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Soziale NetzwerkeWarum Unternehmen auf Schwarmintelligenz setzen sollten

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Um nicht den Anschluss zu verlieren, sollten Unternehmen wissen, wie Schwarmintelligenz in den sozialen Netzwerken funktioniert und wie sie sich nutzbringend einsetzen lässt.
erschienen: 17.06.2014
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Bereits vor Jahren hat der Soziologe James Surowiecki in seinem Weltbestseller „The Wisdom of the Crowds“ anhand vieler Beispiele gezeigt, dass eine Gruppe in aller Regel klüger ist als ihr gescheitestes Mitglied. Allerdings nur dann, wenn sie inhomogen zusammengesetzt ist. Denn homogene Gruppen, also solche mit gleichartigen Mitgliedern, neigen zur Konformität, zum Konsens, zum Griff nach Routinen – und nur selten zum Erkunden von Neuem. Der Zugewinn einer inhomogenen Gruppe ergibt sich aus den unterschiedlichen Denkweisen ihrer Mitglieder und einer damit verbundenen Experimentierfreudigkeit. Am besten achten Unternehmen daher auf einen guten Mix aus langjährigen und neuen, aus jungen und alten sowie aus männlichen und weiblichen Mitarbeitern.

Die bestmögliche Zusammensetzung von Gruppen

Anita Woolley, Professorin an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, hat herausgefunden, dass sich die kollektive Intelligenz einer Gruppe erhöht, wenn mindestens zwei Frauen mit an Bord sind. Auf Gruppen mit ausschließlich weiblichen Mitgliedern traf dies allerdings nicht zu. Gruppen mit sehr klugen, aber zugleich auch sehr dominanten Mitgliedern gehörten, so berichtet sie im Harvard Business Manager, nicht zu den besten. Das Wortführen wird nämlich dann den Wortführern überlassen – und die finden nicht zwangsläufig den besten Weg.

Kluge Entscheidungen kann eine Gruppe auch immer nur dann treffen, wenn sie in ihrer Meinungsbildung unabhängig ist, wenn jeder Teilnehmer Zugang zu allem entscheidungsrelevanten Wissen hat und wenn er seine Meinung frei äußern kann. Ferner muss sich die Gruppe auch treffen können – virtuell und real.

Digitalisierung begünstigt die Schwarmintelligenz

Wikis, Blogs, Apps, Activity-Streams, Collaboration Software und Dokumenten-Sharing: Diese und viele weitere Webtools haben die Zusammenarbeit an realen Orten entkoppelt und ein virtuelles Ausschwärmen möglich gemacht. Allerdings wird zunehmend erkannt, dass Menschen am allerbesten zusammenwirken, wenn sie sich sehen können. Denn die wahre Gesinnung zeigt sich in Gestik und Mimik.

Die meisten von uns haben ein gutes Gespür für das, was richtig und falsch ist. Entsprechende Signale können aber nur dann entschlüsselt werden, wenn sich Menschen physisch nahe sind. Doch auch dafür gibt es digitale Lösungen, zum Beispiel Videokonferenzen oder membrane Wände, die wie Touchscreens funktionieren.

Rahmenbedingungen für Schwarmintelligenz

Führungskräfte können schon jetzt „eine Reihe von Voraussetzungen schaffen, damit sich Schwarmintelligenz zügig entfalten kann“, schreibt der Berater Jochen May in seinem Buch zum gleichnamigen Thema. Die Voraussetzungen im einzelnen:

Informationsfluss

    Kompetenzvernetzung erfordert, dass jedes Schwarmmitglied jederzeit über alle notwendigen Informationen verfügt. Zugleich muss sichergestellt sein, dass man seine Zeit nicht mit unnützen Informationen vergeudet.

Innovationsdruck

    Hierzu müssen Instrumente verfügbar sein, mit deren Hilfe die nutzwertigen Ideen einzelner Schwarmmitglieder aufgegriffen, gesichert und bei Bedarf zügig umgesetzt werden.

Verhaltensabstimmung

    Die schwarmimmanente Meinungsvielfalt muss so kanalisiert werden, dass man sich autoritätsfrei auf ein einheitliches Vorgehen einigen kann. Denn in aller Regel stört Hierarchie den Schwarm, anstatt ihm zu dienen.

All dies ist also zunächst eine Frage der Unternehmenskultur.

Mitarbeiter zu schwarmintelligentem Verhalten befähigen

Die Basis für die Fähigkeit zur Schwarmintelligenz muss in vielen Fällen überhaupt erst gelegt werden. Institutionalisierte Informationskaskaden und Entscheidungsmonopole, die in Unternehmen vor allem dem Machterhalt dienen, sind dabei nur hinderlich. Auch die Mitarbeiter müssen zu einem schwarmintelligenten Verhalten befähigt werden, denn die damit verbundene Ergebnisverantwortung kann Ängste schüren. Es braucht also Mut, Zeit und Geduld. Auf Knopfdruck funktioniert es nicht.

Um dabei gut voranzukommen, sind umfangreiche Freiheitsgrade, kurze Entscheidungswege, ein Höchstmaß an Flexibilität und eine kollaborative Vernetzung vonnöten. Lineare Strukturen sind dazu wenig geeignet. Weil diese nur in eine Richtung zeigen, verbauen sie den Blick auf andere, womöglich bessere Wege zum Ziel. Wenn also die Komplexität zunehmend steigt, sind sich selbst organisierende Strukturen viel tauglicher als starre Systeme. Bestes Beispiel dafür: das Internet.

Die Vernetzung von Wissen fördert die Demokratisierung

Im Internet vernetzen sich die Menschen zu Schwärmen, die einmal in die eine, einmal in die andere Richtung ziehen, immer auf der Suche nach Neuem und Besserem. Dabei geht es nicht nur um eine Vernetzung von Daten, sondern auch um die Vernetzung von Wissen. Im Social Web ist dies ein sich selbst steuernder Prozess, der sich über Plattformen, Portale und soziale Netzwerke organisiert. Viele sollen etwas davon haben, nicht wenige alles. Statt Abgrenzung rückt Teilhabe in nach vorne. Die Folge: ein Demokratisierungsprozess.

Crowdfunding und Crowdinvesting, manchmal auch Schwarmfinanzierung genannt, sind Beispiele dafür. Hierunter versteht man die Finanzierung förderungswürdiger Projekte durch viele Kapitalgeber mit kleinen Mitteln über spezielle Plattformen. Solche Formen des Teilens werden durch webbasierte Technologien erleichtert beziehungsweise überhaupt erst möglich gemacht.

Die Vernetzung von Wissen führt zu guten Ergebnissen

Auch das menschliche Gehirn kann auf mehr als einem Weg zu guten Ergebnissen kommen, und die Kapazität zu lernen und qualitativen Output zu liefern, ist nahezu unerschöpflich. Wenn Wissen nicht benutzt wird, verwildert es. Wenn es im Netz geteilt wird, multipliziert es sich. Wenn es sich aber vernetzt, kann dies zu erstaunlichen Ergebnissen führen.

So steigt zum Beispiel die Innovationskraft mit der Anzahl gleichberechtigt involvierter Personen. Und damit wiederum steigt auch die Chance auf den sogenannten Serendipitätseffekt, also das Stolpern über glückliche Zufälle, das durch eine Beteiligung Vieler begünstigt wird.

Mitarbeiter und vernetzte Kunden sind die besten Ratgeber

In einem solchen Szenario brauchen Unternehmen keine Berater, die ihre „exklusiven“ Weisheiten über monolithische Führungsspitzen einschleusen, um sie dann auf die Mitarbeiter zu übertragen. Vielmehr brauchen sie Knotenpunkte, die als Weichensteller für optimale Verschaltungen sorgen. Und sie brauchen externen Input, der als Katalysator fungiert, um die kollektive Intelligenz der besten Ratgeber zu wecken: die eigenen Mitarbeiter und die sozial vernetzten Kunden. Überall im Unternehmen müssen Möglichkeitsräume mit der Pflicht, Innovationen zu generieren, etabliert werden – in denen eigeninitiatives und selbstverantwortliches Handeln den Vorzug vor Direktiven erhält.

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Über die Autorin
Anne M. Schüller

Anne M. Schüller ist Managementdenker, Keynote-Speaker, zehnfache Buch- und Bestsellerautorin und Businesscoach. Die Diplom-Betriebswirtin gilt als Europas führende Expertin für Loyalitätsmarketing und ein kundenfokussiertes Management. Sie zählt zu den gefragtesten Referenten im deutschsprachigen Raum und ist Gastdozentin an mehreren Hochschulen.

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