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The King’s SpeechCoaching damals und heute

Was der Oscar-prämierte Film "The King´s Speech" mit den heutigen Coaching-Methoden zu tun hat.
erschienen: 02.03.2011
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Albert, der Herzog von York und spätere König Georg VI., hat starke Angst vor öffentlichen Reden, da er stottert. Seine Ärzte versuchen es unter anderem mit Rauchen als Therapie – „Das beruhigt Ihre Atemwege“ – und mit Murmeln im Mund, wie einst Demosthenes. Ganz anders geht Lionel Logue an die Sache, ein Australier, gespielt von Geoffrey Rush. Er nutzt dabei Techniken, die mit heutigen Methoden vergleichbar sind: provokative Therapie oder die Suche nach prägenden Ursachen und daraus resultierenden mentalen Blockaden.

Albert wird nach vielen ergebnislosen Versuchen von seiner Frau (die spätere „Queen Mum“) zu Logue gebracht. Logue ist ein etwas eigenwilliger Australier, der seine Technik nicht studiert, sondern bei Behandlungen von traumatisierten Soldaten aus dem ersten Weltkrieg selbst entwickelt hat. Er geht durchaus ähnlich moderner Coaching-Techniken vor und befragt den Herzog von York nach möglichen Ursachen in der Kindheit. Eine königliche Hoheit spricht jedoch nicht über Persönliches. Auch die Ansprache der königlichen Hoheit mit seinem Spitznamen „Bertie“ empfindet Albert empörend. Der Herzog fühlt sich zunehmend provoziert, will die Therapie immer wieder abbrechen.

Wie im Coaching: Es kommt immer wieder vor, dass Klienten abbrechen wollen. Der Grund liegt normalerweise darin, dass ihr problematisches Verhalten, hier das Stottern, ja durchaus einen sinnvollen Zweck erfüllt, beispielsweise den (vermeintlichen) Schutz vor Peinlichkeit. Das Unterbewusstsein will diesen Schutz nicht verlieren und gibt so immer wieder den Impuls, die Therapie oder das Coaching abzubrechen – oder gar nicht erst anzufangen. Logue hat Albert stets durch Provokation und andere Ideen zurückgeholt. Natürlich kam es – ganz im Sinne einer filmischen Dramaturgie – zum Bruch. Doch als Albert für seinen abdankenden Bruder Edward einspringen muss und so ungewollt zu König Georg VI. wird, erinnert er sich an Logue und engagiert ihn wieder, um seine Reden vorzubereiten.

Der Coachee steht zwischen den ungeliebten Behandlungsmethoden und der Redeangst vor seinen öffentlichen Reden. Der Coach bringt ihn immer wieder ein Stück weiter, völlige Heilung erfolgt hier nicht. Auch über mögliche Ursachen wird gesprochen, wenn dies auch im Film nicht weiter verfolgt wird. König Georg VI. wurde als Kind zur Rechtshändigkeit gezwungen, seine X-Beine wurden in einem Gerüst aus Stahlschienen am Tag und in der Nacht gerade gebogen, sein Vater übte massiven Leistungsdruck auf ihn aus („Stell Dich nicht so an!“) und zu allem hat seine Erzieherin auch noch den älteren Bruder bevorzugt. Sie ging so weit, Albert den Eltern trickreich vorzuenthalten und hat ihm drei Jahre lang kaum zu Essen gegeben. Alles psychische Prägungen, die mögliche Ursachen für seine Sprachstörung sind.

Aus meiner eigenen Coachingpraxis kenne ich das. Oft sind die Ursachen objektiv gesehen deutlich nichtiger. Entscheidend ist jedoch die Wahrnehmung des Coachees. So habe ich schon kaputt gemachte Spielzeugbagger und die Reaktion der Mutter darauf, versehentlich blockierte Türen oder alltägliche Äußerungen der Eltern als subjektiv starke Prägung erlebt. Ein kleiner Spielzeugbagger, der eine Karriere jahrzehntelang beeinflusst hat! Von außen betrachtet mag dies lächerlich klingen, doch das Unterbewusstsein des Klienten nimmt es ganz anders auf und hat daraus ein Verhalten abgeleitet, das ihn schützt. Es sorgt dafür, dass er so etwas Peinliches nie wieder erleben muss. Ein Verhalten, das auch dem Klienten bewusst betrachtet nicht gefällt.

Aufgabe des Coachings ist nun, die Ursache quasi zu „verändern“ und dadurch das Verhalten zu „verbessern“. Das geht jedoch nur, wenn für die ursprüngliche Schutzfunktion eine neue gefunden wird, die gleichzeitig den Schutz bietet und das neue, hilfreichere Verhalten ermöglicht.

Natürlich gibt es auch Ursachen, die eher denen des Königs entsprechen. Psychische oder körperliche Gewalt, Vergewaltigungen, Unfälle und andere Prägungen, die einen heftigen Einschnitt im Leben bedeuten können und aus denen ebenfalls Verhalten resultiert, das hinderlich ist. Auch hierfür gibt es Lösungsansätze. Coaching oder die Behandlung bei einem Therapeuten können durchaus ein lebenswerteres oder erfolgreicheres Leben bewirken.

Bei Albert ging es nicht nur um lebenswert oder erfolgreich, er stand durch seine Position im Licht der Öffentlichkeit und konnte gar nicht anders, als eine Lösung für sein größtes Problem zu finden. Eine Radioansprache eines Königs, der vor lauter Stottern mehr Pausen als Worte macht, bei dem manche Worte einfach nicht über die Lippen wollen und dessen Sätze kaum mehr verständlich sind, wird abgedreht. Alberts Stottern macht ihn zum Gespött der Menschen. Anfangs widerwillig, später als beste Freunde, arbeiten der „Coach“ Lionel Logue und seine Majestät daran, mit Atemtechnik, Körperbewegungen, Melodien und anderen Tricks eine wichtige Radioansprache zu geben: der Zweite Weltkrieg war ausgebrochen.

Der Film erzählt die wahre Geschichte mit nur nebensächlichen Abweichungen von der Realität. Logue war für den Rest der Amtszeit des Königs bei jeder Rede in dessen Nähe. Aus dem anfänglich sperrigen Coaching wurde eine wahre Freundschaft und ein treuer Begleiter. Der Film rückt das Thema Stottern und Redeangst in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Auch Colin Firth, der Darsteller des Königs, bekennt sich zu Redeangst, die man bei seinen Dankesreden durchaus bemerkt. Nach meinen Erfahrungen als Experte für Rhetorik und Präsentation leiden rund 97 Prozent mehr oder weniger stark unter Lampenfieber. Doch es gibt Abhilfe, teils mit einfachen Techniken, teils durch Verändern von Prägungen, wenn es nötig ist.

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Über den Autor
Michael Moesslang

Michael Moesslang ist der Experte für sensationelles Präsentieren und persönliche Wirkung. In seine Arbeit bezieht er aktuelle Erkenntnisse aus Psychologie und Verhaltenswissenschaften ein. Als Vortragsredner und Lehrbeauftragter aktiviert er Zuhörer in Vorträgen und Präsentationen.

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