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PräsentismusTrotz Grippe im Büro

Aus Angst vor Entlassung schleppen sich viele trotz Krankheit immer wieder zur Arbeit. Das wird auch für die Unternehmen teuer. Health-oriented-Leadership kann ein Ausweg aus der Präsentismus-Falle sein.
erschienen: 26.03.2012
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Wenn Fehltage sinken, ist das gut für alle: Arbeitgeber müssen keine Fehlzeiten bezahlen, die Wirtschaft muss keinen Wertschöpfungsausfall hinnehmen und die Mitarbeiter erfreuen sich bester Gesundheit. Aber so einfach geht die Rechnung nicht auf.

Aus Arbeitgebersicht sind krankheitsbedingte Fehlzeiten zwar mit hohen Personalkosten verbunden. Aber noch teurer kommen deutschen Unternehmen die Zeiten, in denen Mitarbeiter zwar arbeiten, aber eigentlich zu Hause bleiben müssten, weil sie krank sind. Das berechnete die internationale Strategieberatung Booz & Company 2009 im Auftrag der Felix Burda Stiftung. Das Ergebnis: Pro Jahr und Mitarbeiter betragen die krankheitsbedingten Kosten insgesamt rund 3.500 Euro. Das Verhalten der Mitarbeiter, krank zur Arbeit zu kommen, beziffern sie dabei auf etwa 2.300 Euro, während reine Fehlzeiten nur ein Drittel der Gesamtkosten ausmachen.

Hinweis

Präsentismus ist das Verhalten, trotz Krankheit arbeiten zu gehen, statt sich krank zu melden.

Präsentismus wird auch als Produktivitätsverlust bei der Arbeit verstanden, der aus einer Erkrankung resultiert.

Eigentlich könnten Führungskräfte von der Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter, die ihre Gesundheit hinten anstellen, begeistert sein. Dieser Irrtum besteht auf beiden Seiten. In der Praxis wirkt sich Präsentismus negativ auf Arbeit, Unternehmen und nicht zuletzt auf die Betroffenen selbst aus:

  • Die Arbeitsqualität der Mitarbeiter leidet aufgrund eingeschränkter Einsatzfähigkeit.
  • Die Fehleranfälligkeit nimmt zu.
  • Es kommt vermehrt zu Unfällen am Arbeitsplatz.
  • Mitarbeiter riskieren einen späteren Ausfall für einen erheblich längeren Zeitraum.
  • Betroffene gefährden ihre eigene Gesundheit, da Präsentismus zu chronischen Erkrankungen und Burn-out führen kann.
  • Bei Ansteckungsgefahr gefährden Mitarbeiter die Gesundheit ihrer Kollegen.

Dass das Phänomen Präsentismus weit verbreitet ist, zeigt der Fehlzeiten-Report 2009 des wissenschaftlichen Instituts der AOK. Die Befragten sollten angeben, wie sie sich in den letzten zwölf Monaten verhalten hatten. Das Ergebnis:

  • rund 70 Prozent sind krank zur Arbeit gegangen,
  • rund 70 Prozent haben zur Genesung bis zum Wochenende gewartet,
  • rund 30 Prozent sind gegen den Rat des Arztes zur Arbeit gegangen,
  • rund 12 Prozent haben zur Genesung Urlaub genommen.

Es gibt verschiedene Gründe, warum sich Arbeitnehmer nicht krank melden. Am häufigsten ist es die Angst vor dem Jobverlust. Für die selbst verordnete Anwesenheitspflicht ist jedoch ein komplexes Geflecht an verschiedenen Faktoren verantwortlich. Das ermittelte 2011 die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in einer Analyse der Forschungsliteratur zum Thema. Folgende Faktoren erklären den Wissenschaftlern zufolge Präsentismus:

Arbeits- und organisationsbedingte Faktoren

Dazu zählen Unternehmenskultur, Arbeitsstress und Arbeitsverdichtung:

  • schlechtes Betriebsklima;
  • Führungskräfte, die kein Vertrauen in ihre Mitarbeiter haben;
  • starkes Pflichtbewusstsein der Mitarbeiter bezüglich ihrer Aufgaben;
  • Rücksichtnahme der Mitarbeiter gegenüber Kollegen und
  • eine hohe Arbeitslast.

Strukturelle Faktoren beziehungsweise Umweltfaktoren

Dazu zählen Arbeitsplatzunsicherheit oder die Angst vor Arbeitsplatzverlust:

  • Mitarbeiter großer Unternehmen,
  • Menschen aus personenbezogenen Berufen,
  • Menschen mit hoher beruflicher Stellung und
  • Menschen mit persönlichen finanziellen Schwierigkeiten.

Persönliche Faktoren

Dazu zählen Geschlecht, Alter oder Gesundheitszustand:

  • Frauen,
  • jüngere Arbeitnehmer,
  • alleinerziehende Mitarbeiter und
  • chronisch Kranke und Menschen mit schlechter subjektiv empfundener Gesundheit.

„Gesund“ mit Krankheiten umgehen lernen

Investieren Unternehmen in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter, bringt das monetäre und strategische Vorteile. Zu einem vernünftigen Umgang mit Krankheit am Arbeitsplatz können Führungskräfte einen wesentlichen Anteil leisten. Schleppen sie sich selbst nicht mit Fieber zur Arbeit, werden ihre Mitarbeiter eher folgen als wenn Führungskräfte unter allen Umständen arbeiten. In der Realität sind aber gerade Führungskräfte schlechte Vorbilder. Mehr als die Hälfte aus dem Personal- und Finanzbereich erscheint regelmäßig krank zur Arbeit, so eine internationale Studie des Personaldienstleisters Robert Half aus 2009. In unteren und mittleren Führungsebenen sind es laut Fehlzeiten-Report 2011 starker Zeitdruck und hohe Arbeitsdichte, die Führungskräfte dazu bringen, trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen, sich bei Krankheit nicht angemessen zu erholen oder zu früh an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren.

Ein Instrument für einen „gesunden“ Umgang mit Krankheiten ist Health-oriented Leadership, einem gesundheitsorientierten Führungsstil. Demnach sollten Führungskräfte nicht nur als gute Vorbilder im Umgang mit der eigenen Gesundheit vorangehen. Sie sollten auch für den Zusammenhang zwischen dem eigenen Führungsverhalten und der Gesundheit der Mitarbeiter sensibilisiert werden. Dazu gehört es, dem Mitarbeiter Aufmerksamkeit zu schenken und erste Anzeichen von Stress zu bemerken und anzusprechen. Einen positiven Einfluss auf die Gesundheit der Mitarbeiter haben auch entgegengebrachte Wertschätzung und Anerkennung der Leistung durch Lob und Feedback. Sozialkompetenz muss bei der Auswahl der Führungskraft eine größere Rolle spielen als bisher. Häufige, unsachliche oder unfaire Kritik, vorenthaltene Informationen, Kontrolle oder Einmischung demotivieren Mitarbeiter. Auch eine gesundheitsfördernde Arbeitsorganisation und Arbeitsplatzgestaltung sind Aspekte dieses Führungsstils. Arbeit muss gerecht verteilt werden, so dass Mitarbeiter nicht unter einer zu hohen Arbeitsbelastung leiden. Eine selbstbestimmte Arbeitsweise mit flexiblen Arbeitszeiten hilft ihnen zusätzlich, Stress bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatem zu vermeiden. Die positiven Folgen sind weniger gesundheitliche Beschwerden und eine stärkere Identifikation mit dem Unternehmen, was wiederum den Unternehmenserfolg erhöht.

Insgesamt trägt die Unternehmenskultur mit verständnisvollen Kollegen, einem guten Betriebsklima und Arbeitsfreude bei den Mitarbeitern zu einem vernünftigen Umgang bei. Unternehmen können die Kosten, die kranke Arbeitnehmer verursachen, durch ein betriebliches Gesundheitsmanagement senken. Durch spezielle Gesundheitsvorsorge-Programme schaffen Betriebe damit auch einen Wettbewerbsvorteil, der Mitarbeitern und Unternehmen zugutekommt. Einige Krankenkassen unterstützen Unternehmen bei betrieblichen Gesundheitsangeboten. Ein solches Angebot ist „Gesunde Unternehmen“ der AOK. Zu ihrem Service gehören die Analyse des Krankenstandes, die Entwicklung von speziellen Angeboten und die Unterstützung bei der Erfolgskontrolle.

Die Gesundheits-Programme, die ein Unternehmen anbietet, sollten die Bedürfnisse der Mitarbeiter abdecken. Ein Instrument zur Erfassung von Bedarf, Präsentismus und dem damit zusammenhängenden Produktivitätsverlust sind Mitarbeiterbefragungen.

Fragen zu verschiedenen Erkrankungen, Fehltagen aufgrund dieser Beschwerden, Arbeitstage trotz Beschwerden und die Einschätzung der Produktivität während dieser Tage sind Fragen aus dem Programm „Vital Work“ der Unternehmensberatung Health Development Partners. Eine solche Mitarbeiterbefragung ermöglicht es, je nach Gesundheitsprobleme, Informationsmaterial für die Mitarbeiter zum Beispiel im Intranet zur Verfügung zu stellen.

Best Practice: Konsumgüterhersteller Unilever

Nachdem der Konsumgüterhersteller Unilever eine Umstrukturierungsmaßnahme durchgeführt hatte, wurden mehr als die Hälfte der etwa 1200 Unilever-Mitarbeiter im Rahmen des Programms „Vital Work“ befragt.

Das Ergebnis: Psychische Belastungen wie Stress, Schlafstörungen und Depressionen waren die häufigste Ursache für Präsentismus und Produktivitätsverlust.

Die Folge war ein Produktivitätsverlust von insgesamt 21 Tagen pro Jahr und Mitarbeiter. Während 16 Tage dem Präsentismus geschuldet waren, waren fünf Tage auf Krankmeldungen zurückzuführen.

Die Konsequenzen aus der Befragung: Ein besseres Bewusstsein und mehr Wissen über Präsentismus einerseits. Außerdem wurden angebotene Gesundheitsmaßnahmen im Betrieb seit der Befragung stärker genutzt und neue, an die Bedürfnisse der Mitarbeiter angepasste Angebote geschaffen. Mitarbeiter können während der Arbeitszeit nun Vorträge zu den Themen Work-Life-Balance, Stressmanagement oder Schlafstörungen hören. Zusätzlich bietet Unilever Trainings für Führungskräfte an, um sie für Gesundheitsthemen und den Umgang mit Mitarbeitern zu sensibilisieren.

Betriebliche Prävention zahlt sich nicht nur für das jeweilige Unternehmen aus. Jeder Euro, der dort investiert wird, kommt der Volkswirtschaft mit mindestens fünf bis 16 Euro zugute. Das liegt laut der von Booz & Company 2011 durchgeführten Erhebung an der Verringerung von Krankheitstagen und der damit verbundenen direkten Kosten für Medikamente und medizinische Behandlung. Indirekte Kosten wie Know-how-Verlust oder verminderte Produktivität sind dabei noch gar nicht eingerechnet.

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Über die Autorin
Anette Rößler

Anette Rößler ist Redakteurin bei business-wissen.de. Die Sozialwissenschaftlerin schreibt neue Management-Handbuch-Kapitel, verantwortet Medienkooperationen sowie Leseraktionen und betreut den Online-Shop.

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