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UnternehmensphilosophieWas Strategen von Sartre lernen können

Wer das strategische Denken beherrscht, kann gewiefte Strategien und Pläne entwickeln. Viele Anregungen dafür finden sich in der Philosophie - wie zum Beispiel bei Sartres Existenzialismus.
erschienen: 16.04.2010

Die Welt wird immer unübersichtlicher und komplexer - das wird allenthalben behauptet. Strategen und Marketingexperten fällt es deshalb immer schwerer, ihre Kunden in eindeutige Schubladen zu stecken. Viele Instrumente zur Vorhersage von Entwicklungen und Verhalten verlieren ihre Wirkung.

Die Aufgabe der Philosophen ist es, Sinn und Orientierung zu vermitteln. Dass Strategen dabei ausgerechnet bei Jean-Paul Sartre nachschlagen, mag etwas verwundern. James Ogilvy von Global Business Network hat dies getan. Er befasst sich seit vielen Jahren mit Komplexität in Wirtschaft und Zukunftsmanagement. Beim französischen Philosophen sucht er nach Anregungen zur strategischen Planung und nach Möglichkeiten, das Verhalten von Kunden zu verstehen und damit die Entwicklung von Märkten besser vorherzusagen.

Warum sucht er gerade bei Sartre? Seine These lautet, dass die modernen Kunden in den letzten Jahren ihre "existenzielle Freiheit" entdeckt hätten. Was liegt also näher als beim existenzialistischen Philosophen nachzuschlagen? Er findet dort fünf Prinzipien der "existenzialistischen Strategie":

1. Endlichkeit

Am Anfang steht die Einsicht, dass man in seinen Mitteln immer beschränkt ist. Man kann es nicht jedem Kunden recht machen. Man muss "Nein" sagen können. Entscheidungen fällen bedeutet, Möglichkeiten auszuschließen. Das bedeutet immer auch Fokussierung. Das Unternehmen konzentriert sich auf das, was es kann und lässt alles andere weg. So erarbeitet es sich seine entscheidenden Wettbewerbsvorteile.

2. Sein-zum-Tode

Kein Unternehmen kann damit rechnen, dass es unendlich lange existiert. Im Gegenteil, auch die größten müssen mit ihrem Scheitern rechnen und mit ihrem Ende. Die Wirtschaftsgeschichte kennt viele solche Beispiele - nicht immer muss es der Konkurs sein. Hoechst ging in Aventis auf, Aventis fusionierte mit Sanofi. Mannesmann heißt schon lange Vodafone, und aus dem Röhrenhersteller wurde ein Mobilfunkanbieter. Vorausschauende Unternehmen wissen, dass sie nicht unendlich leben und wirtschaften können; sie bereiten sich auf ihr Ende oder ihre Verwandlung vor.

3. Sorge

Die Ziele und Interessen eines Unternehmens sollten mehr umfassen als die Maximierung des Return-on-Investments (ROI) oder des Shareholder Value. Jedes Unternehmen muss für sich selbst herausfinden, wofür es steht, was seine Werte sind, worum es ihm im Kern geht. Das lässt sich nicht planen und berechnen; es muss herausgefunden werden und in Visionen, Missionen und Zielen leben. Die Kunden erkennen und verstehen das und sie werden das Unternehmen genau dafür schätzen.

4. Geworfenheit

Es gibt eine Vergangenheit. Sie bestimmt, wo ein Unternehmen steht, was es kann, welche Erfahrungen es mitbringt, wo seine Stärken liegen, was die Kernkompetenzen sind, wie es sich im Wettbewerb durchsetzt. Das Unternehmen muss seine Vergangenheit kennen und nutzen. IBM hat seine Erfahrungen aus der Herstellung von Lochkarten genutzt, um Computer zu bauen. Auch der Unternehmensgründer und Entrepreneur knüpft an sein Wissen, sein Know-how und an seine bestehenden Kontakte an.

5. Eigentlichkeit

Die Vergangenheit legt keine Fesseln an. Es gibt immer die Möglichkeit und die Freiheit zur Innovation und zum Wandel. Wichtig ist, dass diese Freiheit nicht grenzenlos ist. Neue Produkte und Dienstleistungen müssen zu dem passen, was das Unternehmen bislang erreicht hat. Sie müssen auch zu den Werten und Zielen des Unternehmens passen. Umso wichtiger ist die Vision: Sie steckt den Rahmen ab, in dem sich unternehmerische Handlung entfalten kann. Ein Beispiel: Ölkonzerne investieren in Solarenergie.

Nun am Ende stellt man fest, dass auch der Ausflug in die Philosophie nicht unbedingt zur Übersichtlichkeit in der strategischen Planung beigetragen hat. Auf den ersten Blick scheinen sich die fünf Prinzipien zu widersprechen. Auf den zweiten Blick kommt gerade aus dieser Spannung das Potenzial für erfolgreiche Unternehmensstrategien - denn sie fördern das strategische Denken.

Den ausführlichen Beitrag lesen Sie hier: James Ogilvy: What Strategists Can Learn from Sartre. In an uncertain world where competitive advantage is insecure, setting strategy must become an existential exercise.

[jf; Bild: rosendo - Fotolia.com]