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SpurensucheMit Trendscouting innovative Technologien finden

Technologische Entwicklungen passiv abzuwarten reicht nicht mehr aus. Unternehmen müssen aktiv in die Prozesse eingreifen.
erschienen: 05.11.2009

„Geht nicht gibt’s nicht?“ Scheint zu stimmen: Ein Bügeleisen mit integriertem Dampfgenerator, ein Anti-Aging-Bier und ein Löffel, der den Salzgehalt der Speisen misst – drei spektakuläre Innovationen der jüngsten Vergangenheit. Der Clou des neuen Bügeleisens ist ein Motor im Inneren des Wassertanks, der eine Pumpe betreibt und kaum größer als eine Briefmarke ist. Sofort nach dem Aufheizen steht der Dampf zur Verfügung – bei entsprechenden Bügelstationen dauert dies dagegen bis zu acht Minuten. Die neue Technologie erlaubt sogar eine automatische Abschaltung des Gerätes.

Mit ihrem Anti-Aging-Bier verschafft die Klosterbrauerei Neuzelle aus Brandenburg dem Gerstensaft den Status eines Wellness-Getränks, denn: Dem „Original Badebier Neuzeller Kloster-Bräu“ werden Naturstoffe wie Sole, Spirulina-Algen und ein Pflanzenauszug aus Obst und Gemüse zugesetzt. Sie sollen das körpereigene Schutzsystem bei der Regulierung der Sauerstoffversorgung in den Zellen unterstützen. Zudem binden Antioxidantien freie Radikale, die zum Beispiel durch Zigarettenrauch oder UV-Strahlung entstehen, und wirken so der Gewebsschädigung im Körper entgegen. Erste Wellness-Hotels und Kurbäder haben das innovative Getränk bereits für sich entdeckt.

Dass Mahlzeiten in Zukunft nicht mehr versalzen sind, dafür könnte eine Innovation des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) sorgen. Ein Hightech-Kochlöffel, vollgepackt mit Sensoren, soll es möglich machen. Das neue Essbesteck ist Teil eines umfangreichen Projekts über Hightech-Küchenutensilien und überwacht nicht nur den Salzgehalt der Speisen, sondern auch deren Temperatur, Säuregehalt und Viskosität. Die Daten meldet der Superkochlöffel an den Rechner, der dann beispielsweise meldet: „Bitte salzen!“

Deutschland: Führender Innovationsstandort mit Verbesserungspotenzial

Diese Beispiele erinnern ein wenig an die Tüftelei à la Daniel Düsentrieb, und doch: Sowohl das Dampfbügeleisen als auch das Wellness-Bier haben es bereits zur Marktreife geschafft. Ob auch der intelligente Kochlöffel sich durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Die wesentlichen Erfolgsfaktoren von Innovationen aber sind immer gleich. Erst im letzten Stadium des Innovationsprozesses, bei der Markteinführung, zeigt sich, ob sich die neu entwickelte Technologie durchsetzt und sich die mit der Entwicklung verbundenen Kosten rentieren.

Der Beobachtung von Erfolg und Misserfolg von Neueinführungen durch die beteiligten Unternehmen kommt deshalb erhebliche Bedeutung zu. Denn: Kreativität und Innovativität haben zwar allgemeinen volkswirtschaftlichen Nutzen - für die innovative Unternehmung allerdings ist nur die wirtschaftliche Profitabilität von Bedeutung.

StichwortInnovation

Der Begriff Innovation wurde vom Volkswirt Joseph Schumpeter als Durchsetzung einer technischen oder organisatorischen Neuerung definiert. Ihre bloße Erfindung reicht dabei nicht aus. Schon 1911 beschrieb Schumpeter die Bedeutung von Innovationen in seinem Standardwerk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“.

Innovator ist für Schumpeter der „schöpferische Unternehmer“, der auf der Suche nach neuen Aktionsfeldern den Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ antreibt.

Die international besetzte, unabhängige Expertenkommission "Forschung und Innovation" berät die Bundesregierung zu Fragen der Forschungs-, Innovations- und Technologiepolitik und legt alle zwei Jahre ein Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands vor.

Im Gutachten 2009 kam heraus, dass Innovationen gerade in der Rezession Priorität haben. Die Expertenkommission regt an, im Zuge der konkreten Umsetzung des Konjunkturpakets II die Belange von Bildung, Forschung und Innovation verstärkt zu berücksichtigen.

KMU spielen eine besonders wichtige Rolle im Innovationsprozess

Rund 70 Prozent der Beschäftigten in Deutschland sind in kleinen und mittleren Unternehmen tätig. 43 Prozent aller KMU in Deutschland sind innovativ, bringen also neue oder verbesserte Produkte auf den Markt. Andere unterstützen als FuE-Dienstleister Innovationsprozesse bei ihren Kunden. Die Bedeutung von KMU für das deutsche Innovationssystem ist erheblich. Im internationalen Vergleich ist der Anteil innovativer KMU in Deutschland hoch, nimmt aber langfristig betrachtet ab.

Technology Intelligence: Wissen, was „in“ ist

Ohne Innovationen können Unternehmen auf dem Weltmarkt schwer bestehen. Doch welche sind die „richtigen“, welche die „gewünschten“ Produkte, die das Potenzial zum künftigen Verkaufsschlager haben? Nicht nur in der Mode, auch im Bereich der Technologie stellt sich daher die Frage nach den neuesten Trends. Für die Effektivität von Technologieentscheidungen ist die Qualität der Information über gegenwärtige und zukünftige Technologietrends fundamental. In der Regel bestimmen die die Kunden: Was sich gut verkauft ist „in“. Bereits in den 70er Jahren versuchten viele Unternehmen eine systematische und kontinuierliche Technology Intelligence vorzunehmen, indem sie Entwicklungen im technologischen Umfeld beobachteten und bewerteten.

StichwortTechnology Intelligence

Für den Begriff Technology Intelligence werden zahlreiche Synonyme verwendet. So zum Beispiel Technology Monitoring, Technologiefrühaufklärung, Technology Forecasting, Technology Scouting oder Technology Watch. Im deutschsprachigen Raum dominieren die Begriffe Technologiefrühaufklärung oder Technologiefrüherkennung.

Abgrenzung: Technologiefrüherkennung wird häufig auf die frühzeitige Erkennung neuer Technologien reduziert. In Wahrheit ist darunter aber die wesentlich breiter angelegte frühzeitige Erkennung relevanter technologischer Trends zu verstehen. Der englische Begriff Technology Intelligence ist weiter gefasst und nicht auf die Beobachtung ausgewählter Felder des technologischen Umfelds, wie zum Beispiel Konkurrenten, beschränkt. Hinzu kommen die Bereiche Wettbewerber, Universitäten, Start-up-Unternehmen, Kunden und Zulieferer.

Welche Entscheidungsprozesse durch Technology Intelligence unterstützt werden, zeigt die folgende Grafik:

Heute haben viele international agierende, technologieintensive Unternehmen wieder ein starkes Interesse an einer systematischen Technology Intelligence. Eckhard Lichtenthaler, ehemals an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich engagiert, nennt dafür sieben treibende Faktoren:

  1. Die Globalisierung der Technologieentwicklung: Sie macht eine Beobachtung von Technologietrends auf globaler Ebene notwendig und erfordert damit zumindest teilweise eine Informationsbeschaffung vor Ort.
  2. Die Reduzierung langfristiger Forschungsaktivitäten: Sie hat in vielen Unternehmen zu einer verminderten Fähigkeit geführt, wesentliche technologische Trends, insbesondere im Bereich der Grundlagenforschung, erkennen und bewerten zu können.
  3. Der verstärkte Rückgriff auf externe Technologiequellen: Er erfordert in vielen Unternehmen eine kontinuierliche Beobachtung möglicher Technologiequellen.
  4. Der erhöhte Effektivitätsdruck auf Forschung und Entwicklung (F&E): Dieser resultiert aus der in vielen Branchen zu beobachtenden Intensivierung des Wettbewerbs und den gleichzeitig ansteigenden F&E-Kosten.
  5. Die Informationsflut: Sie erschwert zusammen mit einer gestiegenen Arbeitsbelastung ein Erkennen und Verfolgen relevanter technologischer Entwicklungen.
  6. Die zunehmende technologische Diversifizierung: Einzelne Unternehmen müssen eine immer größere Anzahl von Technologien beherrschen.
  7. Die steigende Komplexität der Technologieentwicklung: Sie äußert sich in einer zunehmenden Querbefruchtung sich vermeintlich voneinander losgelöst entwickelnder Technologiebereiche und erschwert eine Verfolgung einzelner Trends.

Der Kunde als Trendscout

Trendscouting ermöglicht das frühzeitige Erkennen von Verbrauchergewohnheiten und ist Grundlage für die Entwicklung neuer Produkte. Die Modekette H&M beispielsweise beschäftigt weltweit mehr als 100 hauseigene Designer, die bei ihren Reisen um die Welt selbst Trends aufspüren und eng mit dem Einkauf und dem Controlling zusammenarbeiten. Wer zuerst einen neuen Kundentrend und die Richtung, in die sich die eigenen Märkte entwickeln, erkennt, kann eine Nische besetzen und die Mitbewerber geraten ins Hintertreffen. Doch auch diese sind keineswegs untätig – auch sie beobachten den Markt.

Eine Möglichkeit, diesem Dilemma zu entkommen, liegt in der Beobachtung der Märkte der eigenen Kunden. Dabei werden die Informationen für die eigene Marktanalyse verwendet, die sich bei den Kunden angesammelt haben. Der Kunde wird so zum Trendscout.

Hinweis

Passend zum Thema lesen Sie auch unseren Wissensbaustein:

Lead User: Die wichtigen Kunden gezielt einbinden

Konkret geht es darum, die Welt der Kunden der eigenen Kunden zu durchleuchten. Um Informationen über deren Märkte zu erhalten, könnte folgendes Vorgehen hilfreich sein:

  • Nachfrage beim Kunden, wie sie die Zukunft ihrer eigenen Märkte sehen.
  • Herausfinden, welche Bedürfnisse deren Abnehmer in Zukunft haben werden.
  • Informieren bei den Kunden der eigenen Kunden.
  • Hinterfragen, was den Anwendern und Endverbrauchern in Zukunft am Herzen liegt.

Wenn Kunden zum Trendscout werden, so geschieht dies freiwillig. Hauptberufliche Trendscouts werden für das Beobachten und Erspüren von neuen Geschmacksströmungen bezahlt. Für die unterschiedlichsten Wirtschaftsbereiche analysieren sie die kommenden Trends. Trendscouts müssen heute wissen, was morgen "in" ist. Je nach Stellenbeschreibung, gehört auch das so genannte Roadmapping zu ihrem Aufgabenbereich.

Stichwort

Unter einer Roadmap versteht man ein Synonym für eine Strategie oder einen Projektplan. Aus dem Englischen übersetzt bedeutet der Begriff wörtlich Straßenkarte. Verwendet wird er in verschiedensten Forschungs- und Entwicklungsbereichen, dazu gehören zum Beispiel Produkt- oder Technologie-Roadmaps. In der Produktentwicklung allgemein wird mit Roadmap der geplante Zeitverlauf neuer Produktgenerationen oder -varianten bezeichnet.

Unabhängig davon gilt das Erstellen und die Pflege einer Roadmap auch als eine wichtige Methode des Innovationsmanagements.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Wissensbaustein: Roadmapping: Die Zukunft im Blick behalten.

Mit Hilfe von Technologie-Roadmaps lassen sich die hohen Anforderungen an das strategische Technologiemanagement systematisch bearbeiten und die betriebliche Forschung und Entwicklung zielgerichtet steuern. Die vorrangige Zielsetzung von Technologie-Roadmaps ist die Identifizierung und Darstellung technologiebezogener Projekte, die für die Entwicklung aller notwendigen technologischen Kompetenzen durchzuführen sind.

Oftmals stellt die erstmalige Erarbeitung einer Technologie-Roadmap in Unternehmen eine Initialzündung für eine intensivere Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Unternehmensbereichen dar: Produktentwicklung und Produktion oder auch anderen Geschäftsbereichen wie Marketing oder Controlling.

Weiterführende Links

http://www.marketing-trendinformationen.de

http://www.trendforum.info

http://www.zukunftsinstitut.de

http://www.innovationsmanagement.de

http://www.managementdenker.com

http://www.technologie-roadmap.de

Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement

http://www.iat.uni-stuttgart.de

Institut für anwendungsorientierte Innovations- und Zukunftsforschung e.V.

http://www.iaiz.de

Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung

http://www.izt.de

[David Wolf, Bild: Tetastock - Fotolia.com]

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