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WirtschaftskriminalitätDie vier Idealtypen von Wirtschaftstätern

Sobald sich ihm eine Gelegenheit bietet, greift er zu – der Wirtschaftstäter. Welche Maßnahmen führen ihn zu dieser Tat und was können Unternehmen dagegen tun?
erschienen: 15.09.2009
Schlagwörter: Controlling, Compliance
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Zahlreiche Umfragen belegen, dass die Zahl der Wirtschaftsstraftäter durch die Wirtschafts- und Finanzkrise zunimmt. Die aktuelle Studie zu Wirtschaftskriminalität, die RölfsPartner und die Universität Leipzig unter Leitung von Prof. Dr. jur. Hendrik Schneider durchgeführt haben, zeigt, wie Unternehmen sich davor schützen können.

Dabei diente eine Kombination von Einsicht in Gerichtsurteile und eine Auswertung von Praxisausfällen, die eine wissenschaftlich fundierte Typologie erstellte. Aus dieser hat das Expertenteam des RölfsPartner Competence Centers Fraud - Risk - Compliance unter Leitung von Dieter John praxisnahe Empfehlungen zur Prävention und Untersuchung von Verdachtsfällen abgeleitet.

Nach Dieter John sollen gerade in der Krise Unternehmen verstärkt auf Prävention setzen. Professor Schneider sagt:

"Unsere Studie belegt, dass es den Wirtschaftsstraftäter so nicht gibt. Doch sie erklärt das Zusammenspiel von Tatgelegenheit und Persönlichkeitsdisposition des Täters, die zu einer typischen Täterkarriere führt."

Ein Beispiel soll diesen Tatbestand verdeutlichen:

Ein bislang loyaler Mitarbeiter gerät in eine persönliche Krise, weil sein Arbeitsplatz bedroht ist. Er entdeckt in seinem Unternehmen zufällig eine Tatgelegenheit, die er ergreift - auch um seine Frustration zu kompensieren. Er wird nicht entdeckt, da aufgrund von Sparmaßnahmen die interne Revision abgebaut worden ist. Er wiederholt sein Tatmuster bei nächster Gelegenheit. Bestärkt durch die Erfolgserlebnisse sucht er bald gezielt nach Tatgelegenheiten.

Dieses Beispiel beschreibt die beiden Ebenen, auf denen die Studie neue Erkenntnisse liefert:

  • Die situative Ebene (Beziehung Täter-Tatgelegenheit) und

  • die personale Risikokonstellation (Persönlichkeit des Täters).

Auf der situativen Ebene sind zwei Tätertypen zu unterscheiden: zum einen der Täter, der eine günstige Gelegenheit ergreift, weil sie sich gerade bietet (Gelegenheitsergreifer) und zum anderen derjenige, der sie zielstrebig sucht (Gelegenheitssucher). Der Gelegenheitsergreifer ist der langjährige zuverlässige Mitarbeiter, der besonderes Vertrauen genießt und durch ein Kontrolldefizit zum Täter wird. Wird er vom Unternehmen nicht gestoppt, wird er möglicherweise zum Gelegenheitssucher, welcher mit krimineller Energie seine Tat plant.

Des Weiteren wurde die personale Risikokonstellation untersucht. Professor Schneider beschreibt:

"Wir konnten vier Idealtypen herausarbeiten: Den Täter mit wirtschaftskriminologischem Belastungssyndrom ("den Chronischen"), den Krisentäter, den Abhängigen und den Unauffälligen. Der Krisentäter trat dabei am häufigsten auf. Persönliche oder berufliche Umbrüche sind oft die Auslöser für wirtschaftskriminelles Handeln."

Dieter John sieht seine Erfahrungen aus der Praxis bestätigt:

"Wirtschaftsstraftäter sind oft Menschen wie du und ich, die erst in einer kritischen Lebenssituation ihre Tat begehen. Wer in einer Wirtschaftskrise die Umsatzvorgaben für den Vertrieb nicht anpasst oder die Kontrollen, etwa durch Abbau der internen Revision, reduziert, darf sich nicht wundern, wenn es in seinem Unternehmen zu Wirtschaftskriminalität kommt. Wer hingegen in der Krise auch für ein gutes Betriebsklima sorgt, schützt sein Unternehmen".

Bislang waren unternehmerische Präventionsstrategien auf die Reduktion von Tatgelegenheiten fokussiert. Die in dieser Studie erarbeiteten Idealtypen lassen Rückschlüsse auf Motivation und Rechtfertigung der Täter zu. Hierdurch finden Unternehmen ganz neue Ansatzpunkte:

Der Chronische:

  • wirtschaftskriminologisches Belastungssyndrom;

  • Gelegenheitssucher;

  • Häufig Quereinsteiger mit wechselnden Jobs;

  • Ausschweifender Lebensstil „earning&burning money“;

  • Einziger Tätertyp mit Vorstrafen;

  • Keine Neutralisierungsstrategie;

  • Seine Einstellung kann unter anderem durch ein polizeiliches Führungszeugnis verhindert werden.

Der Krisentäter:

  • Taucht am häufigsten auf;

  • Gelegenheitsergreifer oder Gelegenheitssucher;

  • Aufstiegsorientierte Person mit kontinuierlicher Erwerbsbiografie;

  • Wird durch besonderes berufliches oder privates Ereignis zum Täter;

  • Inadäquates Anspruchsniveau;

  • Ausgeprägte Neutralisierungsstrategien;

  • Hohe Geständnisbereitschaft;

  • Kann durch Prävention und Sensibilisierung der Führungskräfte von seiner Tat abgehalten werden.

Der Abhängige:

  • Gelegenheitsergreifer;

  • Nutzt eine sich bietende Gelegenheit;

  • Handelt oft weisungsunterworfen;

  • Fürchtet Repressionen im Fall von Gefolgschaftsverweigerung.

Der Unauffällige

  • Nutzt eine sich bietende Gelegenheit;

  • Sozial unauffällig;

  • Hat allenfalls kritische Relevanzbezüge;

  • Seine Tat erklärt sich nur aus der Tatgelegenheit;

  • Bei dem Unauffälligen wie dem Abhängigen verhindern Prävention und angemessene Prozesskontrolle die Tatgelegenheiten;

  • Tat erklärt sich nur aus der Tatgelegenheit.

Das untersuchte Sample deckt sich mit bisherigen wissenschaftlichen Studien: Der durchschnittliche Wirtschaftsstraftäter ist verheiratet, deutscher Nationalität, männlich, mit geringen Vorstrafen, überdurchschnittlicher Bildung und begeht seine Tat erst mit 44 Jahren, ist somit ein "latecomer to crime".

Zur Studie

Die komplette Studie finden Sie hier:

Der Wirtschaftsstraftäter in seinen sozialen Bezügen

[Svetlana Miassoedov; Quelle: RölfsPartner; Bild: Fotolia.com]

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