Strategien umsetzenDas Dilemma von Wunsch und Wirklichkeit

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Unternehmenslenkern fehlt im Alltag oft die Zeit, Strategien auch tatsächlich umzusetzen. Drei Handlungsfelder zeigen, wie es gelingen kann.
erschienen: 01.08.2016
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Sie stehen sich gegenüber, mitten im Chefbüro: Wunsch und Wirklichkeit. Telefonklingeln, ein prall gefüllter Terminkalender, nicht enden wollende Besprechungen und ein sich wie von selbst füllender Posteingang – das ist die Realität des operativen Geschäftsalltags. Ein Alltag, der Zeit, Aufmerksamkeit und Kapazitäten frisst. Sich Gedanken über die strategische Weiterentwicklung zu machen und Visionen und Ideen zu entwickeln, bleibt dem Unternehmenslenker meist nicht. Und auch die Führungsmannschaft braucht Zeit, um ab und an strategisch durchzuatmen, Kraft und Teamgeist aufzutanken, Ideen sprudeln zu lassen und Inspiration zu finden. Hierzu ist meist ein Strategie-Workshop das gängige Mittel der Wahl.

Die Strategie zeigt sich im Alltag und nicht in Workshops

Wie im Urlaub lässt sich in einem Strategie-Workshop der Alltag aus weiter und sicherer Entfernung betrachten und gerät ob der vielen neuen Ideen in den Hintergrund. Und genau auf dieser Insel sitzen die neu gewonnenen Eindrücke und Vorsätze danach fest. Zurück im Alltag gäbe es eigentlich nichts Anderes zu tun, als die Ergebnisse aus dem Workshop umzusetzen. Passiert dies nicht, entstehen den Unternehmen Kosten. Nicht nur für den Tagungsort, den Referent, das Team-Event und die wertvolle Zeit der Führungskräfte – am teuersten sind die Verluste, die Unternehmen einfahren, weil sie ihre besten Ideen und Strategien einfach nicht umsetzen.

Dabei ist es egal, ob es um mehr Effizienz oder die Erschließung neuer Märkte geht. Gemeinsam entwickelte, aber nicht umgesetzte Ziele höhlen auf Dauer die Motivation der Mannschaft aus oder unterwandern die Anerkennung der Unternehmensführung als Richtungsweiser. Beides hat fatale Auswirkungen auf die Zukunft eines Unternehmens.

Das Tagesgeschäft als etwas Strategisches begreifen

Wer sein Körpergewicht reduzieren möchte, setzt sich Ziele. Damit die realistisch bleiben, muss die betroffene Person Disziplin bei ihrer Ernährung zeigen. Wenn sie stattdessen trotzdem Süßigkeiten vertilgt, entweder auf einmal oder in kleinen Portionen über den Tag verteilt, kann das in beiden Fällen nicht funktionieren. Bei der zweiten Variante aber fällt der Selbstbetrug wesentlich leichter. Die Formel ist einfach: Alles, was im Alltag Platz hat, formt letztlich das Ergebnis.

Übertragen auf die Unternehmensführung ist das die Strategie. Wenn das Tagesgeschäft so ausgerichtet ist, dass die Bedienung von Bestandskunden Vorrang hat vor der Neukundengewinnung, dann ist das eine strategische Entscheidung. Ebenso wie die Förderung von Mitarbeitern, die Dinge am lautesten einfordern, anstelle der stillen Leistungsträger mit dem größeren Potenzial. So bringt jeder Plan, jedes Konzept und jedes Ziel ein Unternehmen strategisch erst voran, wenn sie nicht nur gedacht wurden, sondern wenn sie im Tagesgeschäft ihren Platz gefunden und kontraproduktives Verhalten verdrängt haben.

Denkmuster überwinden und konkret werden

Damit dieser Vorsatz gelingt, müssen Gewohnheiten und Denkmuster überwunden werden. Zum Beispiel, indem die strategische Veränderung regelmäßig auf die Agenda gehoben wird. Nun konkurriert im Alltag der Plan, der eine langfristige Entwicklung verspricht, mit all jenen kleineren Brandherden, deren Löschung bereits einen Großteil der Aufmerksamkeit bindet. Hier greifen die größten Stärken des Unternehmers: Erfahrung und Routine. Immer wenn sie zum Einsatz kommen, kommt das Unternehmen schnell vorwärts.

Das Tragische daran: Der kurzfristige Erfolg löst ein Gefühl der schnellen Befriedigung aus und führt dazu, dass Unternehmenslenker oft lieber selbst intervenieren. Im Ergebnis fühlen sie sich auch noch wohl dabei, die teuerste Ressource – sich selbst – in ineffiziente Prozesse zu investieren. Gleichzeitig ist das Fehlen von Routinen die große Hürde für alles Neue: Fehlende Informationen und Standardabläufe, kritische Kollegen und unklare Entscheidungskriterien machen dem Unternehmer das Leben schwer – und bremsen seinen Enthusiasmus gnadenlos aus.

Kaum ein kleines oder mittelgroßes Unternehmen kann es sich leisten, eine Führungsriege zu beschäftigen, die sich aufs Managen und Entscheiden zurückzieht. Auch lassen sich Prozesse nicht von heute auf morgen verändern und die Alltagskrisen müssen auch weiterhin gelöst werden. Die folgenden drei Manöver können helfen, die Unternehmerstarre zu überwinden:

Die Aufmerksamkeit lenken

Hintergrund

Wir arbeiten immer genau an dem Thema, bei dem unsere Aufmerksamkeit liegt. So bekommen Alltagsthemen immer den zeitlichen Vorrang vor strategischen Schritten. Wenn wir im wöchentlichen Jour-Fixe nur die drängendsten Themen besprechen, dann fallen mittel- und langfristige Maßnahmen aus dem Blickfeld.

Lösung

Die Agenda konsequent umdrehen!

Chance

Unsere Aufmerksamkeit aktiv zu lenken ist eine der wesentlichen Herangehensweisen, strategische Themen zum Alltag zu machen. Dazu werden langfristige Aufgaben gezielt in das tägliche Blickfeld gerückt und in der Folge mit einer höheren Priorität bearbeitet. Hier wirken kleine Reminder, die das Ziel immer vor Augen führen: die konkreten Ziele auf den Punkt gebracht, Regeln im Visitenkartenformat, auf Aufklebern oder als Poster. Wer sich damit umgibt, beginnt irgendwann danach zu handeln.

Verzichten Sie also auf Brandherd-Reminder wie Post-It-Notizen, auf denen „dringend erledigen“ steht, sondern konzentrieren Sie sich auf konkrete Unterstützer! Menschen haben sogar eine noch stärkere Wirkung als Sprüche an Wänden. Es hilft, neue Strukturen und Abläufe einzuüben, wenn erforderlich. Formale Kooperationen, etwa mit Forschungsinstituten, Vertriebspartnern oder Spezialdienstleistern, die ausschließlich nur für ein strategisches Thema eingebunden werden, bieten eine Grundlage, um sich auf strategische Themen zu konzentrieren. Denn wenn Sie einen Partner für ein strategisches Thema einspannen, konkurriert dessen Forderung mit dem Ruf des Alltags, also einer Ablenkung vom Wesentlichen.

Enttäuscht man sie, wirkt das wie eine kurzfristige Bestrafung. Zum Beispiel regt sich das schlechte Gewissen, unnötige Besprechungen fallen stärker ins Gewicht oder Ärger über unnötige Reisekosten und -zeiten kommt auf. Spezialdienstleister müssen auch noch reell bezahlt werden. Das schmerzt genauso wie ein schlecht bezahlter Auftrag.

Von vorne denken statt von hinten

Hintergrund

Neue und strategische Themen gehören bei den wenigsten Menschen zum Alltag. Wir haben schlichtweg keine Routine darin, sie zu bearbeiten und schieben sie deswegen vor uns her.

Lösung

In Schritten denken, nicht in Ergebnissen!

Chance

Ein Thema Schritt für Schritt anzupacken bedeutet nichts anderes als die Einstiegsschwelle zu reduzieren. Es hilft, das ins Auge gefasste Ziel auf einzelne To-Dos herunterzubrechen. Statt das Ergebnis zu denken – zum Beispiel Expansion nach Asien, x Prozent Marktanteile – sollten die nächsten physischen Schritte formuliert und umgesetzt werden: Marktlage in Asien prüfen, geeignete Länder definieren. Das reduziert nicht nur die Unklarheiten, sondern verknüpft die Aufmerksamkeit ans Vorwärtskommen mit echten Prozessen und Personen.

Sich für Teilerfolge belohnen

Hintergrund

Jeden Tag fallen Aufgaben an, die man gleich erledigen will, um möglichst schnell zu einem Gefühl der Zufriedenheit zu gelangen. Wenn wir diesem Impuls nachgeben, rücken langfristige Ziele in den Hintergrund. Denn die Belohnung einer strategisch wirksamen Strukturänderung liegt irgendwo in ferner Zukunft.

Lösung

Kleine Ziele setzen und an Belohnungen knüpfen!

Chance

Um beim Vorwärtskommen unabhängiger zu sein, sollten wir uns Ziele stecken, die wir ohne Unterstützung Anderer erreichen können. Wenn wir diese Etappenziele mit Belohnungen versehen, entwickeln wir nach und nach Selbstvertrauen und Missstände im Alltag erschüttern uns immer weniger. Mit einer einfachen Taktik lässt sich das noch verstärken. Wenn wir uns bei Etappensiegen fragen: „Wie kann ich mehr davon erreichen?“, dann bleibt der Fokus auf dem Thema, das das Erfolgsgefühl ausgelöst hat. So wird es mit der Zeit noch einfacher, längerfristige Ziele im Alltag zu verfolgen.

Checkliste: Strategische Ziele besser fokussieren

  • Wo und wann springen Sie im Alltag ein, anstatt Ihre strategisch wichtigen Fragen voranzutreiben?
  • Zu welcher Gelegenheit gehen Sie Ihre Tages- und Wochenthemen durch? Wie würde es aussehen wenn Sie Ihre Agenda einfach umdrehen?
  • An welchen Stellen können Sie Reminder setzen, die helfen, das Ziel im Auge zu behalten?
  • Welche Partnerschaften könnten Ihnen dabei helfen?
  • Wie würde Ihr Projekt aussehen, wenn Sie es in physischen Schritten planen?
  • Wie sehen die kleinstmöglichen Zwischenschritte aus, die Sie völlig unabhängig von Ihrer Außenwelt schaffen können?
  • Wie und wo möchten Sie die „Mehr-davon-Taktik“ anwenden?
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Über den Autor
Dr. Torsten Herzberg

Torsten Herzberg ist Inhaber der Herzberg Consulting GmbH. Seit über zehn Jahren deckt er versteckte Wachstumshebel und -hindernisse in mittelständischen Unternehmen auf.

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