Management by OptionsDie Chancen der Komplexität nutzen

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Wer in unserer komplexen und unsicheren Zeit erfolgreich sein will, muss zum Chancen- und Optionsmanager werden. Komplexität ist dabei ein Quell ungeahnter Möglichkeiten.
erschienen: 01.06.2016
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Bei der herkömmlichen Zielmethode, die tief in uns und in unseren Unternehmenskulturen verankert, oft ritualisiert ist, wird ein Ziel definiert (oder auch eine ganze Zielstruktur), die materiellen Ressourcen und das Augenmerk der involvierten Menschen auf dieses Ziel konzentriert und zügig los marschiert. In der Folgezeit wird dann, meist mit Hilfe einer einfachen metrischen Skala, gemessen, wie weit die Zielerreichung fortgeschritten ist. Wurde das Ziel im Rahmen der vorgegebenen Geld- und Zeitbudgets erreicht, ist das ein Erfolg.

Das ist Management und Controlling, wie wir es kennen, praktizieren und lehren. Diese Methode funktioniert auch problemlos, solange die Umgebung, in der sich diese Prozesse abspielen, einigermaßen stabil ist. Agiert das besagte Management allerdings in komplexem und unsicherem Terrain, wie das heutzutage der Regelfall ist, wird dieses Vorgehen schon problematisch. Es bestehen folgende Gefahren:

  • Es wird hinter einem Ziel (noch) hergelaufen, das möglicherweise schon gar nicht mehr relevant ist.
  • Größere Chancen werden nicht mehr wahrgenommen, weil die ganze Organisation allzu rigide auf das angesteuerte Ziel fixiert ist.

Vom Ziel- zum Optionsmanager

Im ersten Fall steuern Unternehmen sehr bald methodenbedingt hinter der Realität hinterher, und auch das andere Verhalten kann nur noch zufällig zu einem optimalen Ergebnis führen. Der Vernetztheit und der Schnelllebigkeit unserer Zeit können Manager entweder mit immer größeren und aktuelleren Datenmengen, einer immer aufwändigeren IT und einer immer größeren Controller-Schar entgegentreten. Oder dadurch, dass sie sich vom Zielmanager zum Optionsmanager wandeln. Das Führen mit flexiblen beziehungsweise relativen Zielen oder ein Management by Options sind in einem komplexen und unsicheren Umfeld dem herkömmlichen, post-tayloristischen Management by Objectives à la Peter F. Drucker überlegen.

Management by Options ist die konzeptionelle Extrapolation des Realoptionspreisansatzes, und dieser wiederum geht auf die gewöhnlichen Finanzoptionen (Nobelpreis 1997) zurück. Folgende Analogien gelten dabei:

FinanzoptionNicht-Finanz-Option (Management by Options)
OptionsprämieVorleistung
BasispreisAnrecht
Tageskurs des BasiswertesAktuelle Situation/Entwicklung
Fälligkeitstag"Richtiger" Zeitpunkt
Gewinn/VerlustChance/Nutzen

Bei der überall herrschenden Komplexität und bei der uns umgebenden Unsicherheit müssen sich Manager nolens volens, auch wenn sie das Wort vielleicht noch nie gehört haben, auf diese Kontingenz einlassen. Kontingenzmanagement kann mit Zielen und Plänen nicht wirklich etwas anfangen, weil alles auch immer noch ganz anders kommen kann. Der Kontingenzmanager muss vielmehr zunächst kleine Vorleistungen erbringen, kann damit Ansprüche auf irgendwelche Möglichkeiten beziehungsweise Chancen und Optionen erwerben und sich dann geduldig auf die Lauer legen und beobachten, wie sich die Dinge entwickeln.

StichwortKontingenz

Kontingenz bezeichnet die prinzipielle Offenheit und Ungewissheit. Bezogen auf moderne Gesellschaften geht es dabei vor allem um eine Zunahme von Komplexität und Handlungsoptionen.

Kontingenzmanagement ist die planerische Vorbereitung (Kontingenzplan) auf verschiedene denkbare Szenarien. Dies betrifft Einzelpersonen, aber auch Organisationen.

Haben Unternehmen den Eindruck, dass da etwas zusammenpasst und der „richtige“ Zeitpunkt gekommen ist, realisieren sie einige ausgewählte Optionen und prüfen, ob sie mit dem Ergebnis leben können und welche Anschlussaktivitäten sich nun anbieten. Es geht darum, Möglichkeiten zu nutzen und sein Bestes zu geben. Mehr geht sowieso nicht. Was es letztlich gebracht hat, zeigen die Jahresergebnisse. Beim Realisieren von Möglichkeiten empfiehlt sich so vorzugehen, dass dadurch die Anzahl der Möglichkeiten sogar noch zunimmt („Ethischer Imperativ“).

Komplexe Systeme sind nur schwer zu durchschauen

Alle am Thema „Management“ Interessierten sollten nicht bloß die üblichen Managementbücher, sondern auch die einschlägigen Soziologen und Philosophen lesen. Diese sind in ihrem Denken in der Regel progressiver, meist zehn Jahre voraus. In diesen Disziplinen werden Dinge (an-)gedacht, die in der Betriebswirtschafts- und Managementlehre nur sehr verzögert oder gar nicht zum Gegenstand der wissenschaftlichen Erörterungen gemacht werden. Wir sollten alle Denker, die sich ernsthaft mit unserer Zeit auseinandersetzen, aufnehmen und in unser eigenes Denken einbeziehen. Ein gelegentlicher Blick über den Zaun lohnt sich, denn er führt zu interessanten Anregungen bei den zentralen Fragen:

  • Wie leben die Menschen?
  • Wie kommunizieren sie?
  • Welche Bedarfe gibt es?
  • Wie entstehen diese Bedarfe?
  • Wie und was kaufen sie?
  • Was ängstigt uns, was macht uns glücklich?
  • Wie kommt Erfolg zustande?
  • Wie können wir Erfolg sichern?
  • Woraus ergibt sich ein „gelungenes“ Leben?

Diese Dinge zu verstehen, war noch nie ein Nachteil. Überall spielen Möglichkeiten, Optionen und Chancen eine Rolle. Die Welt ist nicht uni-linear, nicht kausal, sondern optional, fraktal und kontingent. Manchmal gelingt es uns, sie einfach zu gestalten, doch dann werden in aller Regel wesentliche Zusammenhänge abstrahiert. Komplexe und kontingente Systeme sind schwer oder gar nicht zu durchschauen, kaum zu planen und nie restlos zu beherrschen, wodurch wir notorisch überfordert sind, was aber in der Natur der Sache liegt. Allerdings sind in derart komplexen und unsicheren Systemen neben den üblichen Risiken auch unzählige Chancen enthalten. Chancen, auf deren Nutzung man verzichtet, wenn man sich die Welt zu einfach schneidert. Nicht Mut zum Risiko, sondern Mut zur Chance muss es heißen! Komplexität ist überall – und sie ist nicht unser Feind, sondern ein Quell neuer, oft ungeahnter Möglichkeiten.

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Das Planen großer Zeiträume macht wenig Sinn

Wenn es ausgehend von einer vollständig erfassten und verstandenen Situation, von einem klaren (Ausgangs-)Zustand zu einem klaren, eindeutigen Ziel nur einen einzigen erkennbaren Weg gibt, braucht es eben auch nur eine einzige Möglichkeit – nämlich diese. Das trifft auch zu, wenn die Klarheit, Einzigartigkeit und Eindeutigkeit auch nur scheinbar, gewillkürt oder gefühlt ist. In all diesen Fällen ist die Welt eben „einfach“ und somit ist auch kein großes Arsenal an Möglichkeiten, Chancen und Optionen notwendig, um in einer derartigen Umgebung zurechtzukommen. In solchen Fällen lassen sich relativ einfach große Zeiträume planen, vom Hier und Jetzt zu einem langfristigen Ziel – was immer das für einen praktischen Wert haben mag.

Wenn aber schon die Ausgangssituation komplex und unsicher und damit kaum erfass- und verstehbar ist, wenn also viele Wege nach Rom führen, und wenn das, was man will, was man tunlichst anstreben sollte, unklar und vieldeutig ist, dann muss man sich aus einer möglichst vielfältigen Menge von Möglichkeiten beziehungsweise Chancen und Optionen etwas Brauchbares herauszusuchen. Wo dies letztlich hinführt, kann genau genommen erst „ex post“ geklärt werden, wenn überhaupt. Hierbei lassen sich auch keine großen Zeiträume überspannen, sondern das Vorgehen muss vielmehr inkremental sein. Ferne Ziele werden in viele kleine Sub- und Etappenziele unterteilt; dabei wird immer wieder geprüft, ob der letzte Schritt „gut“ war oder nicht – was immer das konkret heißen mag.

Quasi-reversibel hangelt man sich an seinen Chancen und Optionen entlang. Entscheidend dafür, dass das Surfen in den Möglichkeits- und Optionsräumen gelingt, ist: Es müssen möglichst viele Optionen im entsprechenden Moment zur Verfügung stehen und als relevant angesehen werden. Schließlich wird derjenige Erfolg haben, der die „richtigen“ Optionen beibringt und diese praktisch umsetzt. Man verknüpft virtuos seine Optionen, fliegt auf Sicht und versucht – ganz emphatisch – möglichst in die Nähe dessen zu kommen, was man sich vorgestellt (gewünscht und deshalb antizipiert) und gegebenenfalls kommuniziert hat.

Management by Options spürt reale Möglichkeiten auf

Management by Options ist kein chaotisches, stochastisches, völlig zufallsgesteuertes Herumstochern mit der Stange im Nebel. Es ist kein Trial and Error und auch kein Durchwursteln, wie es als Problemlösungsmethode in den 1970er Jahren formuliert wurde. Management by Options ist ein Schaffen und Aufspüren realer Möglichkeiten und Optionen und deren clevere Kombination und Nutzung. Es ist etwas anderes als das, was gemeinhin die bürokratischen und mit viel IT ausgestatteten Datenschaufel- und Controllingeinheiten großer Konzerne praktizieren, nachgerade ritualisiert haben, und als das, was gemeinhin in unseren Lehr- und Fachbüchern propagiert wird. Es ist eher die Art und Weise, wie kleine und mittelgroße Unternehmen vorgehen.

Wem es darum geht, in unserer komplexen und unsicheren Zeit auf Dauer einträgliche Geschäfte zu machen, muss zum Chancen- und Optionsmanager werden. Der muss nicht seinen inneren Schweinehund bezwingen, um sodann unbeirrbar auf sein Ziel loszupreschen. Er muss vielmehr seinen „Odysseus“ vom Mast losbinden, damit sich dieser geschmeidig auf die Vielfalt und die Anforderungen unserer kontingenten Welt tatsächlich einlassen kann. Einem Unternehmer kann es nicht darum gehen, tolle Pläne zu schnitzen und Budgets, die letztlich aufgehen. Er braucht Aufträge, und die bekommt er, wenn er zufriedene Kunden hat. Die wiederum bekommt er, wenn er gute Produkte und Services anbietet, und die bekommt er, wenn er intelligente und zufriedene Mitarbeiter, Lieferanten und sonstige Geschäftspartner hat. Kurzum: Die Kunst des erfolgreichen Managens besteht darin, zu jeder Zeit seine Möglichkeiten, Chancen und Optionen bestmöglich zu nutzen.

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Über den Autor
Dr. Wolfgang Vieweg

Wolfgang Vieweg war fast 20 Jahre in leitender oder geschäftsführender Position mehrerer Unternehmen tätig – vom Familienbetrieb bis zum internationalen Großkonzern. Seit 1998 ist er Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Rechnungswesen und Wirtschaftsethik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt und freier Unternehmensberater.

AnschriftDr. Wolfgang Vieweg
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