihren Vorgesetzten widersprechen.

Folgen

Das kann negative Folgen haben. Missstände im Unternehmen werden nicht angesprochen, es werden Berichte geschrieben, die keiner liest, Meetings abgehalten, in denen sich alle nur versichern, dass sie einer Meinung sind. "Ich schließe mich meinem Vorredner an, ...", heißt es dann so schön. Nur weil sich niemand traut zu fragen: Brauchen wir das wirklich?

Wenn alle wieder allein an ihrem Arbeitsplatz sind, fühlen sie sich unwohl. Wieder Zeit verschwendet, wieder ein unnötiges Meeting - keinen interessiert es. Blindleistung! Das führt zu Wut, Ablehnung, Demütigung, Unsicherheit, Angst. Negative Gefühle stauen sich auf, Stress nimmt zu. Der Mitarbeiter schottet sich ab.

Immer seltener wird er den Mund aufmachen, um den scheinbaren Zusammenhalt im Team nicht zu stören, um Konflikten aus dem Weg zu gehen, die er fürchtet. Das hat auch enorme Folgen für die Kreativität und Innovationsfähigkeit in einem Unternehmen. Neue Ideen behält jeder für sich und irgendwann sind alle darauf trainiert, gar keine mehr zu haben. So entsteht eine gefährliche Schweigespirale.

Wann Worte sinnvoll sind

Die Tatsache, dass viele Menschen lieber schweigen, hat gute Gründe. Das Reden an sich schafft noch keinen Wert. Worte sollten überlegt sein. Perlow empfiehlt zudem:

  • den Zeitpunkt gut zu wählen, zu dem man einen (kritischen) Sachverhalt anspricht; kurz vor Abgabe eines wichtigen Projektergebnisses kann eine Auseinandersetzung mit dem Projektleiter den Erfolg gefährden;
  • den richtigen Ton zu finden; wer eine andere Meinung hat, sucht oft gar keinen Konflikt - im Gegenteil, er will Schaden vom Unternehmen oder vom eigenen Team abwehren; aus diesem Grunde sollten Meinungen immer sehr sachlich vorgetragen werden und wenn es zu emotional wird, hilft eine Vertagung des Problems.

Das zeigt, dass es einer Abwägung von "Kosten" und "Nutzen" bedarf, wenn kritische Sachverhalte angesprochen werden. Ist es die Sache wert? Für einen selbst? Für das Unternehmen? Welche Folgen sind damit verbunden? Kurzfristig? Langfristig? Perlow plädiert dafür, mehr zu reden und weniger zu schweigen. Grundlage dafür ist viel Mut um abzuweichen.