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Nur Träumerei?Wie Sie Ihren Traum der Selbstständigkeit verwirklichen

Menschen haben einen Traum, wenn sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. Doch bald verblasst dieser Traum. Dann müssen sie einen neuen Traum entwickeln. Wir geben Tipps, wie das gelingt.
erschienen: 06.11.2009
Schlagwörter: Unternehmensführung

Vordergründig gibt es für das Scheitern des Traums viele unterschiedliche Ursachen. Zum Beispiel die 80-Stunden-Woche von Selbständigen. Oder die Tatsache, dass Selbständige im Durchschnitt in den ersten 10 Jahren 35 Prozent weniger verdienen als abhängig Beschäftigte mit vergleichbarer Tätigkeit. Oder grässliche Bilanzen. Oder Auftragslöcher. Oder die falschen Mitarbeiter. Oder permanente rechtliche Auseinandersetzungen. Oder der alte Freundeskreis, der einem permanent ins Ohr flüstert, dass man sowieso scheitern wird. Oder, oder, oder …

Kürzlich sagte mir im Coaching ein Selbständiger, dass ihm der eigene Traum vorerst nicht so wichtig sei, solange nur wieder die Bilanz stimme. Aber so funktioniert es nicht! Wenn der Traum verschwindet, verschwindet die Motivation und dann verschwinden die Ergebnisse. Zurück bleibt die Angst oder Panik vor dem Untergang. Und Panik ist ein verdammt schlechter Ratgeber!

In der Erfolgsliteratur sind der Traum oder die Idee oder die Vision die Ausgangsbasis von allem. Dahinter steht die Vorstellung, dass man, wenn man sich den Traum nur stark genug vergegenwärtigt, alles dafür Notwendige tun wird, um den Traum Realität werden zu lassen. Es sei dahin gestellt, ob dies immer funktioniert. Klar ist jedoch, dass man mehr für die Erfüllung seines Traums tun wird, wenn man einen klaren (am besten schriftlich fixierten) Traum hat. Insofern ist die Wahrscheinlichkeit der Erfüllung größer.

Der Haken daran ist, dass es in jede beliebige Richtung funktioniert. Wenn Sie vom Leben einen Euro erwarten, dann bestraft Sie das Leben mit einem Euro. Wenn Sie erwarten, dass es schwer sei, Kunden zu gewinnen, dann werden Sie Mühe mit neuen Kunden haben. Und wenn Sie glauben, dass Sie nie einen Partner finden oder dass das Leben schrecklich ungerecht zu Ihnen sei, dann haben Sie vermutlich Recht. Henry Ford sagte einmal:

„Egal, ob Sie glauben, Sie könnten etwas tun oder ob Sie glauben, Sie könnten etwas nicht tun, Sie haben Recht.“

Betrachten wir nochmals die oben aufgelisteten Träume, so kann man oft feststellen, dass sie nach zwei bis fünf Jahren bereits unmerklich Wirklichkeit geworden sind: Die Selbständigen, die von einem tollen Produkt träumten, haben ein tolles Produkt. Aber keine Kunden. Die Selbstständigen, die ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln wollten, sind die besten Anwälte, Programmierer oder Berater, haben aber vor lauter Arbeit keine Zeit mehr und sind deshalb unersetzbar und damit unfrei. Diejenigen, die einem unfähigen Chef oder einer unerträglichen Arbeitslosigkeit entkommen wollten, sind diesem entkommen. Aber sie haben nichts Neues.

Das bedeutet nichts anderes, als dass man sich sehr genau überlegen muss, von was man eigentlich träumt.

Der Hintergrund

Unterschiedliche Menschen träumen unterschiedliche Dinge. Der Charakter der Träume wird jedoch oftmals durch die Umgebung, die Tätigkeiten oder die eigenen Rollen beeinflusst. (Zum Charakter von Träumen finden Sie in der Erfolgsliteratur verblüffenderweise fast nichts!) Um zu verstehen, was bei Selbständigen passiert, ist es wichtig, sich die Rollen anzuschauen.

Das Rollenmodell Fachkraft – Manager – Unternehmer

Die Grundlage zum Verständnis dieser Rollen wurde von dem Unternehmensberater Michael Gerber in seinem Buch „Das Geheimnis erfolgreicher Firmen. Warum die meisten kleinen und mittleren Unternehmen nicht funktionieren und was Sie dagegen tun können“ gelegt. Gerber unterscheidet zwischen den Rollen einer Fachkraft, eines Managers und eines Unternehmers. Diese Rollen gibt es in jedem Unternehmen, und allzu oft werden diese Rollen von ein und derselben Person ausgeführt.

Die Fachkraft ist der Macher. Sie reagiert auf Ereignisse, auf Dinge, die zu tun sind. Wenn etwas ansteht, macht die Fachkraft es selbst. Sie lebt in der Gegenwart und Visionen und neue Ideen sind ihr suspekt. Feste Regeln engen die Fachkraft ein. Sie ist glücklich, wenn sie Aufgaben und Probleme lösen kann – am besten auf dem schnellsten und direktesten Weg. Leider gibt es den Manager, der der Fachkraft Regeln vorgibt und den Unternehmer, der ihr mitten im Arbeitsprozess eine andere Aufgabe zuweist.

Der Manager ist derjenige, der Ordnung schafft. Arbeit bedeutet für ihn, Systeme zu schaffen und zu steuern, die zur optimalen Lösung von Aufgaben befähigen. Er ist glücklich, wenn seine Systeme funktionieren. Leider gibt es die Fachkraft, die immer alles anders macht und den Unternehmer, der die Systeme des Managers mit neuen Ideen aus dem Takt bringt.

Der Unternehmer ist derjenige, der neue Visionen entwickelt. Er ist der Träumer und der Motor. Er lebt in der Zukunft und hat eine besondere Weltanschauung, die Michael Gerber sehr treffend beschreibt als „eine Welt, die aus zwei Dingen besteht – einer Fülle von Gelegenheiten und sich dahinschleppenden Füßen“. Er ist glücklich, wenn er Träume verwirklichen kann – oder verwirklichen lassen kann. Leider gibt es für den Unternehmer die sich dahinschleppenden Füße der Fachkräfte und Manager.

Die Gemeinsamkeit von Manager und Unternehmer besteht vor allem darin, dass sie beide nicht im, sondern am Unternehmen arbeiten – wenn auch an jeweils unterschiedlicher Stelle.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie befinden sich in einem Dschungel. Dann benötigen Sie Leute, die mit Ihren Macheten den Weg frei räumen – die Fachkräfte. Zudem benötigen Sie Leute, die die Arbeit einteilen, sodass niemand zu sehr ermüdet, aber trotzdem alle vorwärts kommen. Diese Personen überprüfen auch, ob einzelne Fachkräfte effektiver sind und warum dies so ist. Schließlich bringen Sie den anderen die Optimierungen bei. Das sind die Manager. Und dann gibt es noch einen, der oben im Baum sitzt und herunter ruft: ‚Hört mal zu, Jungs und Mädels, wir sind im falschen Wald.’ Das ist der Unternehmer. Sie können nicht zur gleichen Zeit den Weg frei hacken, die Arbeit einteilen und auf dem Baum sitzen.

Die Tätigkeitsfelder der drei Rollen unterscheiden sich in verschiedenen Faktoren:

  • durch den Anlass, warum sie ausgeführt werden,
  • durch das Ziel, das erreicht werden soll,
  • durch das grundlegende Verständnis von Arbeit,
  • durch die Arbeitsweise und
  • durch das Ergebnis.

Und sie unterscheiden sich nicht nur, sondern sie widersprechen sich geradezu, wie wir im Dschungel-Beispiel gesehen haben. Was dem einen als Arbeit erscheint, erscheint dem anderen nicht als Arbeit. Was dem einen wichtig ist, hat für den anderen keine Bedeutung. Was der eine als wertvoll erachtet, ist für den anderen lästig.

Die Träume vor dem Hintergrund des Rollenmodells

Zurück zu den Träumen. Diese drei Rollen führen auch zu unterschiedlichen Träumen. Genau genommen sind alle 3 Rollen Fachkräfte, nur für andere Inhalte. Die Fachkraft ist die Fachkraft für alle Tätigkeiten, die im Unternehmen ausgeführt werden. Der Manager ist die Fachkraft für die Strukturierung und den Betrieb des Unternehmens. Der Unternehmer ist die Fachkraft für die Schaffung und Entwicklung eines Unternehmens aus einer sinnvollen Idee. Und sinnvoll ist die Idee dann, wenn die Kunden mit der Leistung einen Nutzen verbinden.

Eine Fachkraft träumt somit davon, die Facharbeit gut auszuführen, sie ungestört auszuführen, sein Bestes zu geben. Ein Manager träumt von klaren Verfahrensabläufen, funktionierenden oder gar perfekten Systemen und der Abwesenheit von störendem Neuem. Ein Unternehmer träumt von einem Unternehmen, dessen Leistung von seinen Kunden mit einem maximalen Nutzen verbunden wird.

Die Wachstumshürden

Der entscheidende Punkt ist nun: Die meisten Selbständigen beginnen als Fachkraft, weil sie zuvor Fachkraft waren. Deshalb sind die Träume der meisten Selbständigen Fachkraft-Träume. Sie beziehen sich auf das Produkt, auf die eigenen Fertigkeiten, im Falle der Vertriebsfachkraft auch auf die Kundengewinnung. Das ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Unternehmen lassen sich – außer es ist genügend Kapital für Mitarbeiter vorhanden, was aber den Ausnahmefall darstellt – nur gründen, wenn der Selbstständige Fachkraftaufgaben ausführt, und zwar möglichst gut und für die Kunden überzeugend. Das ist die erste Wachstumshürde.

Wenn nun das Unternehmen erfolgreich ist und Mitarbeiter einstellt, so muss sich die Rolle zunehmend ändern. Je nach Branche und Anzahl der Gründungspartner kommt bei etwa 5 bis allerspätestens 30 Mitarbeitern der Punkt, an dem der Unternehmer keine Fachkraft-Aufgaben mehr ausführen sollte. Das Problem ist jedoch: Der Gründer ist eine begeisterte und meist auch exzellente Fachkraft. Er liebt seine Aufgabe. Und das, was man liebt und wovon man träumt, macht man immer automatisch, sobald ein Problem auftritt. Zumal dann, wenn es auch noch dem ursprünglichen Fachkraft-Traum entspricht. Sie kennen sicher alle die Selbständigen, die, sobald es Probleme gibt, sich in ihr Schneckenhaus zurückziehen und erst mal ihr Produkt „verbessern“. Das ist aber in dieser Phase nicht das, was die Lösung der Probleme bringen würde.

Die Lösung ist schlicht: Dafür zu sorgen, dass die Aufgaben des Managers und des Unternehmers ausgeführt werden. Und zumindest die Rolle des Unternehmers muss zwingend der Unternehmer selbst ausfüllen. Es steht also ein Berufswechsel an. Vom selbständigen Facharbeiter hin zum Unternehmer. Das ist die zweite Wachstumshürde. Ein Unternehmer träumt von anderen Dingen. Ein Unternehmer führt andere Aufgaben aus.

Eine Entscheidung ist erforderlich. Und Sie müssen dann beginnen, neue Träume zu träumen. Schauen Sie sich die eingangs erwähnten Träume an:

  • Der Traum von einem tollen Produkt ist ein Fachkrafttraum!
  • Der Traum, seine eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, ist vorrangig ein Fachkrafttraum!
  • Der Traum, einem unfähigen Chef oder einer unerträglichen Arbeitslosigkeit zu entkommen, ist in jedem Fall ein Fachkrafttraum!

Nur der Traum vom Reichtum kann allen drei Rollen zu eigen sein. Je nachdem, was Sie mit dem Reichtum tun möchten. Eine Fachkraft setzt den Reichtum für seine eigenen Zwecke ein, ein Manager, um die Welt nach seinen Vorstellungen zu ordnen und ein Unternehmer, um eine bessere Zukunft für seine Kunden zu schaffen.

Diese Träume helfen Ihnen vielleicht über die erste Wachstumshürde, aber sicher nicht über die zweite!

Der neue Traum

Wie verändern sich Träume? Da gibt es die blutarme, buchhalterische Methode aus vielen Coachings: Sie sammeln Ihre Werte und Träume in Listen und bewerten diese. Und das sind dann Ihre neuen Träume. Das funktioniert manchmal, aber oft eher nicht. Selbst, wenn Sie so auf neue und adäquate Träume kommen, entfalten diese meist zu wenig Kraft, um wirksam zu werden.

Joseph Campbell hat in seinem herausragenden Buch „Der Heros in tausend Gestalten“ vor 60 Jahren die Gemeinsamkeiten der meisten Mythologien vieler Kulturen untersucht. Und es in dem Konzept der sogenannten Heldenreise zusammengefasst. In Kurzform:

Der Held, ein Mensch wie Du und ich, erhält aus irgendeinem Grund einen Ruf. Entweder muss er die Gemeinschaft retten, die Ordnung wiederherstellen oder seine eigene Unzufriedenheit drängt ihn vorwärts. Meist verweigert sich der Held am Anfang – bis er nicht mehr anders kann. Dann überschritt er die erste Schwelle und passiert einen furchterregenden Torwächter. Danach kommt er in ein Land, in dem völlig neue Regeln und Gesetze gelten. Meist trifft er dort einen Mentor, der ihn in die neuen Regeln einweiht und ihm bei den ersten Schritten hilft. Dann muss er verschiedene Abenteuer bestehen und schließlich am Ende den Antagonisten – einen äußeren oder auch inneren Feind besiegen. Danach kehrt der Held scheinbar in sein bisheriges Leben zurück und kann dort die Früchte des Erfolgs ernten oder die Gemeinschaft retten. Natürlich ist dieses bisherige Leben dann ein anderes, ein neues Leben.

Was hat dies nun mit den Träumen von Selbständigen und Unternehmern zu tun? Die Heldenreise ist ein Modell der Veränderung – wenn Sie mich fragen: Das wirksamste Modell von Veränderung! Der Held ändert mehrfach seine Träume und seine Sichtweise auf die Wirklichkeit. Er lernt und handelt anders als zuvor. Und in diesem Sinne sind alle Unternehmer Helden.

Noch mal: Ihre Träume sind verschwunden. Die alten Träume greifen nicht mehr. Das ist die Situation des Helden vor dem Ruf. Das Alte stirbt langsam und unmerklich ab. Der Ruf kann nun alles Mögliche sein: Ein Kunde, der sich beschwert, die Partnerin, die sich trennt, die Gesundheit (wie bei Thomas Willmann in meinem Buch „Der Weg zum erfolgreichen Unternehmer“). Und wie in den Mythologien möchten die meisten Menschen diesen Ruf erst nicht wahrnehmen. Bis sie nicht mehr anders können. Und wenn Sie dann den Schritt über die Schwelle machen, werden Sie auf einmal mit völlig neuen Regeln und Gesetzen konfrontiert. Neue Wünsche entstehen. Und Sie bahnen sich den Weg zu einem anderen Leben.

Deshalb ist der Verlust des Traums, der in die Selbständigkeit führte, nichts Negatives. Im Gegenteil: Er zeigt an, dass sich dieser Traum überlebt hat und die Zeit für Neues gekommen ist. Zeit für die Entwicklung der eigenen Rolle als Unternehmer. Und damit Zeit für einen neuen Traum.

Was bedeutet das praktisch? Es ist so: Jeder erzählt sich permanent Geschichten über sich selbst. Je nachdem, welche Geschichten Sie sich selbst erzählen, erscheinen Ihnen andere Handlungsoptionen. Und deshalb handeln Sie anders und erleben mittel- und langfristig unterschiedliche Dinge. Wenn Sie sich die Geschichte erzählen: „Oh je, meine Träume sind weg und ich bin immer nur am ackern“, dann gibt es dort keinen Ausgang. Es ist völlig selbstverständlich, dass sie in dieser Geschichte verhaftet bleiben. Wenn Sie sich jedoch die Geschichte erzählen, dass das Alte langsam am Absterben ist und Sie einen Ruf erhalten, in ein unbekanntes Land aufzubrechen, dann haben Sie die Option, diesem Ruf Folge zu leisten. Und Sie können sich ganz bewusst entscheiden, die erste Schwelle zu überschreiten, von der aus es keinen Rückweg gibt.

Mit anderen Worten: Ob Sie zu einem neuen Traum finden, hängt davon ab, welche Geschichte Sie sich selbst erzählen. Und hier kann uns das Modell der Heldenreise von Joseph Campbell wichtige Anregungen geben. Erzählen Sie sich also selbst die Geschichte vom Helden zu Beginn seiner Reise.

[Bild: Patrizia Tilly - Fotolia.com]

Über den Autor
Stefan Merath

Seit 1997 leitet Stefan Merath eigene Unternehmen mit bis zu 30 Mitarbeitern. 2004 begann er, Unternehmer zu coachen, publizierte 2006 ein erstes Buch, verkaufte 2007 sein zweites Software-Unternehmen und gründete 2007 die Unternehmercoach GmbH. 2008 erschien sein zweites Buch "Der Weg zum erfolgreichen Unternehmer".

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