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StorytellingIn Reden gute Geschichten erzählen

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Gutes Storytelling ist kein Geheimnis, sondern eine rhetorische Methode. Wer die Regeln befolgt, begeistert sein Publikum.
erschienen: 21.03.2014
Schlagwörter: Präsentieren
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Für Redner, die Schwierigkeiten haben – oder schlicht keine Lust –, sich eine mehr oder weniger logische Argumentationskette einzuprägen oder Aufzeichnungen zu verwenden, ist Storytelling geeignet. Eine Geschichte können wir aus dem Stegreif wiedergeben. Storytelling ist viel natürlicher, als unsere Zuhörer unter einer Zahlen- und Faktenlawine zu begraben, die zum einen Ohr hinein- und zum anderen wieder hinausgeht. Mit Geschichten stellen Redner sogar weitaus leichter eine Verbindung zum Publikum her als mit anderen rhetorischen Mitteln.

Oft wird der Einwand vorgebracht: Lieber keine Geschichte erzählen, als sich mit einer schlechten Geschichte zu blamieren. Doch gutes Storytelling ist kein Geheimnis, sondern eine rhetorische Methode, die bestimmten Regeln folgt. Natürlich gibt es beim Storytelling, wie bei jeder Kunst, echte Meister, deren Reden uns buchstäblich vom Sitz reißen – sie haben lange an ihrer Redetechnik gearbeitet. Es sind diese Meister, an denen wir uns orientieren können.

Beispiel einer wirkungsvollen Geschichte

Nur wenige Merkmale müssen wir kennen, um aus unserem persönlichen Repertoire an Anekdoten wirkungsvolle Geschichten zu machen. Der Rest ist Übung und Feinschliff. Gewiss, es gibt unendlich viele Möglichkeiten, eine gute Geschichte noch besser zu machen. Doch wer die Grundmerkmale einer guten Geschichte kennt und anwendet, verfügt über die Grundkenntnisse, um seine Reden durch gutes Storytelling aufzuwerten.

Schauen wir uns ein Paradebeispiel für eine wirkungsvolle Geschichte an. Die der Tänzerin und Choreografin Gillian Lynne, die während ihrer Schulzeit als hoffnungsloses Kind galt. Die Prognose des Schulsystems: Sie würde es nie zu etwas bringen. Es kam anders: Gillian Lynne machte ihren Abschluss beim Royal Ballet in London, gründete eine eigene Tanzschule, traf Andrew Lloyd Webber, choreografierte Cats und andere Musical-Welterfolge und hat Millionen von Menschen unterhalten. Dieses Beispiel aus dem Repertoire des begnadeten Storytellers und Bildungsexperten Ken Robinson möchte ich nutzen, um die Merkmale einer guten Geschichte zu veranschaulichen.

Gute Geschichten sind einfach

Eine gute Story ist einfach. Storytelling wirkt, im Gegensatz zu Fakten und logischen Argumenten, emotional – oft sogar unterbewusst. Damit das funktioniert, muss die Geschichte leicht nachvollziehbar sein. Enthält sie ein kompliziertes Geflecht aus Handlungssträngen, Konflikten und Charakteren, verwirrt sie die Zuhörer und zwingt sie zum Nachdenken. Weil sie damit beschäftigt sind, die losen Enden zu verknüpfen, werden sie vom emotionalen Gehalt der Geschichte abgelenkt, und der wertvolle Zugang zum Herzen der Zuhörer, der dem Redner allein durch die Ankündigung einer Geschichte offen steht, bleibt ungenutzt.

Eine Story darf deshalb nie zum Selbstzweck werden – sie ist ein Bedeutungsträger, wie ein Botenstoff in der Biologie. Letztendlich dient das Storytelling dazu, die Botschaft zu transportieren. Ken Robinsons Geschichte über Gillian Lynne ist im Kern denkbar einfach gestrickt und gerade deshalb geeignet, eine Botschaft zu untermauern. Die Ausgangssituation der Protagonistin lässt sich in einfachen Worten beschreiben: Gillian Lynne galt in ihrer Schulzeit als hoffnungslos, weil sie nicht stillsitzen konnte und Schwierigkeiten hatte, sich auf den Schulstoff zu konzentrieren. Robinson fand jedoch eine noch einfachere Beschreibung für das unruhige Kind, das jedem Zuhörer sofort ein Bild in den Kopf setzte: „Heute würde man vermutlich sagen, sie hatte ADS.“ Was danach folgt – die Geschichte vom kometenhaften Aufstieg Gillian Lynnes zum Star der Tanzszene – ist nichts anderes als eine Variation auf das simple Motiv vieler Erfolgsgeschichten nach dem Muster „vom Tellerwäscher zum Millionär“: ein Außenseiter, der Erfolg hat.

Gute Geschichten überraschen

Auch in der einfachsten Geschichte ist Platz für Überraschungen. Und der ist auch notwendig: Eine gute Geschichte braucht ein Überraschungsmoment. Es fesselt die Aufmerksamkeit des Publikums und sorgt dafür, dass die Spannung gehalten wird, die allein durch die Ankündigung einer Geschichte aufkommt.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Überraschungen in eine Geschichte einzubauen. In Hollywood-Filmen erleben wir oft eine überraschende Wendung in der Handlung, meist kurz vor Ende der Geschichte. Möglich sind Überraschungen jedoch auch auf der Faktenebene, der Stilebene oder im Verhalten der Charaktere. Wo das Überraschungsmoment auch ansetzt, die Methode ist immer die gleiche: Die Erwartungshaltung des Publikums vorauszusehen und ihr diametral zu widersprechen.

In Ken Robinsons Geschichte von Gillian Lynne liegt das Überraschungsmoment auf der Handlungsebene. Die Geschichte vom hoffnungslosen Kind beginnt Mitleid erregend. Der Redner lässt das Publikum für einige Zeit im Glauben, das vermeintlich lerngestörte Kind sei zwangsläufig zu einem tragischen Schicksal verdammt, da das stereotype Schulsystem ihm keinerlei Unterstützung bietet. Doch dann kippt durch den Besuch bei einem Therapeuten, der Lynnes Natur erkennt, schlagartig alles zum Guten, und aus dem tragischen Schicksal wird eine glänzende Erfolgsgeschichte.

Gute Geschichten sind konkret

Genau an diesem Punkt der Geschichte trifft Robinson auch ein weiteres Merkmal guter Geschichten auf den Punkt, denn das Ergebnis von Lynnes Besuch beim Therapeuten mit ihrer Mutter ist nicht nur überraschend, sondern auch absolut konkret. Robinson hätte statt diesem Besuch auch argumentativ ausholen und seinen Zuhörern einen Vortrag über die unzähligen Studien und Forschungsergebnisse halten können, die es zu diesem Thema gibt. Auch sie belegen, dass bei vielen vermeintlich lerngestörten Kindern in Wirklichkeit nur andere Fähigkeiten besser ausgeprägt sind als jene, auf die das etablierte Bildungssystem Wert legt:

  • Theoretisches Wissen vs. Anwendungskompetenz
  • Auswendiglernen vs. Kreativität
  • Formeln vs. Vorstellungsvermögen

Wenn jemand überzeugt werden soll, ist nicht Quantität gefragt, sondern Qualität gefragt: das konkrete Beispiel lieferte Robinson, als er Lynnes Therapeuten Folgendes zu ihrer verzweifelten Mutter sagen ließ: „Mrs. Lynne, Gillian ist nicht krank. Sie ist eine Tänzerin.“

Das Konkrete an guten Geschichten

Gillians Tanztalent bringt die Botschaft auf einen konkreten Nenner: Das Dilemma des Bildungssystems spiegelt sich in dieser einen persönlichen Fähigkeit eines einzelnen Mädchens, und wird dadurch viel deutlicher als in der konzistentesten Statistik. Etwas konkret zu machen heißt:

  • Das Große in kleine Teile brechen, damit es leichter verdaulich wird
  • Komplexes in klare Symbole übersetzen, damit es verständlich wird
  • Abstraktes in die Lebenswelt der Zuschauer tragen, damit sie es mit einer Vorstellung abgleichen können, die sie aus eigenem Erleben kennen

Gute Geschichten sind glaubwürdig

Glaubwürdigkeit wird oft mit Autorität verknüpft. Doch im Rahmen einer Geschichte sind die Instinkte des Publikums hellwach, weil es die Protagonisten intuitiv nach Sympathie beurteilt. Menschen können sich besser mit Figuren identifizieren, die ihnen ähnlich sind und deren Lebensumstände sie einschätzen können. Anti-Helden sind deshalb meist bessere Garanten für die Glaubwürdigkeit einer Geschichte als Wissenschaftler oder Politiker, deren Erkenntnisse das Publikum nicht wirklich beurteilen kann. Ein persönliches Schicksal, dass die Botschaft stützt, ist besser als eine Behauptung einer Autorität in einer abstrakten Position.

Ken Robinson präsentierte seinen Zuhörern mit Gillian Lynne eine Anti-Heldin mit hohem Sympathie-Faktor, mit deren tragischer Kindheit sich das Publikum sofort identifizieren konnte. Sie ist als Figur deshalb beweiskräftig, weil sie keinerlei Eigeninteresse an der Botschaft hat. Ihr Leben wäre einfacher gewesen, wenn sie den Anforderungen des Schulsystems entsprochen hätte. Stattdessen musste sie sich ihren Erfolg erkämpfen. Dadurch wird sie für das Publikum glaubwürdig. Die theoretische Aussage eines Bildungsforschers, dass man es im Leben auch mit einer schwierigen Bildungsbiografie zu etwas bringen kann, wäre dagegen eine bloße Behauptung gewesen – wenig glaubwürdig von einem Professor, dessen eigener Erfolg auf eben jenem Bildungssystem beruht, um das es geht.

Steigern lässt sich der Faktor Glaubwürdigkeit noch, wenn Redner selbst Protagonisten ihrer Geschichte sind. Dann werden sie zum fleischgewordenen Beweis für ihre Botschaft und stehen sozusagen mit ihrem guten Namen für die Wahrhaftigkeit der Geschichte. Das geht natürlich nur, wenn sie sie auch tatsächlich selbst erlebt haben.

Gute Geschichten sind emotional

Nur eine Geschichte, die die Zuhörer emotional erreicht, ist eine wirklich gute Geschichte. Sie ist viel effektiver als jedes Argument, das auf den Verstand abzielt. Doch was macht eine Geschichte emotional? Auch hier sind die handelnden Personen der Schlüssel zum Erfolg, denn sie personifizieren die Botschaft, geben ihr eine menschliche Dimension. Sie sorgen dafür, dass Zuhörer das Anliegen des Redners auf einer Ebene verstehen, die mit Logik nicht zu bedienen ist.

Ein wirkungsvoller Verstärker für eine Botschaft ist beispielsweise Empathie. Redner können ihren Zuhörern zwar viele Fakten über eine schreckliche Krankheit erzählen, ohne sie emotional zu erreichen. Bringen Sie dagegen ein konkretes Beispiel einer erkrankten Person ins Spiel, empfindet das Publikum unweigerlich Mitgefühl. Es verknüpft die Diagnose mit einem Schicksal.

So ist es auch bei Gillian Lynne: Als Ken Robinson seine Protagonistin rückblickend ihre Empfindungen bei ihrem ersten Besuch in einer Tanzschule zum Ausdruck bringen lässt, kann das Publikum gar nicht anders, als sich mit ihr zu freuen: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie wundervoll das war. Wir kamen in diesen Raum, und er war voller Menschen wie mir. Menschen, die nicht still sitzen konnten. Menschen, die sich bewegen mussten, um zu denken.“ Dieser emotionale Moment, die Freude über die Erlösung des geplagten Kindes, brennt dem Publikum die Botschaft über die Fehler des Bildungssystems unauslöschlich ins Gedächtnis. Und genau das ist das Ziel des Storytellings.

Checkliste: Was eine gute Story ausmacht

  • Ist einfach gestrickt
  • Enthält ein Überraschungsmoment
  • Dreht sich um ein maximal konkretes Beispiel
  • Stützt sich auf glaubwürdige Protagonisten
  • Bietet dem Publikum einen emotionalen Anknüpfungspunkt
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Über den Autor
René Borbonus

René Borbonus gehört zum renommierten Kreis der Top 100 Excellence Speakers und bewegt sich – als Buchautor, Vortragsredner und einer der führenden Kommunikationstrainer im deutschsprachigen Raum – bewusst an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis.

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