UnternehmenskulturScheitern erlauben!

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Wer scheitert, wird oft schnell als Loser abgestempelt. Deshalb wird Scheitern verdrängt und verschwiegen. Ein Plädoyer für einen anderen Umgang damit.
erschienen: 16.11.2016
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Was ist ein Fuck-up? Das Gegenteil eines Start-ups. Zumindest eine mögliche Konsequenz hiervon. Jahr für Jahr werden allein in Deutschland zirka 300.000 Unternehmungen gegründet, also mehr als 800 pro Tag. Doch nur jedes Zehnte hat Erfolg. Das heißt: Bei zirka 270.000 Jungunternehmern und Selbstständigen ist das Scheitern vorprogrammiert.

Wer scheitert, ist hierzulande in der Regel nicht stolz auf diese Erfahrung und die Lehren, die man daraus ziehen kann. Man erzählt wenig bis nichts davon, leckt seine Wunden und startet gereift und gestärkt neu durch. Wer scheitert, schweigt. Denn scheitern ist tabu. Es riecht nach Schwäche, schmeckt nach Fehlern. Im besten Fall erzeugt es Mitleid. Im schlimmsten Fall ist der Misserfolg ein scharlachrotes Brandmal. Das Umfeld reagiert mit Abneigung und Ausgrenzung, versteckter Schadenfreude oder Häme. Ein Loser zu sein ist nicht lustig. Es ist peinlich.

Übers Scheitern zu sprechen befreit

Seit einigen Jahren zeichnet sich jedoch ein Trend ab, der mit dem Tabu des Scheiterns bricht. Die Mexikanerin Leticia Gasca hatte die Geschäftsidee, Indio-Kunsthandwerk übers Internet zu verkaufen. Die Umsetzung ging schief. Zunächst hatte die junge Unternehmerin Hemmungen über ihr Scheitern zu sprechen. Doch dann erzählte sie Freunden davon und merkte, wie wichtig es für sie war, diese Erfahrung zu teilen. So entstand die Idee der sogenannten „FuckUp-Nights“ – Treffen, die Raum geben, Geschichten vom eigenen Scheitern zu erzählen. Viele Gescheiterte nahmen dieses Treffen wahr, denn hier war es erlaubt, offen über ihr Scheitern zu sprechen. Sie erlebten das wie eine Katharsis, wur­den wieder frei von Scham, Angst und Selbstverurteilung. Frei für den nächsten Versuch.

Inzwischen hat dieser Trend viele Länder erfasst. In zahlreichen Großstädten finden regelmäßig solche Loser-Treffen statt: Storytelling, um das Erlebte zu verarbeiten. Misserfolge salonfähig machen. Das ist ein sinnvoller Weg, um nicht in einer Art Schockstarre zu verharren, sondern wieder Mut zu fassen, aufzustehen und durchzustarten.

Scheitern als Prinzip verankern und aus Erfahrungen lernen

Solche Foren und Freiräume sind nötig – auch in Unternehmen. Denn nicht nur viele Vorstände, Manager und Führungskräfte, sondern auch Mitarbeiter, die operative Verantwortung tragen, scheuen sich zunehmend, Risiken einzugehen, aus Angst zu scheitern, am (gesellschaftlichen) Pranger zu stehen, das Stigma „Loser“ auf der Stirn zu tragen.

Doch wer soll noch herausfordernde Aufgaben übernehmen und zukunftsweisende, risikobehaftete Entscheidungen treffen, wenn wir eine Kultur tolerieren, die ein Scheitern verurteilt? Was passiert dann mit dem Unternehmergeist, dem Pionierdenken, der Entdeckerfreude, dem Veränderungswillen, der die Unternehmen und letztlich unsere Gesellschaft vorantreibt?

Thomas Edison, der Erfinder nicht nur der Glühbirne, erhob das Fehlermachen und Scheitern zum Prinzip. Als ein Mitarbeiter nach dem tausendsten Versuch, eine marktreife Glühbirne zu entwickeln, sagte: „Wir sind gescheitert.“, soll Edison erwidert haben: „Ich bin nicht gescheitert. Ich kenne jetzt Tausend Wege, wie man keine Glühbirne baut.“ Dieses Denken fehlt uns zunehmend. Wir haben vergessen, wie wertvoll die Erfahrungen sein können, die Menschen bei Misserfolgen sammeln: Sie heben den Reifegrad und verbessern die Performance bei den nachfolgenden Aufgaben und Versuchen – wenn die Erfahrungen reflektiert und verar­beitet werden.

„FuckUp-Meetings“ als Chance, offen mit Fehlern umzugehen

Viele Unternehmenskulturen fördern eine Kultur des Scheiterns nicht. Leider. Hier erhalten Menschen, die gescheitert sind, selten eine zweite Chance. Vielleicht sollte es auch in den Unternehmen „FuckUp-Nights“ oder „FuckUp-Meetings“ geben, in denen Mitarbeiter freimütig darüber berichten, wie sie zum Beispiel ein Projekt krachend gegen die Wand fuhren, eine Auftragschance so richtig vergeigten, einer absoluten Fehleinschätzung unterlagen oder zu lange an einer falschen Strategie festhielten. Außer die Köpfe der Gescheiterten würde das auch die Köpfe vieler Kollegen wieder freier machen, die in einer ständigen Angst leben, ihnen dürfe so etwas nicht passieren.

Auch die Personalverantwortlichen sollten umdenken. In vielen Unternehmen bedeutet zum Beispiel ein gescheitertes Projekt noch das Karriere-Aus. Also wird das sich abzeichnende Scheitern so lange verschwiegen, bis die Fehlentwicklung zum Himmel stinkt. Mittelmäßige Ergebnisse werden so stark beschönigt, dass sie in gleißendem Licht erstrahlen.

Die Frage nach dem Scheitern im Bewerbungsgespräch

Bewirbt sich ein gescheiterter Selbstständiger bei einem Unternehmen, wird er in der Regel mit Glacéhandschuhen angefasst. Dabei sollten solche Bewerber einen Bonus haben, schließlich bewiesen sie Eigeninitiative und Eigenverantwortung. Sie wissen, wie man gewisse Dinge nicht machen sollte, wenn man erfolgreich sein möchte.

Wie wäre es also, wenn Personalverantwortliche Bewerber, die sich für eine Position bewerben, bei der viel Eigeninitiative und Eigenverantwortung gefragt ist, im Vorstellungsgespräch fragen: „Sind Sie in Ihrem Berufsleben oder in ihrem Leben an sich schon einmal so richtig gescheitert? Was haben Sie daraus gelernt?“ Hat der Bewerber auf die erste Frage keine Antwort, dann sollte man tunlichst darüber nachdenken, ob man ihn überhaupt einstellt. Denn dann hat er die für seine künftige Position notwendigen, sehr wichtigen Erfahrungen noch nicht gemacht. Oder er hat sie verdrängt. Oder er lügt. In allen drei Fällen ist er wohl nicht der Richtige.

Fazit

Wer negativ über Scheitern denkt und es per se verurteilt, beraubt sich selbst vieler Lernchancen. Gleiches gilt für Unternehmen: Sie sollten die Fehler ihrer Mitarbeiter als Chance begreifen, es das nächste Mal besser zu machen. Scheitern gehört zum Leben dazu, es darf nicht zum Brandmal oder zur Grundlage für eine Stigmatisierung werden.

Über den Autor
Dr. Georg Kraus

Dr. Georg Kraus ist geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung Dr. Kraus & Partner. Für das Unternehmen arbeiten über 100 Berater, Trainer und Projektmanager. Herr Dr. Kraus ist Autor des „Change Management Handbuchs“ sowie zahlreicher Projektmanagement-Bücher.

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