SelbstmanagementDurch Achtsamkeit resistenter gegen Stress

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Forschungsergebnisse zeigen: Achtsamkeit erhöht die Stressresistenz bei Führungskräften und Mitarbeitern. Gleichzeitig werden sie leistungsstärker.
erschienen: 09.11.2015
Schlagwörter: Selbstmanagement
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Wirksames Selbstmanagement ist in unserer schnelllebigen Zeit sehr wichtig geworden. Technologische und demografische Veränderungen, getrieben durch soziale und ökonomische Unsicherheit, passieren immer rascher. Die Halbwertszeit von Produkten nimmt teilweise drastisch ab und Unternehmen werden innerhalb weniger Monate vom Wettbewerb überholt. Diese Bedingungen erzeugen bei den Mitarbeitenden zunehmend Stress. Viele Menschen bedienen sich deswegen fernöstlicher Philosophien und Techniken wie etwa der Achtsamkeitsmeditation, um wirksamer mit Stress umzugehen. Doch was bewegen solche Methoden wirklich?

Achtsamkeitsmeditation fördert die Hirnaktivität

Richard Davidson, Professor für Psychologie an der University of Wisconsin-Madison, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Achtsamkeitsmeditation und deren Auswirkungen auf das Gehirn. Er erforscht, inwiefern durch gezieltes Training die emotionalen Verdrahtungen im Gehirn verändert werden können, so dass Menschen mehr Glück empfinden und mehr positive menschliche Qualitäten wie etwa ein erhöhtes Mitgefühl hervorbringen.

Im Rahmen seiner Forschungsprojekte führte er umfangreiche Fallstudien an tibetischen Mönchen durch, die über rund 45.000 Stunden Meditationspraxis verfügten. Mit Hilfe von bildgebenden Verfahren in der Medizin konnten die Hirnaktivitäten von über lange Zeit meditierenden Mönchen anhand verschiedener Indikatoren untersucht werden. Eine der ersten Untersuchungen aus dem Jahr 2003 lieferte folgendes Resultat: Die Mönche zeigten in dieser Höhe noch nie zuvor gemessene Levels sogenannter Gamma-Wellen im Gehirn.

Dieser Zustand wird in Verbindung gebracht mit erweiterter Wahrnehmung, schnellerer Informationsverarbeitung und gesteigerter Problemlösungsfähigkeit. Sie zeigten auch eine höhere Hirnaktivität im linken präfrontalen Stirnlappen, verglichen mit Menschen ohne Meditationspraxis. Eine höhere Aktivität in dieser Hirnregion steht für positivere Emotionen, mehr Ausgeglichenheit und erhöhte Aufmerksamkeit. Es wurden zudem Verdickungen in verschiedenen Bereichen der Großhirnrinde gemessen, die für Empathie, Emotionsregulation und Stressresistenz wichtig sind. Doch können auch wir von diesen Praktiken profitieren, ohne dabei ununterbrochen meditieren zu müssen?

Achtsamkeitstraining erhöht das Engagement der Mitarbeiter

Richard Davidson hat zusammen mit Jon Kabat-Zinn, dem Begründer des weltweit bekanntesten Achtsamkeitsansatzes MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction), untersucht, wie ein achtwöchiges Achtsamkeitstraining auf eine Gruppe meditierender und nicht-meditierender Mitarbeiter in einem stressintensiven Umfeld wirkt. Basierend auf Mitarbeiterumfragen verbesserte sich in der Gruppe der Meditierenden die allgemeine Stimmungslage, das Mitarbeiterengagement nahm zu und das Stressempfinden ab.

Diese subjektiven Aussagen wurden auch durch die Resultate aus den Hirn-Scans belegt. Zudem konnte bei den Meditierenden als Nebeneffekt eine Stärkung des Immunsystems festgestellt werden. Eine relativ kurze Übungseinheit von acht Wochen half also bereits, sich gesünder, positiver und stressfreier zu fühlen. Auch belegen sogenannte Meta-Studien, dass Achtsamkeitstraining deutlich positive Wirkungen auf die Gesundheit, das allgemeine Wohlbefinden und die Lebensqualität von Praktizierenden hat, was sich wiederum vorteilhaft auf die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz auswirkt.

StichwortAchtsamkeit

Achtsamkeit ist eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit, die absichtsvoll ist, sich auf den jetzigen Moment bezieht statt auf die Vergangenheit oder die Zukunft und nicht wertend ist. Wer achtsam ist, weiß, dass er achtsam ist: Er ist sich darüber im Klaren, welche Gedanken und Emotionen er im Moment hat und wie er darauf reagiert.

Die meiste Zeit handeln wir, basierend auf bestehenden Bewertungs- und Reaktionsmustern, ähnlich und mit ähnlichen Ergebnissen. Achtsamkeit ermöglicht einen Perspektivwechsel. Die Fähigkeit, die eigene Perspektive bewusst verändern zu können, wird als eine Form der Wahrnehmung auf der Meta-Ebene beschrieben. Wer achtsam ist, wird zum Beobachter seines Lebens. Er erkennt, dass alle in der Wahrnehmung aufkommenden Dinge wie Gedanken, Bewertungen, innere Dialoge oder konstruierte Geschichten kommen und gehen. Es geht darum, mit den eigenen Gedanken, Emotionen und Empfindungen in Berührung zu kommen, aber nicht, daran hängen zu bleiben; ungeachtet dessen, ob man diese im Moment positiv, negativ oder neutral bewertet.

Perspektivwechsel führt zu mehr Zufriedenheit im Job

Wer achtsam ist, lebt demnach in der unmittelbaren Erfahrung und nicht im konzeptionell wertenden Denken. Diese Fähigkeit zum Perspektivwechsel kann ebenfalls zu mehr Jobzufriedenheit führen. Wer nicht wertend den gegenwärtigen Moment fokussiert, kann belastende Ereignisse objektiver beobachten. Dies hilft, stressvolle Situationen klarer und aus verschiedenen Blickwinkeln wahrzunehmen und sich nicht sofort von den eigenen negativen Bewertungsmustern beeinflussen zu lassen.

Stress kann somit durch die Fähigkeit, Situationen angemessener beurteilen zu können, gezielt reduziert werden. Darüber hinaus fördert Achtsamkeit selbstbestimmtes Verhalten und das bewusste Unterbrechen sowie die aktive Veränderung gewohnheitsmäßiger Reaktionen. Das klare Wahrnehmen der eigenen Erfahrung in jedem Moment führt auch dazu, dass sich Menschen den eigenen Werten und Bedürfnissen bewusster sind und stärker in Übereinstimmung mit diesen handeln können. Auch das wirkt sich wieder positiv auf die Jobzufriedenheit aus.

Achtsamkeit begünstigt emotionale Intelligenz

Doch wie genau wirkt Achtsamkeit auf Bereiche wie Sozialkompetenz, Arbeitsproduktivität und Führung? Wer Achtsamkeit übt, begünstigt die Entwicklung von emotionaler Intelligenz. In Bezug auf die inhaltliche Relevanz und Bedeutung des Themas zeigen empirische Studien, dass Menschen, die eigene und fremde Gefühle steuern und damit konstruktiver umgehen können, auch im beruflichen Leben erfolgreicher sind, weniger unter psychischen Störungen leiden, bessere persönliche Beziehungen haben und zufriedener sind. Die Fähigkeit, sich in Personen in seinem Umfeld einzufühlen, ist bei Kunden, Arbeitskollegen und Mitarbeitern erfolgskritisch. Denn wenn das Gegenüber spürt, dass man präsent ist, zuhören kann und Respekt entgegenbringt, dann wird die Beziehung für beide Seiten gewinnbringender.

Die Gedanken vieler Mitarbeiter schweifen bei der Erledigung einer Aufgabe ab. Durch zahlreiche elektronische Geräte befinden sie sich am Arbeitsplatz in einem konstanten Zustand der partiellen Aufmerksamkeit. Sie werden laufend durch Anrufe, Textnachrichten oder E-Mails von der eigentlichen Arbeit abgelenkt. Die Produktivität nimmt teilweise massiv ab. Wer hingegen achtsam ist, fördert seine Fähigkeit, sich im gegenwärtigen Moment stärker auf die Arbeit zu konzentrieren, weniger abgelenkt zu sein und den Geist immer wieder bewusst auf die Aufgabe zurückzubringen, falls er abgeschweift sein sollte. Wer diese Fähigkeit am Arbeitsplatz einsetzt, ist fokussierter und produktiver.

Achtsamkeit ist auch ein Führungsthema

Professor Richard Boyatzis, Organisationspsychologe an der Case Western Reserve University in Ohio, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit achtsamer Führung. Er beschreibt die Wirkung von Achtsamkeit in der Führung wie folgt: „Achtsamkeit ist eine Schlüssel-Managementkompetenz. Wer Achtsamkeit trainiert, erweitert seine Selbsterkenntnis. Dieses Wissen über einen selbst und die Funktionsweise des Geistes sowie seiner Bewertungen befähigt Übende, in einer Situation und gegenüber Menschen nicht automatisch nach immer den gleichen Mustern zu reagieren.“

Stattdessen hätten achtsame Führungskräfte ein größeres Repertoire an angemessenen Handlungsmöglichkeiten. Sie nähmen innere Impulse rascher wahr und könnten aus einer sich selbst beobachtenden Haltung heraus bewusst entscheiden, wie sie möglichst konstruktiv reagieren wollen. Zudem schafften es achtsame Führungskräfte besser, bei sich selbst und ihren Bedürfnissen zu sein, ohne sich verstellen zu müssen - sie präsentierten sich deshalb authentischer und berechenbarer. Denn: Menschen würden Vorgesetzten dann vertrauen, wenn deren Verhaltensweisen mit den von ihnen geäußerten Werten übereinstimmen und deren Launen und Meinungen sich nicht laufend verändern.

Zudem seien sich achtsame Führungskräfte ihrer Gedanken und Gefühle eher bewusst und kämen so stärker mit der eigenen Intuition in Berührung. Dies helfe ihnen, Situationen und Menschen besser einschätzen zu können und sich gleichzeitig den eigenen, die Entscheidung verzerrenden Projektionen, bewusst zu werden. Auf diese Weise würden bessere Entscheidungen gefällt, wodurch wirksame Führung zum Ausdruck komme.

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Über den Autor
Romeo Ruh

Romeo Ruh ist Mitglied der Geschäftsleitung an der ZfU International Business School in Thalwil. Hier leitet er den Bereich für maßgeschneiderte Managemententwicklungsprogramme und Coaching.

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