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PersonalpolitikKompetenzen älterer Mitarbeiter nutzen

Die meisten Unternehmen setzen bei der Personalauswahl noch immer auf die Jugend. Doch ältere Mitarbeiter haben viele Vorzüge, die es zu entdecken gilt.
erschienen: 05.01.2011

Der Mann ist 65, gesund, topfit, agil. Er war fast sein gesamtes berufliches Leben als Kundenberater einer Bank sehr erfolgreich. Mit 62 wurde er von seinem Vorgesetzten „für zu alt befunden“ und in den „wohlverdienten“ Ruhestand „geschickt“. Nach wenigen Monaten wurde es ihm zu langweilig und er suchte nach einer neuen Beschäftigung. Viele seiner früheren Kunden lassen sich nach wie vor von ihm in Finanzangelegenheiten beraten, sie beklagen die dauernden Personalwechsel bei ihrer Bank. Anfallende Bank- und Versicherungsgeschäfte schließt er bei einer anderen Bank ab. Für einen Unternehmer managt er die Finanzierung und den Bau eines Mehrfamilienhauses. Er ist Vorsitzender eines großen Vereins und engagiert sich in der Kommunalpolitik.

Mitarbeiter vorzeitig in den Ruhestand zu entlassen, ist Schnee von gestern und für die Zukunftsfähigkeit jedes Unternehmens höchst gefährlich. Die Freisetzung von Erfahrung, Know-how und Sozialkompetenz wird sich keine Firma mehr leisten können. Die Rahmenbedingungen für das Personal-Management ändern sich derzeit schneller als bisher angenommen. Deutschland ist aufgrund der unzureichenden Geburtenzahlen das erste und einzige Land der Welt mit sinkenden Bevölkerungszahlen (seit 2003 rund eine halbe Million). Gleichzeitig altern die Menschen in einem bisher unvorstellbaren Ausmaß. Bis 2040 wird die Zahl der Arbeitnehmer um rund 40 Prozent sinken. In 10 Jahren wird es mehr Berufsaustritte als Berufseintritte geben. In Zukunft fehlt also das, was in der Vergangenheit in ausreichendem Maße vorhanden war – arbeitsfähige Menschen unter 65. Nachwuchs am Arbeitsmarkt fehlt, ausgelernte Mitarbeiter studieren häufiger und die Altersstruktur der Beschäftigten verschiebt sich drastisch nach hinten. Unternehmen tun gut daran, sich ohne zeitliche Verzögerung auf diese Situation einzustellen. Die Grundlagen und die Beschäftigungsdauer für Ältere, der Umgang mit ihnen und ihr Image müssen kurzfristig spürbar verändert werden.

Macht Schluss mit dem Jugendwahn

Viele Unternehmen diskriminieren die Alten. Qualifizierte, motivierte Mitarbeiter, Menschen, die arbeiten wollen, empfinden die heutige Zwangspensionierung – vorzeitig oder mit 65 – als Bestrafung. Es wird höchste Zeit, das zu verändern und einen bestehenden Widerspruch aufzulösen: Einerseits wird über die Rente mit 70 und später diskutiert, andererseits qualifiziert man Mitarbeiter mit 50 zum alten Eisen ab. In vielen Unternehmen gelten sie als „Problemgruppe“ oder „Sozialfälle“.

Das Bild der Älteren und des Alterns muss korrigiert werden. Es gibt keine empirischen Beweise für die oft vorhandenen Klischees: Ältere sind weniger belastbar, unflexibel, leistungsschwach, krankheitsanfällig, unmotiviert, immobil, starrköpfig usw. Im Gegenteil, im 3. Altenbericht der Bundesregierung (2001) ist nachzulesen:

„Es gibt keine bedeutenden Unterschiede in der Arbeitsleistung Jüngerer und Älterer zw. 60 und 70 – egal, ob Verkäufer, Fließbandarbeiter, Büroangestellter oder Anwalt.“ Und im 5. Altenbericht (2005) wird festgestellt: „Die Auffassung, dass Menschen mit fortschreitendem Alter rigide werden – also die Fähigkeit verlieren, sich wechselnden Bedingungen psychisch anzupassen – und nicht mehr zu kreativen Leistungen fähig sind, ist ebenso weit verbreitet wie unzutreffend. Wer mit 60 rigide ist, war es mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits mit 30. Das Alter spielt hierbei nur eine untergeordnete Rolle.“

Die Attraktivität der Älteren wächst überproportional

Die Alten gewinnen in allen gesellschaftlichen Bereichen die Oberhand – als Konsumenten, als Arbeitnehmer, in der Politik. Sie sind die Wirtschaftsmacht, die reichste und einzige wachsende Bevölkerungsgruppe. Ältere Menschen sind heute gesünder, fitter, selbstbewusster, mobiler, anspruchsvoller und verrückter als jede Generation vor ihnen. Sie sind anspruchsvoll, meist umfassend informiert, wissen genau, was sie wollen, sind kritisch und qualitätsbewusst. Sie sind Konsumprofis und wollen überzeugt, nicht überredet werden. Mit hohlen Versprechungen und modernem Schnickschnack ist mit ihnen kein Geschäft zu machen

Ältere Verkäufer verkaufen besser, weil sie mit älteren Kunden auf gleicher Sozialebene kommunizieren. Eine Verkaufskultur, die ältere Menschen ernst nimmt, sie respekt- und würdevoll behandelt, fällt unter Gleichaltrigen meist leichter. Die Realität ist (noch) eine andere. Die Berater und Verkäufer in den Unternehmen sind meist jünger als die Kunden 50plus. Sie sind mit deren Denk- und Verhaltensweisen oft nur wenig oder gar nicht vertraut. Eine 25-jährige Verkäuferin, die in der Lage ist, mit einer 68-jährigen Dame über deren Hautprobleme zu reden, ist wohl ebenso eine Ausnahme wie der 32-jährige Berater, der einen 68-Jährigen zu seinen Pflegerisiken beraten kann. Diese beiden Fälle stehen für viele Lebens- und Problemsituationen älterer Menschen, aus denen sich neue Geschäftsfelder für innovative Unternehmen entwickeln lassen: Altersgerechte Produkte unter Berücksichtigung entsprechender Handhabbarkeit und Design, umfassende Regelung der Hinterlassenschaft, Abwicklung aller Erbangelegenheiten, Pflegeberatung, Begleitung in den Ruhestand, Altersmanagement, Behörden-Management usw.

In anderen Branchen sichert man sich schon lange das Know-how und die Erfahrung älterer ehemaliger Mitarbeiter:

„Die Bosch Management Support GmbH, 1999 mit dem Ziel gegründet, zeitlich befristete Beratungsleistungen durch Bosch-Pensionäre anzubieten, blickt auf eine erfolgreiche erste Dekade zurück. Was mit 30 ehemaligen Bosch-Mitarbeitern begann, zählt heute 880 Senior-Experten rund um den Globus. Im vergangenen Jahr absolvierten die Pensionäre im Alter zwischen 60 und 75 Jahren 580 Einsätze mit insgesamt mehr als 20 000 Beratertagen, davon die Hälfte außerhalb Deutschlands. Der Umsatz lag bei knapp 13 Millionen Euro.“ (www.bosch-presse.de / gelesen 10.12.2010).

Auch das Möbelhaus Segmüller in Weiterstadt zeigt, dass es sich auszahlt. 38 Prozent der im Verkauf tätigen Mitarbeiter sind älter als 50 Jahre. Verkaufsleiter Reinhold Gütebier:

„Wir setzen gezielt ältere Mitarbeiter im Verkauf ein. Das lohnt sich besonders in den Abteilungen, wo konservativ gekauft wird.“

Im Rahmen einer Studie für Finanzinstitute wurde festgestellt, dass Kunden mit zunehmendem Alter immer weniger von ihrer Hausbank betreut werden. „Da ist sowieso nichts zu holen“, ist ein oft gehörtes Vorurteil in vielen Banken und Sparkassen. Ein 58-jähriger Kundenberater einer Bank begann vor 3 Jahren gezielt ältere Kundinnen zu Hause zu besuchen und in Altersfragen zu beraten. Er bringt seitdem jeden Monat bis zu 1 Million Euro neue Einlagen in seine Bank. Seine Empfehlungsrate bei den älteren Menschen ist weit überdurchschnittlich.

Fazit

In Zeiten, wo die Menschen im Durchschnitt fast doppelt so alt werden wie vor hundert Jahren und wo sie bis ins hohe Alter fit sind, muss das Alter auch in den Unternehmen neu definiert werden. Die demografischen Veränderungen mit einer noch unvorstellbaren Dominanz der älteren Generationen werden die Unternehmen vor große Herausforderungen stellen und Änderungen erzwingen. Einerseits werden sich die Arbeitsbedingungen für ältere Arbeitnehmer deutlich verbessern müssen, um sie bis zum Rentenbeginn zu halten. Andererseits wird es Angebote geben müssen, damit ältere Mitarbeiter über den Ruhestand hinaus – als Angestellte, Selbstständige, Kooperationspartner oder mit anderen Modellen – im Unternehmen weiter arbeiten können.

Über den Autor
Helmut Muthers

Helmut Muthers, Best Ager, Betriebswirt, Speaker und Business-Motivator, seit 1994 selbstständig, Experte für Strategien 50plus und neue Geschäftsfelder. Als 57-Jähriger weiß Helmut Muthers wovon er redet, wenn er über den demografischen Wandel und die Chancen für Unternehmen spricht. Helmut Muthers ist Praktiker und begleitet aufgeschlossene Unternehmen bei der Gestaltung neuer Leistungen und Problemlösungen für ältere Kunden.

AnschriftMUTHERS INSTITUT für Strategisches Chancen-Management
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