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Kreativität der Mitarbeiter am Arbeitsplatz Büro

Das Büro als Arbeitsplatz spielt eine wichtige Rolle, wenn es um Kreativität geht. Die Hirnfoschung verrät, wie Kreativität dort gefördert werden kann.
erschienen: 31.08.2011
Schlagwörter: Kreativität

Um zu verstehen, wie Kreativität im Büro gefördert werden kann, bedarf es zunächst einer kurzen Einführung in die Neurowissenschaften. Denn wer die Funktionsweise des menschlichen Gehirns verstehen will, muss wissen, dass alle Funktionen durch evolutionäre Selektionsprozesse entstanden sind. Funktionen werden durch neuronale Programme im Gehirn bereitgestellt. Alles, was wir wahrnehmen, erinnern oder fühlen, denken und entscheiden, unser Handeln und alles, was mit dem Bewusstsein und Selbstgefühl zu tun hat, wird durch spezifische neuronale Prozesse im Gehirn möglich gemacht. Dafür benötigt es etwa 100 Milliarden Nervenzellen. Jede ist mit mindestens 10.000 anderen in Kontakt. Das heißt: 10.000 Nervenzellen werden von einer Nervenzelle beeinflusst und umgekehrt.

Obwohl es so viele Nervenzellen im Gehirn gibt, sind seine Mechanismen auch durch das starke „Gesetz der kleinen Zahl“ gekennzeichnet, das sich in der funktionellen Nähe von Nervenzellen zeigt. Jede Nervenzelle ist maximal vier Umschaltstationen von jeder anderen im Gehirn entfernt. Alles ist aufs engste verbunden. Es ist also unmöglich etwas wahrzunehmen, ohne sich gleichzeitig zu erinnern und zu bewerten. Ein Erinnern ohne emotionale Bewertung ist genauso unmöglich wie ein Gefühl ohne Erinnerungsbezug. Das Gehirn als neuronales Netz erzwingt funktionelle Bezüge innerhalb des gesamten psychischen Repertoires. Erst in der retrospektiven Reflexion, wenn wir über uns selber nachdenken, „erfinden“ wir vermeintlich unabhängige phänomenale Bereiche, indem wir Begriffe einsetzen wie Wahrnehmung, Erinnerung oder Gefühl.

Bei der Geburt sind wir mit einem Überangebot möglicher Verbindungen von Nervenzellen ausgestattet. Diese genetische Potenzialität wird erst lebenswirksam, wenn wir in den ersten Lebensjahren die zahlreichen Verbände und Verknüpfungen auch tatsächlich nutzen. Alles, was wir wahrnehmen ist eine Bestätigung oder Zurückweisung einer Hypothese, eines „Vor-Urteils“, innerhalb eines mentalen Bezugssystems, eines inneren Rahmens. Solche Hypothesen bestimmen unser Wahrnehmen und Denken in jedem Augenblick. Hier drückt sich das Ökonomieprinzip menschlichen Wahrnehmens und Denkens aus. Es ist der stärkste Feind der Kreativität. Um kreativ zu sein, muss man aus dem gewohnten Rahmen einer Erwartung heraustreten.

Das Büro: Rahmen für mögliche Kreativität

Geht es um Kreativität, muss man sich die Irrtümer, denen wir ausgeliefert sind, bewusst machen. Denn das, was Ausdruck von Kreativität ist, muss nicht immer richtig sein. Und wenn es richtig ist, dann bedeutet dies noch lange nicht, dass sich daraus Innovationen ergeben. Es gibt vier prinzipielle Fehlermöglichkeiten, denen wir im Denken und in der Beurteilung von Sachverhalten ausgeliefert sind:

1. Dinge zu einfach sehen

Wir machen Fehler, weil sich dies aus unserer Natur ergibt. Der wichtigste Fehler, den man bei der Erörterung von Kreativität machen kann, ist, die Dinge zu einfach zu sehen. Das menschliche Gehirn versucht in jedem Augenblick eine Reduktion von Komplexität vorzunehmen, indem einfache mentale Kategorien bei gleichzeitiger informatischer Müllbeseitigung gebildet werden (kreatives Vergessen). Wenn wir uns einen Sachverhalt zu erklären versuchen, neigen wir dazu, immer nach nur einer Ursache zu suchen. Fast alles, was uns begegnet, ist durch mehrere Faktoren bestimmt. Nur weil unser Gehirn es gerne einfach hätte, dürfen wir nur eine Ursache vermuten. Die Suche nach nur einem Faktor, engt das kreative Denken von vornherein ein.

2. Individuelle Festlegung

Die zweite Fehlerquelle ergibt sich aus unserer individuellen Natur. Jeder ist auf seine Weise geprägt und diese Prägung bestimmt unser persönliches Weltbild. Der Rahmen unseres Erlebens und Bewertens wird in den frühen Phasen unserer Biografie bestimmt. Die individuellen Maßstäbe werden geeicht und unsere Vorurteile festgelegt. Diese individuelle Festlegung kann aber darin hindern, aufgeschlossen zu sein. Ein zu fester Rahmen ist ein Feind der Kreativität. Da Menschen verschiedene Bezugssysteme des Bewertens haben, kann eine gemeinsame Kreativität nur erreicht werden, wenn einem seine eigenen Vorurteile bewusst sind. So macht es Sinn, vom kreativen Zuhören zu sprechen.

3. Kommunikative Fehler

Fehler im Urteilen können sich auch aus der Kommunikation ergeben, insbesondere aus der Sprache. Kommunikative Fehler entstehen, weil das, was uns durch den Kopf geht, nicht angemessen verbal oder nonverbal umgesetzt werden kann. Ein kreativer Einfall mag allein deshalb nicht von anderen aufgenommen werden, weil er nicht gesagt werden kann, weil man also nicht jene Form der Kommunikation findet, die von anderen verstanden wird. Dies ist ein Grund dafür, dass im kreativen Gespräch oft gezeichnet wird, um dem Gedanken visuell Ausdruck zu verleihen.

4. Meinungen über Sachverhalte

Die vierte Fehlerquelle ergibt sich aus Meinungen und Theorien, die wir über Sachverhalte haben. Eine Theorie kann zum Beispiel die Strategie eines Konzerns sein. Damit sind Meinungen vorgegeben, die den Rahmen des Richtigen oder zur Zeit Gültigen bestimmen. Kreativität ist nur erreichbar, wenn wir aus dem vorgefassten Rahmen heraustreten. Das wirklich Neue ist ein Symmetriebruch, der den Anderen vor den Kopf stoßen kann. Soziale Systeme, also auch Unternehmen, erhalten ihre Stabilität durch die Implementation von Autorität (Leadership). Wer einem solchen sozialen System angehört, fühlt sich gut aufgehoben. Doch die Zugehörigkeit hat ihren Preis: Hat jemand eine kreative Idee, braucht es Mut, das Kreative auch zu äußern. Ein System muss Mechanismen entwickeln, die einerseits Kontinuität gewährleisten, aber auch Kreativität zulassen.

Büros müssen als persönlicher Raum empfunden werden

Um die Bedeutung des Raumes „Büro“ zu verdeutlichen, muss betont werden, dass Orte entscheidend für den Aufbau und den Erhalt unserer Identität sind. Nur wenn wir uns unserer selbst sicher sind, können wir auch kreativ sein. Ohne innere Sicherheit gibt es keine Kreativität! Doch wie können wir unsere Kreativität entfalten und damit objektiv einen Beitrag für andere leisten sowie subjektiv unsere Lebenszufriedenheit erhöhen? Menschen brauchen für die Entfaltung ihrer Möglichkeiten Sicherheit. Wir finden sie, wenn wir uns irgendwo heimisch fühlen. Da wir einen großen Teil unserer Zeit in einem Büro zubringen, muss dieser Ort als persönlicher Raum empfunden werden. Bezieht jemand einen neuen Arbeitsraum, sind es häufig sehr persönliche Dinge, die zuerst ausgebreitet werden. Ein Revier wird in Besitz genommen, und der Raum wird ein neuer Bezugspunkt, aus dem heraus gelebt und gehandelt wird.

Wenn wir uns einen Raum zu Eigen machen, nehmen wir eine egozentrische Perspektive ein, was nichts mit Egoismus zu tun hat! Vielmehr wird uns bei dieser Perspektive ein Ort wie auf einer Landkarte zugeteilt, mit dem wir uns aber nicht identifizieren können. Daraus folgt: Der Verzicht auf das individuelle Büro ist keine angemessene Lösung, wenn es um die Förderung der Kreativität geht. Eine solche Strukturierung der Arbeit, bei der einem jeden Tag ein neuer Arbeitsplatz zugeteilt wird, geht von einem beliebig instrumentalisierbaren Menschenbild aus. In solchen entpersönlichten Bürolandschaften können Aufgaben abgearbeitet werden, aber sie sind kein Ort für Kreativität. Gleichzeitig muss ein Büro auch die Möglichkeit für Variabilität geben, denn wenn viel Verschiedenes zusammenkommt, kann in einem Selektionsprozess – in Anlehnung an den kreativen Prozess der Evolution – leichter etwas Neues entstehen.

Der Kreativitätsstau in den Unternehmen könnte explodieren, wenn die Büros täglich eine Stunde aus dem Kommunikationszwang aussteigen würden. Dies müsste natürlich überall dieselbe Stunde sein, in der in aller Stille gedacht wird. Entscheidend ist das Gefühl der Sicherheit, nicht gestört zu werden. Firmen brauchen also Nischen für Kreativität. Wird die Arbeitszeit zeitlich segmentiert, also in regelmäßigen Abständen eine kleine Pause eingelegt, arbeitet es sich effizienter. Aufgrund der tagesperiodischen Variation der physiologischen und psychologischen Funktionen sollte diese Pause nach dem Mittagessen etwas ausgedehnter sein. Zur zeitlichen Inszenierung kreativer Arbeit gehört auch die Regelmäßigkeit. Gleitzeitregelungen erlauben eine zeitlich flexible Gestaltung der Arbeitszeit.

Wie Gestaltungsmerkmale des Büros Kreativität fördern

Was die äußerlichen Merkmale eines Raumes, der Kreativität fördert, anbelangt, ist es vor allem der Ausblick, der wichtig ist. Mitarbeiter müssen aus dem Raum herausschauen können, denn so wird eine Verbindung mit der Außenwelt hergestellt und aufrecht erhalten. Der Blick durch das Fenster ist nicht (nur) dazu da, den Geist in die Ferne schweifen zu lassen, sondern den Geist im eigenen Raum zu verankern, und um sicherzustellen, wo man in der Welt ist. Dem Blick durch das Fenster entspricht der Blick auf Bilder. Diese Bilder haben nichts mit dem unmittelbaren Aufgabengebiet zu tun. Wird das Büro individuell ausgestattet, sind es fast immer Bilder, die einen privaten Bezug haben, und damit den Raum in eine persönliche Umwelt formen. Der Blick durch das Fenster und die Bilder an der Wand erhöhen die Diversität, und damit wichtige Elemente für neue Bezüge und ungewöhnliche Einfälle.

Die Diversität wird auch erhöht, wenn nicht immer alles weggeräumt wird, mit dem sich Mitarbeiter gerade befassen. Ein leerer Schreibtisch mag Ausdruck von Ordnung sein, kann aber auch von mangelnder Flexibilität und gewisser Distanz zur eigenen Arbeit zeugen. Wenn Mitarbeiter ihre Arbeit vor Augen behalten, können sie sie nach einer Unterbrechung leichter wieder aufnehmen. Hier wirkt sich auch wieder die Ortsgebundenheit des Denkens aus. Der gute Büroraum, der dem menschlichen Maß entspricht, ist ein individueller Kosmos, in dem sich nach evolutionären Prinzipien Kreativität entfalten kann.

Ein solcher Raum lässt sich auch mit anderen teilen. Für das technische Abarbeiten von Aufgaben kann es sogar gut sein, wenn mehrere zusammen arbeiten. Im Hinblick auf die Kreativität ist das Teilen eines Raumes eine Herausforderung, denn alles hängt vom sozialen Zusammenspiel der Partner ab. Zu große persönliche Distanz, aber auch zu große Nähe können lähmen. Wenn außer der Arbeitswelt andere, etwa persönliche Interessen geteilt werden, kann dies für die aufgabenbezogene Konzentration störend sein. Wenn die Beteiligten hingegen ein gemeinsames Ziel verfolgen und soziale Rituale eingehalten werden, kann ein Teilen möglich sein. Ganz anders stellt sich das Problem für Großraumbüros dar, die auf Grund der Größe wieder individuelle Zonen ermöglichen.

Wo sollten Büros optimalerweise liegen? Kreativität findet in einem Radius von 50 Metern statt. Sie entfaltet sich besonders gut, wenn nur zwei Dimensionen betroffen sind. Muss man erst in ein anderes Stockwerk gehen, um mit jemandem einen Fall zu erörtern, findet schon ein Einbruch der Kreativität statt. Denn: Menschen denken und handeln in einer Ebene. Hier spielt der Türrahmen eine wichtige Rolle, viele gute Gespräche finden dort statt. Ein Beispiel: Ein Mitarbeiter äußert etwas und während des Hinausgehens fällt ihm noch etwas ein. Die geographische Bedeutung für Kreativität, bedingt durch den operativen Radius von 50 Metern und die Beachtung der Zweidimensionalität, stellt besondere Anforderungen an die Architektur. Viele Menschen müssen sich aber auch bewegen, damit ihnen etwas einfällt. Deshalb muss ein Büro genug Platz bieten, um darin auf und ab gehen zu können, denn: Gehen regt das Denken an. Wir sollten nicht vergessen, dass mit dem Gehen die kreativsten Leistungen des Abendlandes verbunden sind. So werden Aristoteles und seine Schule etwa die Peripatetiker (griechisch: peripatein, umherwandeln) genannt, weil sie das kreative Denken im Gehen besorgten.

Über den Autor
Prof. Dr. Ernst Pöppel

Prof. Dr. Ernst Pöppel ist einer der renommiertesten deutschen Hirnforscher. Von 1978 bis 2008 war er Professor für Medizinische Psychologie an der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2009 wurde er Wissenschaftlicher Direktor des Peter-Schilffarth-Instituts für Soziotechnologie.

AnschriftLudwig-Maximilians-Universität München
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80336 München