WertschätzungAuch „kleine“ Mitarbeiter verdienen Respekt

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Respekt wird oft nur denen gezollt, die Großes leisten, reich und mächtig sind. Doch wer wertschätzt eigentlich die „kleinen“ Mitarbeiter? Ein Kommentar von Ulf D. Posé.
erschienen: 17.12.2014
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Wir rufen nach Werten. Der ehrbare Kaufmann soll wieder regieren, die Menschlichkeit in die Chefetagen einziehen. Das sind Forderungen, die – je nach Wirtschafts- und Nachrichtenlage – immer wieder laut werden. Dabei haben wir Werte in Hülle und Fülle. Was wir haben, ist kein Mengenproblem, sondern ein Qualitätsproblem.

Werte sind so eine Sache. Auch die Mafia hat sie, nur eben nicht die, die wir für wertvoll halten. Was sind überhaupt Werte? Wir finden sie im Handeln der Menschen, nicht in ihren Worten. Für Unternehmen gilt das gleiche. Mitarbeiter haben dafür ein feines Gespür. Sie glauben nur an die Werte, die aus Taten sprechen; die Philosophie des Unternehmens spielt dabei überhaupt keine Rolle. Wenn zum Beispiel jemand entlassen wird, dann schauen sie, wie und warum das geschah – und entdecken so die tatsächlich gelebten Werte. Sind diese nicht deckungsgleich mit den wohlformulierten Leitlinien, dann verlieren Führungskräfte ihre Glaubwürdigkeit – und die Loyalität der Mitarbeiter.

Mitarbeiter dürfen nicht nur Mittel zum Zweck sein

Damit stellt sich die Frage, welche Werte in unserer Gesellschaft tatsächlich gelebt werden. Im Grundgesetz steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar, sie zu achten und zu schützen ist Aufgabe aller staatlichen Gewalt.“ Wir haben also einen Staatsauftrag, die Würde eines jeden zu schützen. Aber tun wir das auch? Immanuel Kant hat die Frage nach der Würde so beantwortet: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Personen als Zweck meines Handelns, das ist Würde. Sobald ich einen Mitarbeiter jedoch nur als Mittel betrachte, entwürdige ich ihn. Dennoch erscheint mir der tatsächlich gelebte Wert in unserem Grundgesetz eher zu lauten: Besitzstände sind unantastbar.

Die höchsten Werte unserer Gesellschaft

Wenn wir nach den tatsächlich gelebten Werten in Unternehmen forschen, dann sollten wir uns fragen, wann wir die Würde eines Mitarbeiters achten. In unserer Gesellschaft erzeugen vor allem vier Werte Respekt: Wir achten einen Menschen erstens, wenn er besonders erfolgreich ist, viele Kunden überzeugt und die „Big Points“ macht. Wir gehen zweitens respektvoll mit jemandem um, der Karriere macht, viele Mitarbeiter führt und Macht besitzt. Drittens schätzen wir die Leistungsträger, die mit ihrem Output alle anderen überflügeln. Und viertens mögen wir noch diejenigen, die viel Geld verdienen, aus einem guten „Stall“ kommen und reich sind. Erfolg, Macht, Leistung und Reichtum sind die höchsten Werte in unserer Gesellschaft.

Geringverdiener werden oft wenig respektiert

Gering verdienende Mitarbeiter ohne Macht oder strahlende Erfolge hingegen genießen in vielen Unternehmen kaum Respekt. Nicht, dass wir uns missverstehen: Ich habe nichts gegen Erfolg, Reichtum, Macht und Leistung. Ich habe etwas gegen das Absolute in diesen Werten. Ich finde es eine furchtbare Vorstellung, dass jemand mit dem Verlust von Macht, Reichtum, Erfolg und Leistung an menschlicher Würde verlieren könnte. Ich wünsche mir zusätzlich andere Werte, die als Kontrolle dieser vier dienen könnten, damit es zu einem sozialverträglichen Miteinander in einem Betrieb, in unserer Gesellschaft kommt.

Von Kindern lernen

Dabei können wir uns an Kindern orientieren, die ihre eigenen Werte pflegen. Ihnen ist nicht wichtig, wie viel jemand hat oder wie gut die Schulnoten sind oder ob jemand aus einer „wichtigen“ Familie stammt. All das lernen sie erst später. Kinder pflegen Werte wie Wohlwollen und Dankbarkeit. Kindern können auch verzeihen. Sie können im Kleinen glücklich sein. Es wäre für jedes Unternehmen, für das sozial verträgliche Miteinander hilfreich, wenn gerade die „kleinen“ Mitarbeiter ihre Würde bewahrt sehen, etwa indem der Chef ihnen sein Wohlwollen und seine Dankbarkeit zeigt. Machbar wäre es.

Über den Autor
Ulf D. Posé

Ulf D. Posé ist freier Dozent für Dialektik und Führungslehre, Managementtrainer, Buchautor und Wirtschaftsjournalist. Er begann seine Karriere als Hörfunk- und Fernsehjournalist. Von 2003 bis 2013 war er Präsident des Ethikverbandes der Deutschen Wirtschaft e. V.. Seit 2010 ist er Präsident der Akademie des Senats der Wirtschaft e. V..

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