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WissensmanagementFaktor Wissen in der heutigen Zeit immer wichtiger

Obwohl der Faktor "Wissen" für viele Unternehmen zunehmend an Bedeutung gewinnt, wird konsequentes Wissensmanagement in den seltensten Fällen betrieben – zum Nachteil für die Unternehmen.
erschienen: 26.02.2010
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Die Bedeutung von Wissen als vierter Produktionsfaktor

Neben den klassischen Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital hat “Wissen” mittlerweile einen ähnlich bedeutenden Stellenwert eingenommen und wird auch als “neuer” vierter Produktionsfaktor bezeichnet. Zum einen ist Wissen in vielen Unternehmen (und hier hauptsächlich in Industrieländern) die Ressource, die zu mindestens 60 Prozent für die Gesamtwertschöpfung eines Unternehmens verantwortlich ist. Zum anderen ist ein Unternehmen in der heutigen, von Globalisierung, steigendem Konkurrenzdruck, zunehmenden Kundenerwartungen, komplexer werdenden Produkten und Dienstleistungen sowie kurzen Produktlebenszyklen geprägten Welt ein wichtiger Erfolgsfaktor.

Kürzer werdende “Halbwertzeit” von erfolgsentscheidendem Wissen macht lebenslanges Lernen notwendig

Interessant ist die Tatsache, dass die “Halbwertzeit” von Wissen immer kürzer wird. Die Halbwertzeit bezeichnet in diesem Zusammenhang die Zeit, in der vorhandenes Wissen (für einen bestimmten Bereich oder in einem betrachteten Fachgebiet) nur noch die Hälfte wert ist. Schulwissen ist heutzutage noch nach circa 20 Jahren zur Hälfte gültig, Hochschulwissen und berufliches Fachwissen verlieren nach zehn bis fünf Jahren 50 Prozent ihrer aktuellen Bedeutung, die Hälfte des nutzbaren technologischen Wissens “verfällt” nach zwei bis drei Jahren und IT-Wissen besitzt zurzeit nur noch eine Halbwertzeit von weniger als zwei Jahren. Als Konsequenz müssen ein Unternehmen und seine Mitarbeiter ihr Wissen permanent auf eine Aktualität überprüfen.

Das Managen von Wissen ist sehr komplex

Vielen Unternehmen ist bekannt, dass Arbeit, Boden und Kapital in der richtigen Kombination zum Unternehmensziel führen können. Das “Managen” von Wissen wird allerdings oftmals vernachlässigt und die Komplexität seines Managens unterschätzt.

Denn zum Wissensmanagement gehört nicht nur, Unternehmensdaten zielgerichtet aufzubereiten, zu analysieren, zu selektieren, zu speichern und an die richtigen Stellen im Unternehmen zu verteilen. Erfolgsentscheidend ist es vielmehr, dass es bereits im Vorfeld der Einführung von Wissensmanagement gelingt, Mitarbeiter hierfür zu motivieren. Denn der Erfolg von Wissensmanagement ist davon abhängig, dass die Mitarbeiter eines Unternehmens ihr Wissen abgeben und ihren Kollegen zur Verfügung stellen und auch fremdes Wissen ohne Einschränkung nutzen.

Mitarbeiter handeln oftmals noch nach der Maxime “Wissen ist Macht”. Hintergrund ist der Aufbau von Herzogtümern innerhalb des Unternehmens, die persönliches Wissen abschotten und die dafür sorgen, dass Mitarbeiter sich unersetzlich machen (wollen). Gleichzeitig galt und gilt es in vielen Bereichen unseres Lebens heutzutage immer noch als “Schande”, etwas nicht selber zu wissen und andere zu fragen.

Erfolgsfaktoren in der heutigen Zeit

Unternehmen sind heute erfolgreich, wenn sie über flache Organisationsstrukturen, viele informelle Kommunikationswege, Flexibilität und die Fähigkeit verfügen, Entscheidungen schnell zu treffen und umsetzen zu können. Wissen trägt dann als Erfolgsfaktor dazu bei, wenn Mitarbeiter ihr Wissen unternehmensweit zur Verfügung stellen und dieses Wissen dort auch genutzt wird. Nicht berücksichtigt bleibt hierbei aber die Tatsache, dass ein Individuum, egal ob Gelehrter oder Mitarbeiter, heutzutage nicht alles wissen kann. Dafür sind Unternehmenszusammenhänge, Abläufe und Produkte viel zu komplex geworden. Das schnelle Treffen von Entscheidungen und dessen zeitnahe Umsetzung setzen zudem voraus, dass es einem Unternehmen gelingt, in seinen Abläufen Schnittstellen zu minimieren und die Aufgabenbereiche seiner Mitarbeiter zu erweitern (Prozessorientierung).

Was ist zu tun, um Wissensmanagement einzuführen?

Der Erfolg der Einführung von Wissensmanagement ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Theorie und Praxis bieten zahlreiche Konzepte, die die hiermit verbundenen Schritte im Wesentlichen in vier Bereiche unterteilen:

  1. Festlegung des Wissensbedarfs - Welches Wissen ist eigentlich für den Erfolg eines Unternehmens entscheidend?
  2. Beschaffung des erfolgsentscheidenden Wissens - An dieser Stelle ist eine klassische “make-or-buy”-Entscheidung zu treffen. Hierbei ist abzuwägen, ob es sich lohnt, eigenes Wissen im Unternehmen aufzubauen oder ob Wissen von außerhalb des Unternehmens beschafft werden kann oder soll.
  3. Befriedigung des Wissensbedarfs - Welche Aktivitäten sind notwendig, damit das beschaffte Wissen effektiv und effizient im Unternehmen an die richtigen Stellen verteilt werden kann, die Nutzung dieses Wissens sichergestellt ist und welche Maßnahmen sind erforderlich, damit veraltetes Wissen durch neues Wissen ersetzt wird?
  4. Wissensbewertung - Hier ist die Frage zu klären, ob die unter den Punkten 1. bis 3. aufgeführten Aktivitäten zielorientiert waren und sich hierdurch das Wissen innerhalb des Unternehmens positiv verändert und entwickelt hat.

Warum sind zusätzliche Einführungsvoraussetzungen und Rahmenbedingungen für den Erfolg entscheidend?

Neben diesen eher konzeptionell ausgerichteten Aktivitäten gilt es vor einer Wissensmanagementeinführung bestimmte organisatorische Rahmenbedingungen herzustellen. Denn was nützt das beste Konzept, wenn die Mitarbeiter nicht “mitmachen”? Der wesentliche Bestandteil dieser organisatorischen Rahmenbedingungen, der in diesem Fall schon als Einführungsvoraussetzung bezeichnet werden kann, ist die Schaffung einer wissensmanagementfreundlichen Unternehmenskultur. Hier geben Mitarbeiter “gerne” ihr Wissen ab und es zählt nicht als “Schande” oder Schwäche, fremdes Wissen zu nutzen.

Einer unternehmensfreundlichen Unternehmenskultur kommt eine hohe Bedeutung zu

Die Kultur eines Unternehmens wird durch seine gültigen Normen, Einstellungen der Mitarbeiter und gelebten Werte beeinflusst. Die wesentliche Grundlage für eine wissensmanagementfreundliche Unternehmenskultur ist der im Unternehmen praktizierte Führungsstil:

  • Autoritäre Führungsstile sind “Wissensmanagementkiller”,
  • kooperative, partizipative, kooperative und liberalistische Führungsstile sind Wissensmanagement fördernd.

Denn zu einer wissensmanagementfreundlichen Unternehmenskultur gehört auch, dass zwischen einzelnen Hierarchiestufen “Vertrauen” aufgebaut wird sowie Führungskräfte, die Leistungen und das Wissen ihrer Mitarbeiter respektieren, anerkennen und auch durch konstruktive Kritik zum (Weiter)Lernen motivieren.

Damit neues Wissen aufgebaut werden kann, ist für den Mitarbeiter die Schaffung von Freiräumen wichtig. Denn nur wenn ein Mitarbeiter die Möglichkeit besitzt, etwas ausprobieren zu dürfen und er eingetretene Pfade verlassen darf, kann neues Wissen entstehen. Das Gleiche gilt auch für die Anwendung neuen Wissens. Ein Mitarbeiter wird eine neue Verfahrensweise nur annehmen, wenn er die Zeit dazu erhält, sich mit diesem “Neuen” in einer Einarbeitungsphase in Ruhe zu beschäftigen.

Auch spielt der Umgang mit Fehlern in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, denn ein Mitarbeiter wird sich das neue Wissen erst verinnerlichen müssen, ehe er effektiv und effizient damit arbeiten kann. Ähnliches gilt für Fehler. So sollten in einer wissensmanagementfreundlichen Unternehmenskultur produktive Fehler, die helfen, folgende Fehlerkosten zu vermeiden, grundsätzlich belohnt und unproduktive Fehler nicht generell bestraft werden. Denn unproduktive Fehler entstehen nicht nur durch “Nicht-wollen”, sondern können ihre Ursache auch im “Nicht-wissen”, “Nicht-können” oder “Nicht-informiert sein” haben.

Neben zahlreichen Möglichkeiten, Wissen unternehmensweit zu verbreiten, kommt der Kommunikation und speziell der informellen Kommunikation eine hohe Bedeutung zu. Damit Informationen schnell beschafft und ausgetauscht werden können, ist oftmals das Verlassen der formellen Kommunikationswege erforderlich. Aber nur wenn das Unternehmensklima “stimmt”, funktioniert “informelle” Kommunikation. Führungskräfte können aktiv die Entstehung informeller Kommunikation fördern. Zum einen besitzen sie durch ihr Verhalten den Mitarbeitern gegenüber eine Vorbildfunktion, zum anderen unterstützen Rahmenbedingungen wie Förderung von Teamarbeit, Schaffung einer wissensmanagementfreundlichen Arbeitsplatzgestaltung und die Einrichtung von Kommunikationszentren (Kaffeeküchen- und -ecken, Wissenszimmer etc.) die Entstehung einer (zielorientierten) informellen Kommunikation.

Fazit

Die Bedeutung des Wissensmanagements für ein Unternehmen ist in Literatur und Praxis mittlerweile unumstritten. Wissen hat als vierter Produktionsfaktor für viele Unternehmen die erfolgsentscheidende Bedeutung erlangt. Die erfolgreiche Einführung des Erfolgsfaktors Wissensmanagement ist sehr komplex. Neben “klassischen” Einführungsschritten, die sequenziell abgearbeitet werden können, besitzen auch Einführungsvoraussetzungen sowie existierende Rahmenbedingungen und hier speziell die Schaffung einer wissensmanagementfreundlichen Unternehmenskultur eine große Bedeutung für die erfolgreiche Umsetzung von Wissensmanagement.

[Bild: nidi - Fotolia.com]

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Über den Autor
Prof. Dr. Wolfgang Jaspers

Prof. Dr. Wolfgang Jaspers ist Professor für Unternehmensführung und -entwicklung an der Business and Information Technology School (BiTS) in Iserlohn, Geschäftsführer des dort angesiedelten IFWM - Institut für Wissensmanagement sowie Geschäftsführer der Unternehmensberatung JC. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu den Themen Stichprobeninventur und Wissensmanagement.

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