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Trauer am Arbeitsplatz und Umgang mit Mitarbeiter

Sprachlos, unsicher, hilflos. So reagieren Führungskräfte oft auf den Tod von Mitarbeitern. Helfen kann ein betriebliches Trauermanagement.
erschienen: 30.05.2012
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Jeden Tag ist uns der Tod allgegenwärtig: In den Fernseh-Nachrichten, in der Zeitung oder im abendlichen Krimi. Und doch ist er gleichzeitig so weit weg. Verstirbt jedoch ein Angehöriger, Freund oder Kollege, sieht das schon ganz anders aus. Je näher wir einer Person stehen, umso heftiger können die Emotionen ausfallen. Jeder der genannten Sterbefälle ruft ganz unterschiedliche Gefühle hervor: von der bloßen Kenntnisnahme, über Gleichgültigkeit, losem Bedauern bis hin zu Trauer und tiefster Verzweiflung. 

Was aber passiert, wenn plötzlich ein Mitarbeiter verstirbt? Dann wird der Tod sehr schnell persönlich. Führungskräfte und Kollegen sind oft die ersten Ansprechpartner, doch sind sie mit der Rolle des Helfenden oft überfordert. Eventuell ist sogar der unmittelbare Kollege selbst von der Trauer belastet. Gerade Führungskräfte stehen hier vor folgenden Fragen:

  • Was ist jetzt zu tun?
  • Wie gehe ich angemessen mit der Situation um?
  • Wie kommuniziere ich den Todesfall an die Mitarbeiter?

Bei einem Todesfall braucht es Beziehungsmanager

Vielen Entscheidern und Führungskräften fehlen die Worte, wenn sie vom Tod eines Kollegen oder von der Trauer eines Mitarbeiters hören. Hinzu kommen oftmals Unsicherheit, Hilflosigkeit und Unbehaglichkeit, wenn der persönliche Kontakt mit den trauernden Angehörigen und Mitarbeitern aufgenommen werden muss. Eine solche Trauersituation stellt die meisten vor neue Herausforderungen. Gefragt ist ein echter Beziehungsmanager und Problemlöser auf den unterschiedlichsten Ebenen. 

Die Hauptaufgabe des HR-Managers besteht in einer möglichen Problemerkennung im Unternehmen, dem verantwortungsvollen Umgang mit dem Team und der Beziehungspflege zur Familie des Verstorbenen. Diese Vorgehensweise erfordert ein umfassendes Wissen um die Gefühlswelt der Trauernden. Wertfrei betrachtet ist Trauer die natürliche Reaktion auf Verlust, keine Krankheit. Trauer kann dazu führen, vorübergehend den Halt im Leben zu verlieren. Deshalb ist es notwendig, auch den Rückhalt am Arbeitsplatz zu finden.

Obwohl jedes Jahr durchschnittlich 850.000 Menschen in Deutschland versterben, davon 140.000 im erwerbsfähigen Alter, wird das Thema Sterben, Tod und Trauer in unserer Gesellschaft oftmals tabuisiert. Diese Tendenz spiegelt sich auch in den Unternehmen wider. Die Erfahrung von Tod ist für jeden Angehörigen eine starke emotionale Erfahrung und Belastung. Experten sprechen vom stärksten Stress, der einem Menschen widerfahren kann. Dieser Stress lässt sich auch in den Gesprächen der Personalabteilung, des Betriebsrats und der Führungskräfte mit dem Trauernden feststellen. Sehr oft fühlen sich die genannten Führungskräfte sprachlos, unsicher und hilflos.

Emotionale Hilfe finden trauernde Mitarbeiter in der Regel in ihrer Familie und ihrem sozialen Umfeld. Bei der Hilfe am Arbeitsplatz wird es oft schwierig, steht doch hier die Leistungserbringung im Vordergrund. Die Folge: Manager empfinden trauernde Mitarbeiter häufig als „Störfall“. Denn: Rat- und Sprachlosigkeit augrund von Trauer kann zu Verspätungen, emotionalen Schwankungen oder Krankschreibungen führen. Steigt aus Unkonzentriertheit die Fehlerquote des Trauernden, hat das oft negative Auswirkungen auf den Teamgeist beziehungsweise das gesamte Team. Ganz abgesehen von den materiellen Schäden, die durch Produktionsverzögerung oder etwa die falsche Bedienung von Maschinen entstehen können. Nicht verarbeitete Trauer kann also zu Arbeitskraft- und Leistungsverlusten führen.

Fällt ein Mitarbeiter auf Grund von Trauer für längere Zeit aus, etwa aufgrund von Depression, haben sowohl er als auch der Arbeitgeber mit Umsatzeinbußen zu rechnen. Studien der DAK gehen im Falle „psychischer Störungen“ – in die Trauer fälschlicher Weise fällt – von einer Größenordnung von 13 bis 15 Milliarden Euro pro Jahr aus. Das Mittelstandsbarometer des Beratungsunternehmens Ernst & Young beziffert die Höhe der Umsatzeinbußen durch Arbeitsausfälle in Deutschland auf jährlich 30 Milliarden Euro. Und die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin schätzt den Verlust an Bruttowertschöpfung durch Arbeitsausfälle in Deutschland alleine für 2009 auf 75 Milliarden Euro.

Etablierung eines betrieblichen Trauermanagements

Nur sehr wenige Unternehmen haben sich in Deutschland mit dem Thema Trauer am Arbeitsplatz befasst und die Führungskräfte auf entsprechende Situationen vorbereitet. Fehlende Hilfe für Mitarbeiter resultiert meistens nicht aus bösem Willen, sondern aus Unsicherheit im Umgang mit diesem Thema. Doch die Auseinandersetzung damit verlangt von allen Führungskräften ein hohes Maß an Mitarbeiterführung, Empathie und Wertschätzung für die betroffenen Personen. Da die Mitarbeiter in vielen Unternehmen unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben, muss auch die kulturelle Vielfalt der Trauer beachtet werden. 

Um Arbeit und Privatleben miteinander in Einklang zu bringen, haben viele Unternehmen ein Betriebliches Gesundheitsmanagement sowie ein Betriebliches Eingliederungsmanagement etabliert (Work-Life-Balance). Für den professionellen Umgang mit Trauer am Arbeitsplatz empfiehlt sich die Integration eines betrieblichen Trauermanagements. Je nach Größe des Unternehmens gilt es, einen oder mehrere Trauerkoordinatoren festzulegen. Sie stellen Regeln, Verantwortlichkeiten und Standards auf, wie bei einem Trauerfall vorgegangen werden soll. Ein erster Schritt hat zum Ziel, Hilfestellungen zu geben, Gesprächsbereitschaft anzubieten oder flexible Arbeitszeiten umzusetzen. Dahinter liegt das Interesse an dem Menschen, der so schneller zurück in den Arbeitsalltag finden soll. All das ist nur mittels respektvollem Umgang und wertschätzender Kommunikation möglich.

Trauermanagement hat somit folgende Maßnahmen zum Ziel: 

  • Stärkung der HR-Manager und der Führungskräfte im Umgang mit Trauer
  • Richtiger Umgang mit Verlust, Tod und Trauer
  • Wertschätzender Umgang mit trauernden Mitarbeitern
  • Unterstützung möglicher Hinterbliebener
  • Ebnen der Rückkehr an den Arbeitsplatz
  • Interne und externe Krisenkommunikation

HR-Abteilungen sollten sich in Bezug auf ein Trauermanagement die folgenden Fragen stellen beziehungsweise geeignete Maßnahmen daraus ableiten:

  • Wie sehen aktuelle Lösungen für Trauerfälle im Unternehmen aus und sind diese auf dem neuesten Stand?
  • Was würde es kosten, die bestehenden Lösungen zu überarbeiten?
  • Welche Erfahrungen wurden beim letzten Trauerfall im Mitarbeiterstamm gesammelt?
  • Wie werden die Erfahrungen der letzten Todes- und Trauerfälle ausgewertet?
  • Welche Rolle spielt die Unternehmenskultur bei der Unterstützung trauernder Mitarbeiter?
  • Welche Maßnahmen und Lösungen konnten in der Vergangenheit gut umgesetzt werden?
  • Welche internen Ressourcen sollten noch optimiert werden?
  • Von welchen Fähigkeiten können die Führungskräfte profitieren?
  • Was würde es kosten und welche Vorteile könnte es mit sich bringen, wenn es gut ausgebildete Ansprechpartner im Unternehmen gibt?
  • Was würde es kosten, die Trauer der Mitarbeiter zu ignorieren?
  • Wie ist die interne und externe Krisenkommunikation für einen solchen Fall vorbereitet?
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Über den Autor
Ulrich Welzel

Ulrich Welzel ist Banker, Fachbuchautor, Unternehmensberater, Trainer und ehrenamtlicher Hospizbegleiter. Er war viele Jahre in zum Teil international ausgerichteten Großbanken in der Betreuung von vermögenden Privatkunden tätig. Sein Team und er trainieren international Banker, Vorstände, Führungskräfte und Personalmanager im wertschätzenden Umgang mit trauernden Angehörigen.

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