Management 45+Mach’s wie Larry Page!

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Um von der gleichaltrigen Konkurrenz oder dynamischen High Potentials nicht abgehängt zu werden, müssen Mittel-Manager in sich selbst investieren. Ein Plädoyer für mehr Bildung und Beschäftigung abseits des Büroalltags.
erschienen: 26.03.2015
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Neulich beim Abendessen in geselliger Runde. Nach dem dritten Glas Rotwein offenbarte sich ein guter Freund von mir – Manager eines Top-Konzerns in der zweiten Führungsebene: Ehrlich gesagt, so sagte er mir vertrauensvoll, langweile er sich am Wochenende so ganz ohne Arbeit. Um überhaupt etwas Sinnvolles zu tun, habe er nun mit dem Kochen angefangen.

Manager gefangen im Hamsterrad

Das Beispiel zeigt recht gut, wie es um das mittlere Management aktuell steht. Workaholics, die zu Genuss-Krüppeln mutiert sind. Keine echten Interessen, keine Hobbies, kaum Freunde – allenfalls die so wichtigen Business-Kontakte, die man regelmäßig zum Lunch trifft. Wundert’s einen da, dass angesichts einer solchen Leere so viele Manager mit Herzinfarkt umkippen? Welch eine dramatische Fehlentwicklung in der Wirtschaft! Manager gefangen im Hamsterrad. Weit entfernt, wie ihn der Duden definiert, als eine „leitende Persönlichkeit“. Leidende Einzelgänger würde es wohl eher treffen. Doch was ist hier schief gelaufen?

Ich glaube, das mittlere Management ist in die Zwickmühle geraten: Oben thronen die mächtigen Patriarchen. Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz beispielsweise arbeitet nur noch drei Tage die Woche, Virgin-Chef Richard Branson steht seit Jahrzehnten um 5 Uhr morgens auf, um viel Zeit mit der Familie zu verbringen und Sport zu treiben. Dabei ist es aber nicht etwa mit einer Jogging-Runde um den See getan, sondern der Tag kann bei Branson gerne mit Kitesurfen oder einer ausgiebigen Runde Tennis beginnen. Hier geht es nicht mehr um Selbstoptimierung, sondern wesentlich darum, seine Lebenszeit zu genießen.

Auf der anderen Seite die jungen High Potentials, getrieben von Erfolg und Aufstieg. Und mitten drin in der Sandwich-Position unsere Führungskraft mittleren Alters: lange nicht so solvent wie die Firmenchefs und leider auch nicht mehr so leistungsfähig wie die nachwachsende Generation.

Mittel-Manager und die Angst vor sozialem Abstieg

Aus Angst vor dem sozialen Abstieg klotzen Mittel-Manager also was das Zeug hält. Immer mehr zeigt sich, welchen Raubbau sie dabei mit ihrem Geist und Körper betreiben. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung belegt: Wir sind mit unserer Arbeit oft heillos überfordert. Viele machen deshalb keine Pausen oder gehen krank zur Arbeit, um ihr Pensum zu schaffen. Dazu kommt die Hilflosigkeit, die die Mehrheit der Befragten spürt. Auch das Empfinden, keinen oder nur geringen Einfluss auf ihre Arbeitsmenge zu haben, macht ihnen zu schaffen.

Festgefahrene Strukturen mit Bildung durchbrechen

Was ist die Lösung für Manager 45+? Ich glaube: Um sich langfristig von ihren Ängsten und der Ohnmacht zu befreien, müssen sie die wesentlichen Aspekte beider Welten vereinen. Auf der einen Seite deutlich weniger und zielgerichteter arbeiten, auf der anderen Seite die operativen Anforderungen nicht aus den Augen verlieren. Das geht nur, wenn wir Manager loslassen und unsere Kollegen in die Verantwortung bringen und ihnen mehr zutrauen. Wesentlich ist es dabei, die zunehmend komplexere Arbeitswelt für unsere High Potentials in größeren Zusammenhängen zu interpretieren. Manager, die diese Verantwortung übernehmen, treten damit mehr und mehr als eine Art interner Coach auf und setzen für ihre Teams, Abteilungen und Projekte die zentralen Rahmenbedingungen. Auf der anderen Seite befähigen sie ihre Kollegen, den Job selbst zu machen. Das ist viel mehr als die bloße Delegation – das ist Anleiten, Lehren und Werte vermitteln. Wer dies bewerkstelligen will, sollte am besten investieren: in sich selbst. Kultur, Bildung, Sprachen und auch Hobbies sind zentrale Eckpfeiler dafür.

Denn nur, wenn Manager 45+ selbst einen Weg finden, neue Formen des Arbeitens vorzuleben und den Sinn hinter den Dingen erklären, beispielsweise, warum wir auch mal 14 Stunden im Büro sind und dafür aber am nächsten Tag erst mittags oder gar nicht reinkommen, werden wir wieder als Partner der jüngeren wahrgenommen. Modelle, denen man vielleicht sogar nacheifert. Rein über Fachwissen und eine 60-Stunden-Woche werden Führungskräfte 45+ ihre Stellung im Unternehmen kaum halten oder ausbauen können. Je älter sie werden: Das Hamsterrad werden sie kaum schneller drehen können.

Nur beschäftigt sein oder produktiv arbeiten?

Selbst die komplett auf Effizienz getrimmten Online-Konzerne sehen, dass der bisherige Weg eine Sackgasse ist. Ein gutes Beispiel dafür ist Google-Chef Larry Page. So spricht auch er von gesamtgesellschaftlichen Vorteilen, wenn zukünftig alle am Arbeitsplatz etwas kürzer treten würden. Überlegen Sie doch einmal selbst: In wie vielen von den knapp 50 Stunden, in denen Sie vorgeben zu arbeiten, sind Sie wirklich produktiv? Und in wie vielen sind Sie einfach nur beschäftigt?

Es muss ja nicht gleich so weit gehen, wie Timothy Ferris in seinem Bestseller „The 4-Hour Workweek“ beschreibt – also die Wochenstundenzahl radikal auf vier zu reduzieren und dafür viel fokussierter zu arbeiten. Ein inspirierender, wenn natürlich auch etwas überzogener Lesetipp fürs Wochenende ist es aber allemal. Oder Sie nehmen sich wie mein Freund, den ich oben beschrieben hatte, mal das neueste Kochbuch zur Hand. Glauben Sie mir: auch sehr inspirierend.

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Über den Autor
Boris Gloger

Boris Gloger ist Gründer und Geschäftsführer der Boris Gloger Consulting GmbH. Die Managementberatung ist auf das Management-Framework Scrum spezialisiert. Zu den Kunden zählen Dax-Unternehmen sowie mittlere und große Unternehmen in der DACH-Region. In seinen Büchern zeigt Gloger das breite Anwendungsspektrum von Scrum auf – von der Produktentwicklung bis zum Management großer Organisationen.

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