KommunikationWo ist die Klarheit geblieben?

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Wir konsumieren immer mehr Informationen – doch immer öfter sind das unklare Halbwahrheiten. „Ich will Klarheit!“, empört sich René Borbonus. Klarheit bei Vorträgen, im Verkaufsgespräch, bei Verhandlungen oder im Dialog unter Kollegen.
erschienen: 03.09.2015
Schlagwörter: Entscheiden
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Wie viele Geschäftsreisende bin ich oft mit der Bahn unterwegs. Lange Wege nicht mit dem Auto zurückzulegen hat schließlich einen entscheidenden Vorteil: nutzbare Zeit. Wenn ich nicht selbst lenken muss, kann ich die Zeit im Zug verwenden, um auf dem Laufenden zu sein. Vernetzt, beschäftigt, voll dabei – wie sich das gehört. Ich gestehe: Immer öfter ertappe ich mich dabei, dass ich lieber mal kein Netz hätte.

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Zugfahrten Zeiten der Muße. Damals waren wir im Zug tatsächlich produktiv, indem wir auch mal gründlich recherchierte Magazin-Artikel oder ein relevantes Buch gelesen haben. Oder wir haben die Zeit genutzt, um in Ruhe zu grübeln. Schon der Bahnhof war ein Ort des Übergangs: eine Station zwischen der vorherigen Herausforderung und der nächsten. Wenn ich dort auf den Zug wartete, war das wie eine Auszeit. Spätestens während der Fahrt war ich auf mich zurückgeworfen. Ich konnte das genießen: Die Zeit in einem fahrenden Zug, von einer Erfahrung zur nächsten, war Zeit zum Nachdenken. Ich war ganz bei mir und konnte verarbeiten, was gerade passiert war oder mich gedanklich einlassen auf das, was vor mir lag. Die frischen Informationen auswerten und zu Erkenntnissen gelangen.

Konsum nutzloser Informationen

Heute nutze ich die gleiche Zeit allzu oft um noch mehr – oft nutzlose – Informationen zu konsumieren. Und wenn ich mich im Abteil so umsehe, dann bin ich nicht der einzige. Kaum sitzen wir, haben wir schon das Smartphone in der Hand. Wenn wir nicht E-Mails checken, dann tun wir etwas anderes vermeintlich Notwendiges. Schlagzeilen lesen, auf den neuesten Stand bringen, bloß nichts verpassen. Im Zug allein mit mir und meinen Gedanken zu sein, das gibt es nicht mehr. Freiwillig vergebe ich eine der wenigen Gelegenheiten, den Dingen auf den Grund zu gehen, die der Alltag uns heute noch bietet, ohne dass wir dafür kämpfen müssten. Clever ist das eigentlich nicht. Denn die Welt hat sich verändert, in vielerlei Hinsicht auch auf erfreuliche Weise. Überschaubarer ist sie allerdings nicht gerade geworden.

Sie ist mit mir im Zug, die Welt, und ich habe sie selbst eingeschaltet: Krisen, Kriege, Kennzahlen. Jedes Mal, wenn ich auf „Aktualisieren“ tippe, sortiert irgendein Algorithmus den unablässigen Informationsstrom für mich neu, damit ich das nicht selbst tun muss. Und ich ziehe mir das alles rein: Zwanzig neue Schlagzeilen über den Bahnstreik, die alle in die gleiche Richtung weisen. Dann doch ein Zitatgeber, von dem ich noch nie gehört habe und der das Gegenteil behauptet. Soll ich ihm glauben? Der Islam bedrohe die westliche Welt, steht da auch, doch der arabische Geschäftsmann eine Sitzreihe weiter liest sehr friedlich seine Zeitung. Jeden Monat ein neues Rezept für Erfolg durch Work-Life-Balance, und dann ein Google-Boss, der sagt: zwischen Erfolg und Balance muss man sich entscheiden.

Entscheiden aufgrund zu vieler Informationen

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht; ich für meinen Teil komme oft, viel zu oft nicht mehr mit. Ich informiere mich, bis mir der Kopf brummt, und habe trotzdem das Gefühl, dass ich nicht adäquat informiert bin. Woran ich das merke? Ich stelle es jedes Mal fest, wenn ich mich entscheiden muss. Meine Entscheidungen muss ich nämlich immer noch allein treffen, und dazu noch viel öfter und viel schneller als früher. Ich kann nicht behaupten, dass die Multi-Options- und Informationsgesellschaft oder der Schwarm mir das Leben einfacher gemacht hätten. Vielfältiger, offener, spannender, schneller vielleicht – doch einfacher?

Immer öfter, wenn ich mich entscheiden und meine eigenen Schlüsse ziehen muss, spüre ich eine tiefe Sehnsucht: Ich will besser mit all der Vielfalt umgehen können. Ich will wissen, was richtig und wichtig ist. Was stimmt, was zählt, was den Unterschied macht. Ich will nicht wissen, wer noch alles etwas zu sagen hat, sondern wer Recht hat. Ich will nicht noch mehr Informationen über alles, was mich nichts angeht, sondern die entscheidenden über das, was ich wissen muss. Nicht noch mehr unqualifizierte Meinungen, sondern mehr gute Gründe. Ich will Klarheit!

Gewissheit ist der neue Luxus

Im Netz, und auch in den klassischen Medien wie Zeitungen und Fernsehen, ist heute scheinbar alles zu haben – außer Gewissheit. Auch das war einmal anders, wenn auch bestimmt nicht automatisch besser. Wenn Angestellte laut fragten, ob sie in ein paar Jahrzehnten noch eine Rente bekommen würden, von der sie würden leben können, dann machte jemand eine klare Ansage. Dann ging zum Beispiel Arbeitsminister Norbert Blüm mal kurz auf den Bonner Marktplatz und kleisterte die Antwort eigenhändig an eine Litfaßsäule: „Die Rente ist sicher.“ Und dann war erst einmal gut.

Klarheit in öffentlichen Debatten war damals einfacher herzustellen als heute, wo scheinbar jeder etwas zu sagen hat und das dann auch noch tut. Heute kann eine wahre, jedoch abweichende Einzelmeinung einen Einzelnen, auch einen Politiker oder einen Top-Manager, in null komma nichts zu Fall bringen. Blüms Ministeramt hätte, nach einer Ansage wie damals, heute die Halbwertszeit eines Handy-Updates – unabhängig davon, ob sie sich bewahrheitet hätte. Und wir wundern uns, dass niemand mehr klare Ansagen machen will. Klar zu sprechen ist zu einer Mutprobe geworden.

Trotzdem würden wir – würde auch ich – die Möglichkeit nicht freiwillig wieder hergeben, jederzeit und überall unsere Meinung sagen und verbreiten zu können. Der große Meinungsbrei ist Realität, genauso wie der große Informationsbrei, in dem sich Fakten und Fiktion miteinander vermischen. Lügen sehen, schwarz auf weiß gedruckt, der Wahrheit nicht selten verblüffend ähnlich. Oft bekommt der Lauteste am meisten Gehör. Sogar Bilder können heute lügen. Klarheit und Pseudo-Klarheit sind schwer voneinander zu unterscheiden.

Unklarheit durch Halbwahrheiten und halbgare Informationen

Was ist Klarheit, und was nicht? Und wenn es keine Blüms mehr gibt und keine eindeutigen Informationen, wie gewinne ich dann Klarheit? All die Halbwahrheiten, Informationshäppchen und Nebelbomben schleichen sich auch in unsere Alltagskommunikation ein. Im Arbeitsleben sieht es nicht viel anders aus als in den Nachrichten. Klare Aussagen sind in brenzligen Situationen weder von Vorständen noch vom eigenen Vorgesetzten zu erwarten, denn die hängen auch an ihren Jobs. Kunden können sich oft nicht mehr festlegen. Ob der Lufthansa-Pilot mich zum Termin fliegt oder nicht, weiß ich im Zweifel erst 24 Stunden vor Abflug.

Eine einfache Frage zieht eine E-Mail-Lawine mit vierzig Antworten von zwölf Beteiligten im CC-Feld nach sich. Bei der internen Schulung wird über Arbeitsmoral gesprochen, nicht über Lösungen. Antworten gibt es nur auf die Fragen, die keiner gestellt hat, und oft ist das nicht mal Absicht. Die Märkte bewegen sich so schnell, dass es immer schwerer wird, sie Angestellten zu erklären. Fachwissen und Technologien werden immer komplexer, und von allem gibt es nächste Woche eine neue Version. Auch von uns selbst, wenn wir nicht aufpassen: Wer nicht klar sieht, kann sich auch keine klare Meinung bilden. PowerPoint ist schlimm, genau, und worum ging es in der Präsentation noch mal?

Der Feind der Klarheit

Klarheit, glauben viele, gibt es in Unternehmen nur auf den Fluren und in der Teeküche. Ist das so? Hinter vorgehaltener Hand darf man nicht nur, man soll eine Meinung haben. Ähnlich wie die sozialen Netzwerke erzeugt der Meinungs- und Beteiligungsdruck unter Kollegen oder auch am Stammtisch den Zwang, sich zu solidarisieren. Wer es nicht tut, macht sich verdächtig. Der Meinungsautomatismus von Klatsch und Tratsch ist in Wahrheit ein schlimmer Feind der Klarheit: Er ringt uns eine Meinung ab, die wir vielleicht noch gar nicht haben. Wie kann man all das anders gestalten und diese Teufelskreise durchbrechen?

Jenseits aller analogen und digitalen Stolperfallen war, ist und wird Klarheit immer ein entscheidender Faktor gelingender Kommunikation sein. Klarheit ist das, was zählt, wenn wir vor oder mit anderen Menschen sprechen. Bei Vorträgen und Präsentationen, im Verkaufsgespräch, bei Verhandlungen, im Dialog unter Kollegen oder Ehepartnern. Wer keine Klarheit schaffen kann, kann andere nicht überzeugen und nicht binden. Eines kann ich Ihnen versichern: Wer anderen echte, polemikfreie Klarheit bieten kann in einer Zeit, in der es daran mangelt, der fällt positiv auf. Denn Klarheit macht Kompetenz erst erkennbar und zugänglich, und schafft genau deshalb Vertrauen. Erfolgreiche und geachtete Unternehmer, Redner und Staatsmänner sind immer klare Menschen mit klar definierten Zielen und der Fähigkeit, sie klar zu transportieren. Laut sein ist einfach – klar zu sprechen eine Herausforderung.

Über den Autor
René Borbonus

René Borbonus gehört zum renommierten Kreis der Top 100 Excellence Speakers und bewegt sich – als Buchautor, Vortragsredner und einer der führenden Kommunikationstrainer im deutschsprachigen Raum – bewusst an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis.

AnschriftSt. Barbara-Str. 36
56412 Ruppach-Goldhausen
Telefon+49 2602 998093
E-Mailkontakt@rene-borbonus.de
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