Archiv

StudiePublikumsschwund in Theatern und Opernhäusern

Intendanten, Operndirektoren und Kulturpolitiker bleiben weiterhin eine Antwort auf die krisenhaften Folgen der demografischen Entwicklung im Kulturbereich schuldig.
erschienen: 28.04.2011

„Zukunftssorgen macht man sich anscheinend im Klassikbetrieb nicht“, stellen Junior-Professoren Martin Tröndle und Markus Rhomberg von der Zeppelin Universität (ZU) in Friedrichshafen fest. Dabei droht der Branche ein dramatischer Niedergang. So zeigt eine Reihe von Studien, dass das Durchschnittsalter des Konzert-Publikums zwischen 55 und 60 Jahren liegt. Das Durchschnittsalter des Klassik-Publikums ist in den vergangenen 20 Jahren dreimal so schnell angestiegen (um rund 11 Jahre) wie das Durchschnittsalter der Bevölkerung (rund 3,4 Jahre). Tröndle:

„Prognosen für die Zukunft verheißen nichts Gutes: Demnach wird das Klassik-Publikum in den nächsten 30 Jahren um mehr als ein Drittel zurückgehen – es stirbt schlichtweg aus.“

Verdrängen, Verdecken, Verschweigen

In einer Inhaltsanalyse der Berichterstattung von überregionalen und regionalen Zeitungen sowie Radiobeiträgen über die Zukunft des Konzerts entdeckten der Musikwissenschaftler Tröndle und der Politik- und Kommunikationswissenschaftler Rhomberg drei Verhaltenskategorien, wie der Klassikbetrieb auf die demografischen Entwicklungen reagiert:

  • Viele versuchen diese Entwicklungen zu verdrängen, zu verdecken und zu verschweigen.
  • Andere reagieren darauf, indem sie mehr Ressourcen fordern, um ihr Überleben zu sichern.
  • Und nur ganz wenige beschäftigen sich mit Innovationen und Reformen, um eine nachhaltige Entwicklung des Konzertbetriebs zu fördern.

Die nach wie vor weit verbreitete Zuversicht wird von den Klassikverantwortlichen jedoch nicht belegt, sie stützen sich vielmehr allein auf persönliche Erfahrungen oder ältere Erhebungen, haben die beiden Autoren der Studie festgestellt. Die Klassikverantwortlichen zweifeln den prognostischen Wert demografischer Daten an, vergleichen diesen unter anderem mit der Aussagekraft von „Wetterberichten“. „Es zeigen sich zwei Realitäten: Jene vieler Intendanten, die eine Krise verdrängen - und jene der Wissenschaft“, schlussfolgern die Studienautoren.

Es ist noch immer gut gegangen

Dieser offensichtliche Kontrast der wissenschaftlichen Studien und den Selbstaussagen vieler Intendanten eröffnen zwei mögliche Interpretation, berichten Tröndle und Rhomberg:

„Die erste geht von der Prämisse aus, dass die in den Medien gefundenen Aussagen tatsächlich die Meinung der Akteure abbildet. Das bedeutete, man will den gesellschaftlichen Wandel und das damit einhergehende Krisenszenario für die Klassik nicht sehen.“

Es ergibt sich das Bild eines relativ geschlossenen Betriebs, geprägt durch ein elitäres Kulturverständnis, das sich an einer glanzvollen historischen Vergangenheit orientiert. Verstärkt könnte diese Haltung gegebenenfalls auch dadurch werden, dass ein Großteil der Intendanten selbst das Rentenalter erreicht haben wird, noch bevor der Publikumsschwund voll durchschlägt.

„Diese Haltung könnte man als ‚Verdrängungsstrategie’ beschreiben“, erklären Tröndle und Rhomberg. Eine zweite Interpretation geht davon aus, dass den Intendanten das Problem durchaus bewusst ist, sie die Problematik aber nicht öffentlich diskutieren wollen, sie also verdecken.

„Denn zum einen könnte solch eine Diskussion die Spargelüste mancher Kämmerer und Finanzminister wecken, zum anderen sinkt die Attraktivität eines Hauses, wenn potentielle Geldgeber wissen, dass dessen Publikum in den kommenden Jahren stark dezimiert wird.“

Neue Angebote für eine neue Zielgruppe

In der Debatte in den Medien wird aber auch mit möglichen Lösungsansätzen argumentiert:

„Dabei finden sich sowohl Elemente, die sich mit der ‚popkulturellen Sozialisation’ der Jugendlichen beschäftigen, als auch Elemente, die sich mit heutigen Erscheinungen wie der Medialisierung gesamter Lebensbereiche befassen.“

Viele Jüngere erlebten eine völlig andere musikalische Sozialisation. Es sei eben nicht die klassische Musik als solche, die die Jugend abschrecke, sondern das Ritual des Konzerts.

Um die Kulturpolitik zur Reform zu ermutigen, hilft laut Rhomberg und Tröndle ein Blick in die Geschichte in des Konzertwesens: Nahezu alle Innovationen im Klassikbetrieb (wie auch seine Entstehung selbst) wurden durch private Akteure realisiert. Verfolgt man allein die Entwicklungen im 20. Jahrhundert lassen sich hier die Alte Musik und die historische Aufführungspraxis, die Neue Musik, die Vielzahl der entstandenen Festivals, die Tonaufzeichnungs- und Abspielgeräte, die in den letzten Jahren entstandenen professionelle Ensembles etc. nennen. Tröndle und Rhomberg fordern:

„Dramaturgisch inspirierten Festivalmachern, hochspezialisierten Ensembles, klugen Konzertveranstalter und findigen Musikvermittlern sollte daher eine Chance gegeben werden, in einen positiven Wettbewerb um kluge Ideen und sinnliche Konzepte mit den etablierten Häusern einzutreten. Das Problem der Klassik ist nicht das Publikum und ebenso keines zu geringer Budgets, sondern eines der Mittelverteilung und der fehlenden Innovationsfähigkeit des Betriebs.“

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, Zeppelin Universität (ZU), Friedrichshafen