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WissenschaftUnternehmer entdecken die Neurobiologie für sich

Lassen Sie sich von den Erkenntnissen der Neurowissenschaften inspirieren. Sie werden entdecken, welche Konsequenzen das für Sie als Unternehmer hat.
erschienen: 30.03.2010

Die Neurobiologie ist ein spannendes Gebiet, das für Sie als Unternehmer vielleicht ganz neu ist. Es geht um darum, wie Sie und Ihr Unternehmen von dieser jungen Wissenschaft profitieren können. Soviel zu Anfang: Es lohnt, sich als Unternehmer damit auseinandersetzen.

StichwortNeurobiologie

Die Neurobiologie beschäftigt sich mit dem Aufbau des Nervensystems sowie mit der Funktionsweise einzelner Nervenzellen und ihres Zusammenwirkens. Es geht dabei unter anderem um Prozesse der Wahrnehmung, des Lernens und unsere inneren Motivatoren.

Die Erkenntnisse der Neurobiologie verändern die Sichtweise auf die Bedürfnisse von Menschen und auf die Motive, die schlussendlich auch jedes Unternehmen antreiben. Bis Mitte der 1990er Jahre legten die Volks- und Betriebswirtschaften ihren Überlegungen die Annahme zugrunde, dass Menschen und Unternehmen sich primär als rational agierende Entscheider verhalten.

Mittlerweile weiß man, dass bei Menschen rationales Verhalten und primär vernunftgesteuerte Entscheidungen eher die Ausnahme denn die Regel sind. Und das gilt nicht nur für den persönlichen Bereich von Menschen, sondern ebenso für (scheinbar) rationale Entscheidungen im Geschäftsleben.

Mehr noch: Die Neurobiologie konnte im letzten Jahrzehnt nachweisen, dass Menschen – wie alle Lebewesen - Gegensatz zu Darwins Evolutionstheorie, nicht auf Wettbewerb, Konkurrenz, Überlegenheit und Stärke konzipiert wurden, sondern letztendlich über Zugehörigkeit, Miteinander und Kooperation funktionieren.

Über das Gehirn und seine Belohnungssysteme

Unser Gehirn besteht aus Milliarden von Nervenzellen, Neuronen genannt, die sich miteinander zu komplexen Strukturen verbinden und Bereiche im Gehirn vernetzen, die ganz verschiedene Aufgaben haben. Diese Netze verändern sich ständig in Abstimmung an die Anforderungen, die unser Gehirn zu lösen hat. Letztendlich bilden sie unsere Erlebnisse, Erfahrungen, unser Wissen und die von uns erlebten Gefühle ab.

Miteinander verbundene Neuronen kommunizieren über Botenstoffe. Je nach Art und Menge des Botenstoffs werden Informationen übermittelt, die in nachgelagerten Nervenzellen Reaktionen auslösen. Von außen wahrgenommene Eindrücke und Geschehnisse beurteilt das Gehirn durch den Vergleich mit diesen bereits gemachten Erfahrungen und den dabei erzielten Resultaten.

Unser Gehirn wurde darauf hin konzipiert, mit seinen Entscheidungen bestmöglich die Erhaltung und Entwicklung unserer Spezies sicher zu stellen. Als besonders förderlich dafür hat sich aus der Perspektive unseres Gehirns (und der dabei zugrunde liegenden evolutionären Erfahrungen) offensichtlich soziale Resonanz und Kongruenz, das Miteinander von Menschen und gemeinsames Vorgehen erwiesen. Deshalb setzt unser Motivations- und Belohnungssystem im Gehirn genau hier an.

Dieses Motivationssystem wird entscheidend geprägt vom Botenstoff Dopamin, den Opioiden und von Oxytozin. Dopamin ist ein Botenstoff, der Wohlbefinden, Konzentration und Handlungsbereitschaft bewirkt. Opioide haben einen positiven Einfluss auf die Lebensfreude und stärken das Immunsystem. Der „Zusammengehörigkeitsbotenstoff“ Oxytozin fördert soziale Bindungen, er bewirkt Wohlgefühl, sorgt für Entspannung, senkt den Blutdruck, dämpft Ängste und Stress.

Unser Gehirn erinnert sich übrigens sehr gut an Ereignisse und Personen, die unser Oxytozin-Level gesteigert und damit für gute Gefühle gesorgt haben: Aus diesen Erinnerungen erwächst dann unser Vertrauen.

Die motivierenden Botenstoffe werden immer dann verstärkt ausgeschüttet, wenn wir Ziele erreichen, die unserem Gehirn (!) als lohnenswert erscheinen. Das sind primär – so zeigt die Wissenschaft – Ziele, die mit Zuwendung, Wertschätzung, Anerkennung, Zuneigung oder Liebe in Verbindung stehen. (Für unser Gehirn ganz besonders attraktiv sind übrigens Lachen, Musik und Tanz.)

Beruflicher Erfolg, finanzielle Ziele, Anschaffungen oder Statussymbole haben aus der Perspektive unseres Gehirns letztendlich nur den tieferen Sinn, darüber mehr Anerkennung und Zuwendung zu erhalten. Allerdings sind die positiven Gefühle, mit denen unser Gehirn die Erreichung dieser materiellen Ziele belohnt, eher oberflächlich und recht kurzlebig.

Zurück in den Alltag: Menschen streben privat, aber auch in ihrer Funktion in einem Unternehmen nach guten Beziehungen sowie Anerkennung und erwarten das Gleiche von anderen Menschen. Dabei entsteht wechselseitige Resonanz zwischen Menschen grundsätzlich in fünf Stufen:

  1. Sehen und Gesehenwerden: Menschen wollen wahrgenommen werden.
  2. Gemeinsame Aufmerksamkeit: Menschen richten ihre Aufmerksamkeit auf ein gemeinsames Objekt.
  3. Emotionale Resonanz: Menschen „schwingen“ sich aufeinander ein, zum Beispiel über gemeinsame Gesprächsthemen.
  4. Gemeinsames Handeln: Menschen handeln miteinander und verfolgen gemeinsame Ziele.
  5. Verstehen von Motiven und Absichten: Menschen verstehen, was in anderen vorgeht.

Erzielen Menschen diese Ergebnisse, so führt das innerlich zu Glücksgefühlen, erhöhter Leistungsbereitschaft und zu besserer mentaler und körperlicher Gesundheit. Stress und Angst, die sich vermindernd auf die Fähigkeit auswirken, Lösungen zu entwickeln, und die negative Konsequenzen auf den gesamten Körper haben, erhalten in der Wahrnehmung eine niedrigere Bedeutung, wir werden fast ein wenig immun.

Erkennt das menschliche Motivationssystem allerdings, dass keine Chance auf soziale Zuwendung und Anerkennung besteht, schaltet es ab, verliert an Motivation und Antrieb, im Extrem bis zur Apathie. Wer Menschen (inklusive sich selbst) motivieren will, muss ihnen Möglichkeiten geben, mit anderen zu kooperieren, Beziehungen aufzubauen, Zuwendung und Anerkennung zu erhalten.

Nun stoßen wir immer wieder auf Zeitgenossen, die aggressiv und scheinbar nicht auf ein angenehmes Miteinander aus sind. Auch hier liefert die Neurowissenschaft Erklärungen: Wir empfinden das Gegenteil von Anerkennung und emotionaler Nähe – also soziale Isolation oder Zurücksetzung – wie körperlichen Schmerz als Bedrohung der eigenen Unversehrtheit. Darauf agiert wir dann oft nach der Devise: „If you can´t join them, beat them.“

Wo Aggression stattfindet, geht es – direkt oder indirekt – immer um das Bemühen um gelingende Beziehungen, die Verteidigung einer Beziehung oder Reaktionen auf ihr Scheitern. Das bedeutet im Gegenzug, dass mehr und bessere emotionale Beziehungen das beste Mittel gegen Aggressionen sind - im persönlichen wie im geschäftlichen Kontext.

Wenn ein Basisinteresse für das Angebot eines Unternehmens besteht, entscheiden im nächsten Schritt zumeist Emotionen und erst danach objektive Vorzüge des Angebots über eine Kaufentscheidung. Nur dann, wenn die Beziehung und die Kommunikation zwischen den handelnden Menschen stimmen, hat das Angebot eines Unternehmens am Ende eine Chance.

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Über den Autor
Jörg Mann

Der Unternehmercoach Jörg Mann ist spezialisiert auf die Bewältigung unternehmerischer oder persönlicher Herausforderungen und Krisen von Unternehmern. Als Berater, Marketing- und Kommunikationsspezialist mit langjähriger eigener unternehmerischer Erfahrung unterstützt der Diplom-Kaufmann seit 22 Jahren Unternehmen unterschiedlichster Branchen und Größen.

AnschriftJörg Mann
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