ZeitmanagementGefangen im Zeitdilemma

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Um nicht den Anschluss zu verlieren, wird Rastlosigkeit zum Muss und Langsamkeit zum Tabu. Das gilt für Menschen und für Unternehmen. Ein Essay über zunehmende Zeitarmut.
erschienen: 12.03.2015
Schlagwörter: Zeitmanagement
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„Drei Dinge treiben den Menschen in den Wahnsinn. Die Liebe, die Eifersucht und das Studium der Börsenkurse.“ In Anlehnung an das Bonmot des Ökonomen John Maynard Keynes könnte wohl noch ein viertes Ding hinzugefügt werden: die tickende Uhr. Und mit ihr die flüchtige Zeit, von der immer zu wenig da zu sein scheint – obwohl wir durchschnittlich länger denn je leben. Analog dazu lautet die stereotype Signatur der Rastlosigkeit: Keine Zeit!

Gefangen in der Zeitarmutsfalle

„Chillen unter Hochdruck.“ Das widersprüchliche Ringen zwischen Zeitknappheit und Möglichkeitsfülle, zwischen Hast und Rast, Genuss und Eile, lässt sich kaum besser auf den Punkt bringen: Power-Chill. Ein moderner Versuch der Bündelung von Tempo und Muße. Allen Versuchen zum Trotz: Zeit-Widersprüche wie Zeit-Notstände wachsen wohl weiter und damit die Sehnsucht nach mehr Zeit.

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Einerseits scheinen wir geradezu magisch-lustvoll davon angezogen zu sein, auf die Tempo-Tube zu drücken und uns über einen vollen Terminkalender zu definieren. Für Gleichmut oder Muße bleibt keine Zeit: „O Herr, schenke mir Geduld, aber bitte sofort!“ Andererseits machen immer mehr Getaktete die leid- wie frustvolle Erfahrung, dass sie in der Zeitarmutsfalle sitzen. Rätselnd, wie sie ihr wieder entkommen können. Aber worin liegen die möglichen Ursachen für das wachsende Zeitdilemma?

Zeitdilemma durch Habitualisierung und Verinnerlichung

Tempo und Eile sind als Verhaltensmuster so stark verinnerlicht, dass sie nicht mehr bewusst wahrgenommen werden. Alternativen scheinen undenkbar oder unattraktiv. Warten und Verzögerung lähmen, verbunden mit der Angst vor Leere. Attraktiver hingegen ist es, möglichst viele Handlungs- und Erlebnisepisoden unterzubringen, gespeist von einer Verpassensangst. Die bevorzugten Strategien: schneller arbeiten, Pausen reduzieren, multitasken. Maxime: Ich eile, also bin ich (wichtig). Ich bin (wichtig), also eile ich.

Zeitdilemma durch Steigerungsdogma und Profit

Das Dogma „immer mehr in immer kürzerer Zeit“ wird, gepaart mit technischen Möglichkeiten, zum inflationären Zeittreiber. „Just in time“ und „immer mehr“ lassen keine Zeitlücken zu. Der kapitale Profit-Schlüssel lautet: schneller, billiger, bequemer. Der globale Markt stillt das wuchernde Bedürfnis nach dem „Alles-Gleichzeitig-Sofort“. Maxime: Wir wachsen (schneller), also sind wir.

Zeitdilemma durch Wettbewerbsidee und Endlichkeitsidee

Wettbewerb verstärkt per se die Dynamik kollektiver Pausenlosigkeit und Vergleichzeitigung. Zudem verstärkt die drohende Endlichkeit das subjektive Gefühl, sich noch mehr beeilen zu müssen. Befristete Zeit bei zugleich wachsender Fülle an Möglichkeiten führt unweigerlich zum Dilemma. Weil Erwartungshaltungen vermehrt ins Diesseits verlegt werden, mutiert das Leben zur letzten Gelegenheit.

Beschleunigung als Flucht- und Kompensationsversuch? Um auf quasi rutschenden Abhängen („Slipping Slopes“) nicht den sozialen Anschluss zu verlieren, wird Rastlosigkeit zum Muss. Und Langsamkeit zum Tabu. Maxime: Ich lebe nur einmal, aber dafür doppelt so schnell.

Bereits 1994 antizipierte der Schweizer Soziologe Peter Gross in seiner „Multi-Optionsgesellschaft“ die Widersprüchlichkeit unserer eiligen Gegenwart: Einerseits sei „die Möglichkeit des modernen Menschen liebste Wirklichkeit.“ Andererseits laute die moderne Form der Verzweiflung: „Sich abstrampeln im Meer der Möglichkeiten.“

Durch Entschleunigung mehr Zeit gewinnen

„Langsam, langsam, weißer Mann!“ Der kenianische Aufruf zur Bedächtigkeit ist unserer westlichen Kultur eher fremd. Doch moderate Bremsmanöver zwischendurch könnten Zeitwunder bewirken. Sie könnten uns jene schöpferische, erfüllende Muße zurückgeben, die in der gewohnten Eile verloren gegangen scheint. Denn sie ist ein essenzieller Teil des Lebens. Oder wie es Rabindranath Tagore, indischer Philosoph und Nobelpreisträger, schon vor Jahrzehnten formulierte: „Wie der Fluss im Meer, so findet unsere Arbeit ihre Erfüllung in der Tiefe der Muße.“

Dabei sind Tempo und Gasgeben keineswegs von sich aus schlecht. Im Gegenteil. Geschwindigkeit ist das Salz in der Lebenssuppe. Auch Musik lebt vom Tempo. Aber auch von Pausen und Stille. Genauso wie wir Menschen. Erst unterschiedliche Tempi und Rhythmen machen den besonderen Zauber aus. Wen wundert´s, dass monotone Pausenlosigkeit und Beschleunigung erst recht eine Sehnsucht wecken: jene nach mehr Zeit – für sich selbst und für das, was wirklich wichtig ist. Was immer das subjektiv bedeuten mag.

Über den Autor
Franz J. Schweifer

Franz J. Schweifer ist Mitinhaber und Geschäftsführer des österreichischen Beratungsunternehmens „Die ManagementOASE – Schweifer & Partner, Coaching. Training. Consulting“. Als „Temposoph“, Zeitforscher, FH-Lektor, Managementtrainer und Coach hat er sich vor allem auf zeitspezifische Themen im persönlichen, unternehmerischen und gesellschaftlichen Kontext spezialisiert.

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