VolitionskompetenzMit Willenskraft mehr erreichen

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Viele Manager haben zwar viel vor, setzen aber nichts oder nur wenig wirklich um. Was ihnen fehlt, ist die Fähigkeit, Ziele in Ergebnisse zu verwandeln.
erschienen: 01.06.2016
Schlagwörter: Selbstmanagement
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Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Herr Y, Marketingleiter eines internationalen Biotechnologie-Unternehmens, hat sich auf eine neue Stelle beworben. Im Arbeitszeugnis werden seine Erfahrungen und sein Engagement gelobt. Neben seinen fachlichen Fähigkeiten werden seine außerordentliche Leistungsstärke und Motivation hervorgehoben. Auch als Persönlichkeit hat er mit seinen sozialen Kompetenzen überzeugt. Doch es fehlen andere entscheidende Informationen: messbare Ergebnisse. Damit werden die Lobgesänge quasi ins Gegenteil verkehrt. Herr Y hat große Räder gedreht, dabei aber nicht viel umgesetzt – im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, die mit eher bescheidenen Ressourcen beeindruckende (unternehmerische) Erfolge erzielen wie etwa die zahlreichen mittelständischen Weltmarktführer.

Viele Manager haben große Ziele und verzetteln sich

Das Beispiel zeigt: Fachliches Können, Motivation und Leistungsbereitschaft allein reichen nicht aus, um beruflich erfolgreich zu sein. Viele Führungskräfte sind zwar fachlich versiert, arbeiten mehr als 60 Stunden die Woche und haben ambitionierte Ziele. De facto wissen sie jedoch nicht, worauf es wirklich ankommt. Oder sie sind höchst motiviert, verzetteln sich jedoch und tun sich schwer, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Gemeinsam haben diese Führungskräfte, dass sie am Ende ihre Ziele nicht erreichen. Ihnen fehlt die Volitionskompetenz, die Fähigkeit, Vorhaben und Ziele in Ergebnisse umzuwandeln.

Der Managementdenker Peter Drucker hatte bereits 1954 in seinem Buch „The Practice of Management“ indirekt auf die Bedeutung der Volition verwiesen, forderte er doch eine Managementpraxis, die auf der Fähigkeit zur Selbststeuerung beruht. Später bezeichnete Drucker die Fähigkeit, sich als Führungskraft selbst ergebnisorientiert steuern zu können, gar als Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts.

Selbststeuerung führt zu besseren Leistungen

Mittlerweile belegen Studien der Neurowissenschaften, Psychologie und der Managementwissenschaft die hohe Bedeutung der Volition: Menschen mit ausgeprägten Fähigkeiten zur Selbststeuerung, so zeigen die Befunde, erbringen überdurchschnittliche Leistungen, leiden weniger unter Stress, entwickeln bessere persönliche Beziehungen und bewältigen emotional belastende Situationen wesentlich effizienter. Kurzum: Sie sind beruflich und privat erfolgreicher, da sie über die nötige Willenskraft und Kompetenz verfügen, um Hindernisse und Rückschläge zu überwinden und um unbeirrt auf Kurs zu bleiben, bis sie ihr Ziel erreicht haben.

Forscher der London Business School und der Universität St. Gallen haben zum Beispiel herausgefunden, dass Volitionskompetenzen – auch als Umsetzungskompetenzen bezeichnet – erforderlich sind, um den wachsenden Anforderungen des Arbeitslebens zu entsprechen und Wirkung zu erzeugen. Doch nur zehn Prozent der Führungskräfte verfügen über die geforderten Umsetzungskompetenzen, während rund 40 Prozent extrem fleißig bis hyperaktiv, aber erfolglos sind, während die übrigen 50 Prozent als zaudernd oder distanziert gelten. Unternehmerisch wichtige Aufgaben schieben sie vor sich her. Stattdessen sind sie ständig damit beschäftigt, Fehler vermeiden zu wollen.

Fünf Teilkompetenzen von Volition

Wie lässt sich feststellen, wie willensstark ein Mensch ist? Willenskraft als Ganzes ist schwer fassbar. Inzwischen jedoch ist bekannt, dass Volition aus fünf Teilkompetenzen besteht, die sich wiederum als Verhaltensbeschreibungen darstellen und somit auch messen lassen:

Aufmerksamkeitssteuerung und Fokussierung

Willensstarke Menschen mobilisieren ihre Energie durch eine konsequente Fokussierung auf klare Ziele, die sie aus ihren authentischen Werten herleiten. Das gibt ihnen die Kraft, zahlreiche Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden.

Emotions- und Stimmungsmanagement

Wer über eine hohe Volition verfügt, kann sich sehr gut in eine positive Stimmung versetzen und ist darüber hinaus in der Lage, konstruktiv mit negativen Gefühlen umzugehen. Solche Menschen lassen sich von dem Prinzip leiten, dass positive Gefühle bei der Umsetzung von Absichten helfen. Zudem können sie sich gut in die Gedanken- und Gefühlswelt anderer hineinversetzen und deren Verhalten antizipieren.

Selbstvertrauen und Durchsetzungsstärke

Die Fähigkeit zur Selbststeuerung schließt eine starke Selbstwirksamkeitsüberzeugung ein. Willensstarke Menschen sind sich ihrer Fähigkeiten bewusst und vertrauen auf diese. So finden sie auch immer Mittel und Wege, um aus Schwierigkeiten zügig herauszukommen. Widerstände und Probleme werden insgesamt als (machbare) Herausforderungen begriffen.

Vorausschauende Planung und Problemlösung

Willensstarke Menschen sind proaktiv und vorausschauend. Sie erledigen unangenehme und schwierige Probleme sofort statt sie auszusitzen oder Entscheidungen vor sich herzuschieben. Unter Planung verstehen sie in erster Linie nicht die Voraussage der Zukunft, sondern die Vorbereitung auf eine ungewisse Zukunft.

Zielbezogene Selbstdisziplin

Menschen mit hoher Volition erkennen früher als andere, was in einer Situation notwendig ist und setzen ihre Erkenntnisse konsequent um. Sie verfügen über ein hohes Maß an Selbstdisziplin und können plötzliche Impulse, Ablenkungen oder Verlockungen wirksam kontrollieren. Diese Disziplin kommt nicht aus einem selbst auferlegten Zwang. Vielmehr erkennen sie den tieferen Sinn in dem, was sie tun.

Volitionskompetenz schon bei der Personalauswahl prüfen

Insgesamt empfiehlt sich, bereits bei der Personalauswahl die volitionalen Fähigkeiten von Bewerbern zu prüfen – quasi als Prädiktoren für zukünftigen Erfolg. Das Wissen um die einzelnen Umsetzungskompetenzen macht es darüber hinaus möglich, Führungskräfte dabei zu unterstützen, mehr Willensstärke zu entwickeln. Um festzustellen, was trainiert werden muss, können die Beschreibungen der Teildimensionen zum Beispiel als Grundlage für sogenannte Verhaltensinterviews in einem Management-Audit dienen. In der Regel verschaffen sich dabei zwei Gutachter einen Eindruck von den Kompetenzen des Kandidaten. Aus den erstellten Gutachten lassen sich die notwendigen Entwicklungsmaßnahmen für die Teilnehmer ableiten.

Eine größere Validität wird erzeugt, wenn die Verhaltensbeschreibungen im Rahmen eines 360-Grad-Feedbacks eingesetzt und die Ergebnisse mit dem Selbstbild der Führungskraft verglichen werden. Die Diagnose der Umsetzungskompetenzen beruht dann auf einem Test zur Selbsteinschätzung sowie den Einschätzungen des Kandidaten durch den Vorgesetzten beziehungsweise durch Teammitglieder, Mitarbeiter und Kollegen.

Zur weiteren Steigerung der Objektivität empfehlen sich Kompetenzinterviews, weil diese eine wesentlich höhere prognostische Validität haben als biographische Interviews oder Persönlichkeitstests. Wichtig dabei ist: Die Kompetenzinterviews müssen unternehmensspezifisch sein und sich an den Aufgaben orientieren, die der Kandidat in seinem Umfeld zu bewältigen hat. Nur dann wird beispielsweise deutlich, ob sich ein Manager auf jene Dinge fokussiert, die für den Unternehmenserfolg auch relevant sind. Zudem machen die Interviews nur Sinn, wenn der Kandidat seine persönlichen und beruflichen Ziele festgelegt hat.

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Über den Autor
Dr. Waldemar Pelz

Dr. Waldemar Pelz ist Professor für Unternehmensführung und Betriebswirtschaftslehre an der FH Giessen. Der renommierte Führungskräfteentwickler leitet zudem das Institut für Management-Innovation als Steinbeis Transferzentrum.

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