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Unternehmen lernen von der Natur

Unternehmen können in der Führung viel von der Natur lernen. Ob Symbiose, Spezialisierung oder Anpassung - von der Evolution lassen sich zahlreiche Prinzipien entlehnen.
erschienen: 11.05.2011

Modelle und abstrakte Theorien zur erfolgreichen Unternehmensführung gibt es viele. In die Praxis übertragen offenbaren sie jedoch schnell was sie wirklich sind: Modelle und Theorien. Fragt man Unternehmenslenker, ob diese Modelle alle funktioniert haben, lautet die Antwort häufig „teils, teils“. Das klingt nicht gerade überzeugend. Zeit also, die neuen alten Methoden beiseite zu schieben und der Natur über die Schulter zu schauen. Deren praxiserprobte Erfolgsrezepte funktionieren seit Jahrmillionen und tatsächlich gibt es sehr erfolgreiche Unternehmen, die sich intuitiv an der Natur anlehnen. In technischen Disziplinen hat sich dieses Vorgehen unter dem Namen Bionik – eine Wortkombination aus Biologie und Technik – schon seit einigen Jahrzehnten bewährt. Im Bereich der Unternehmensführung wurden nun zahlreiche Unternehmen untersucht, darunter auch viele Wachstums-Champions, Unternehmen, die schneller wachsen als ihre Konkurrenz. Dabei fanden sich erstaunliche Übereinstimmungen mit den biologischen Prinzipien.

Fraktales Prinzip und Spezialisierung

Der Mathematikprofessor Benuît Mandelbrot prägte den Begriff „Fraktal“. Dabei handelt es sich, vereinfacht ausgedrückt, um das Phänomen, dass die Teilelemente die gleichen Strukturen haben wie das große Element, dem sie angehören. Es tauchen immer wieder die gleichen Strukturen auf, egal in welcher Vergrößerung das Element mikroskopisch betrachtet wird. Zu beobachten ist dieses fraktale Prinzip bei Blutgefäßen und Farnen. Besonders gut sichtbar ist es zum Beispiel bei der Blumenkohlart Romanesco. Unternehmen experimentierten mit der fraktalen Organisationsform vor allem in den 1990-er Jahren.

Sie gingen von der Annahme aus, dass die kleinste unternehmerische Einheit ein Mitarbeiter sei, der wie ein Unternehmen im Unternehmen tickt. Mettler-Toledo, der Weltmarktführer unter den Waagenherstellern, galt damals als fraktales Vorzeigeunternehmen, das es verstand, an die Selbstverantwortung seiner Mitarbeiter zu appellieren und auf diese Weise Klein- und Großserien in wechselnden Rhythmen gewinnerzielend herzustellen. Im gleichen Zusammenhang zog damals die teilautonome Fertigung in der Produktion als neue Leitlinie in die Automobilindustrie ein.

Eines der Unternehmen, das sich auch heute zur fraktalen Organisation bekennt, ist die Hönigsberg & Düvel International Group. Das im IT-Bereich angesiedelte Unternehmen wuchs in den letzten Jahren von 60 auf über 1.200 Mitarbeiter, indem es sehr viel Wert auf Selbstverantwortung legte und damit die Möglichkeit zur Entscheidung rasch delegierte. Auch andere erfolgreiche und schnell wachsende Unternehmen wie der Systemgastronom Vapiano und die auf das Bevorratungsmanagement spezialisierte Würth Industrie Service – ein Tochterunternehmen der Würth AG – wenden diese Führungsprinzipien an.

Ein anderes Phänomen aus der Natur ist die Fähigkeit zur Anpassung und Spezialisierung, um die eigene Überlebensfähigkeit zu sichern. Diese lässt sich beispielweise beim Chamäleon und beim Ameisenbär auf eine sehr ausgeprägte Art und Weise beobachten. Beide haben sich in Kenntnis ihrer Umgebung perfektioniert: das Chamäleon, um selbst nicht so leicht zum Opfer zu werden, und der Ameisenbär, um sich in einer speziellen Nische als Nummer Eins gebärden zu können. Die gleiche Strategie zur Überlebenssicherung findet sich in der Unternehmensführung von Tchibo. Das Unternehmen mutiert seit Jahren. Ursprünglich Kaffeebohnenanbieter, eröffnete es Handelsunternehmen an über 800 Standorten und betreibt mittlerweile auch einen Online-Shop, in dem der Kunde sogar Gas bei seinem Energieversorger einkaufen kann. Das Modell funktioniert, weil die Kunden Tchibo vertrauen und die Philosophie „alles aus einer Hand“ schätzen.

Eine ganz andere Spezialisierungsstrategie fahren Avira oder Carthago Reisemobile. Avira programmiert Antivirensoftware, die bei nahezu jedem Problem hilft und weltweit eingesetzt wird. Carthago produziert Wohnmobile für das Premiumsegment. Beide Unternehmen wachsen seit Jahren mit einer „Ein-Produkt-Lösung“ nachhaltig und überdurchschnittlich. Beide kennen ihre Kunden und ihre Mitbewerber sehr genau. Sie stehen jeweils für bestimmte Markenversprechen, die der Markt entsprechend honoriert. Ähnlich wie in der Natur führen auch hier die unterschiedlichen Wege zum Erfolg, weil sie zur Umgebung passen und mit Konsequenz verfolgt werden.

Angebot ausdehnen und Kundenerfolg ausnutzen

Bambus kommt auf der ganzen Welt vor, gedeiht auch in unwirtlichen Regionen des Himalaya und der Anden. Seine unzähligen Verwendungsformen reichen vom Regenschirm über Baugerüste bis hin zur Delikatesse. Darüber hinaus gilt er im asiatischen Raum als Symbol für Freundschaft, Glück und ein langes Leben. Unternehmen, die sich national und international ausdehnen, tun gut daran, sich am Bambus zu orientieren. Warum, zeigt das Beispiel Produktvielfalt: Ein Produkt, das für eine nationale Kundengruppe von höchster Priorität ist, kann für andere Kundengruppen keinerlei Relevanz haben. Dies lässt sich am Beispiel eines Baugerüsts aus Bambus, das bei uns undenkbar wäre, gut nachvollziehen. Diese Produktdifferenzierungen sind jedoch nötig, um die weltweite Präsenz nicht zu bremsen. Zwei Beispiele:

  • McDonalds trägt den kulturellen Gewohnheiten seiner Kunden Rechnung, indem es vor einigen Jahren die über Jahrzehnte hinweg funktionierende, weltweite zentrale Strategie aufgab. Heute räumt es den Franchisebetreibern der Restaurants eine Mitgestaltung im Auftritt und im Angebot vor Ort ein.
  • Die Erkenntnisse des Neuromarketings werden zukünftig für ein reichhaltiges Angebot sorgen, speziell zugeschnitten auf unterschiedliche Konsumententypen. Einen ersten Anfang startete die Skiindustrie mit der Einführung des Damenski. Dieser wird deutlich weniger offensiv und wettkampflastig angeboten als ein Männerski.

Symbiotische Systeme in der Natur stellen im Kleinen wie im Großen eine der Existenzgrundlagen dar. Im Kleinen sind es beispielsweise die Putzerfische, die sich im Schatten ihres „Herrchens“ tummeln, seine Speisereste fressen und ihn von lästigen Parasiten befreien. Im Großen sind es Bäume und Sträucher, deren Fortbestand – und damit die für uns lebensnotwendige Photosynthese – nur durch die Bestäubung von Insekten möglich wird. Übertragen auf die Wirtschaftswelt lässt sich die Tendenz beobachten, dass sich einige Unternehmen mittlerweile sehr konkret in diese Richtung bewegen. Sie postulieren öffentlich, dass sie über den Erfolg ihrer Kunden wachsen. Wenn sie ihren Kunden helfen erfolgreich zu sein, fällt das automatisch auf sie zurück. Dementsprechend verhalten sie sich und bauen ihr Dienstleistungsangebot auf.

Ein Beispiel hierfür ist Jäger Direkt. Ein Unternehmen, das sich auf die direkte Belieferung des Elektrohandwerks spezialisiert hat. Sein erklärtes Ziel ist es, mit einer Fülle von Detaillösungen den Geschäftserfolg seiner Kunden zu verbessern. Ein anderes Beispiel stellt der Logistiker Simon Hegele dar. Sein erweitertes Geschäftsmodell besteht darin, Lösungen zu finden, die den Kunden in seiner Wertschöpfung weiter bringen. Aus diesem anspruchsvollen Ansatz resultieren ständig neue Einzellösungen, die nach erfolgreicher Implementation auch anderen Kunden angeboten werden können.

Obwohl die Natur mitunter grausam ist, besteht der rote Faden nicht in der Vernichtung, sondern in der friedlichen Koexistenz. In einem größeren Zusammenhang hängt alles voneinander ab. Dies erschließt sich uns als Betrachter nicht immer auf Anhieb, wie es an der Klimaerwärmung oder jüngst wieder an der Nahrungskette, an deren Ende unser Essenstisch steht, erlebbar wird. Das Denken in Zusammenhängen und Prozessen ist ungewohnt, weil es einfacher ist, Ursache und Wirkung zu betrachten. Doch diese Art des Denkens zieht immer weitere Kreise. Hierzu zählt die Bewegung vom Shareholder- hin zum Stakeholder-Ansatz ebenso wie das Thema Ökobilanz und die zunehmende Bedeutung der Nachhaltigkeit in der Unternehmensführung.

Ein Beispiel hierfür bietet die KACO new energy, die sehr gezielt darauf achtet, die Ressourcen für die Herstellung, den Versand und die Installation der Photovoltaikanlagen in ein angemessenes Verhältnis zur erwarteten Stromersparnis zu bringen. Werner & Mertz, ein Hersteller von Reinigungs- und Pflegemitteln, bemüht sich, in allen Prozessen dem Aspekt der Nachhaltigkeit Rechnung zu tragen. Dafür wurde er 2009 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.

Uneinnehmbare Marktpositionen erobern

Das Motto „Geht nicht, gibt´s nicht“ lässt sich auch sehr oft in der Natur entdecken:

  • Geckos, die mit ihren Fußlamellen wie angeklebt überall hinaufklettern können
  • Lachse, die aus dem salzigen Meer in die Süßwasserflüsse zurückkehren und über hunderte von Kilometern flussaufwärts springen
  • Storchenehepaare, die mit Millionen anderer Zugvögel ohne GPS jährlich zielsicher nach Hause fliegen

„Wenn wir das wollen, können wir das auch“ lautet die Parole, die immer mehr Unternehmen ausgeben, um Strapazen auf sich zu nehmen und Ziele zu erreichen, die anderen nicht so leicht möglich sind. So hat Jäger Direkt mit der Strahlemann-Stiftung eine Einrichtung geschaffen, mit der schwer vermittelbare Jugendliche erfolgreich den Einstieg ins Berufsleben schaffen. Sorgen um Fachkräfte kennt das Unternehmen nicht. Eckert & Ziegler Medizintechnik AG kümmert sich ganzheitlich um Themen der medizinischen Versorgung mit leicht radioaktiven Materialien. Hierzu zählt auch die professionelle Entsorgung dieser Stoffe – ein Prozessschritt, den nur wenige Unternehmen aufgreifen. Je größer die Hürde, umso uneinnehmbarer die Marktposition. Diesen Zusammenhang haben viele Unternehmen erkannt und klettern dazu, im übertragenen Sinne, an senkrechten Wänden hinauf.

Mit ein wenig Beobachtungsgabe lassen sich in der Natur zahlreiche konkrete Anregungen mit einer Menge Symbolkraft finden, aus denen wirkungsvolle Schlussfolgerungen für die erfolgreiche Unternehmensführung gezogen werden können. Dass diese Mechanismen auch bei Unternehmen anzutreffen sind, die bewusst oder intuitiv damit arbeiten, kann für viele Unternehmenslenker zum ermutigenden Vorbild werden. Es lohnt sich, der Natur auf die Finger zu schauen. Vor allem für Firmen, die systematisch wachsen wollen.