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ZertifizierungHaben zertifizierte Projektmanager genügend Erfahrung?

Praktische Erfahrung und Know-how machen einen guten Projektmanager aus. Es gibt auch die Möglichkeit, sich als Projektmanager zertifizieren zu lassen. Die Frage ist nur, ob ein Zertifikat wirklich die wahre Qualifikation belegt. Für Unternehmen ist es am besten, einen Projektmanager einzustellen, der über beides verfügt: Erfahrung und Zertifikat.
erschienen: 03.08.2009

Angenommen, Sie sind ein Unternehmer und sind auf der Suche nach einem Projektmanager. Für Ihren Auftrag würde sich jemand bewerben, der ...

  1. weder über Erfahrung noch eine Zertifizierung vorlegen kann
  2. über Erfahrung verfügt, aber keine Zertifizierung besitzt und
  3. Erfahrung und Zertifizierung nachweisen kann.

Was glauben Sie, wer hätte die beste Chance, den Auftrag zu bekommen? Na klar, der mit Erfahrung und mit Zertifizierung. Verständlich. Jetzt stelle ich die Frage einmal anders: Mal angenommen, Sie sind Projektmanager und nicht zertifiziert. Wären Sie bereit, 4.000 Euro in die Hand zu nehmen, um ein halbes Jahr lang in Wochenendkursen Projektmanagementwissen zu pauken und dann eine Prüfung ablegen?

Erfahrung allein reicht nicht aus

Wie kommt es, dass sich auf der einen Seite Unternehmen erfahrene und zertifizierte Projektleiter wünschen, auf der anderen Seite jedoch Projektleiter den Aufwand scheuen, sich zertifizieren zu lassen. Das am häufigsten gehörte Argument der Projektleiter ist: „Ich bin doch erfahren, wozu soll ich mich noch zertifizieren lassen?“ Oder auch gerne gehört: „Das, worauf es im Projekt wirklich ankommt, lernt man sowieso nicht in Seminaren, sondern nur im Projekt.“

Warum auch immer, haben viele Zertifizierungen das Image, nur etwas für Anfänger zu sein, also so eine Art Führerscheinprüfung für Projektleiter. Der Analogieschluss ist dann leicht gezogen, da nicht jeder der den Führerschein hat, wirklich fahren kann, wie soll dann eine Zertifizierung ein Qualifikationsnachweis sein?

Ich bin der Meinung, dass diese Schlussfolgerung falsch ist. Um im Bild zu bleiben, ist die Projektleiter-Zertifizierung eher das Sicherheitsfahrtraining, bei dem die Fahrer (Projektleiter), die schon einige Kilometer gefahren sind, im wahrsten Sinne des Wortes erfahren, wie sie ihr Auto (Projekt) auch in brenzligen Situationen beherrschen.

Egal wie Sie zu Zertifizierungen stehen, nicht alle Zertifizierungen halten das, was sie versprechen und geben dem Unternehmer die Sicherheit, einem erfahrenen Projektleiter das Projekt anzuvertrauen. Bei Projektmanagern, denen das Project Management Institute (PMI) den Titel Project Management Professional (PMP) verliehen hat, erhält der Unternehmer die Sicherheit, beides zu erhalten: Erfahrung und eine Zertifizierung, die für Qualität steht.

Projekterfahrung ist Voraussetzung für Zertifizierung

Um die Qualität sicherzustellen, muss jeder Kandidat mit Hochschulabschluss 4.500 Stunden Projektmanagement-Erfahrung nachweisen. Kandidaten ohne Hochschulabschluss müssen sogar 7.500 Stunden vorweisen. Nach einer aktuellen Befragung des PMI von 3.678 zufällig ausgewählten PMP haben diese eine durchschnittliche Projektmanagement-Erfahrung von zehn Jahren. (Quelle: PMI Today, Ausgabe November 2008, So how are we doing?, S. 4)

Alle Unternehmen, die sich deshalb für einen PMP entscheiden, können davon ausgehen, dass sie sich hierbei auch für einen erfahrenen Projektmanager entscheiden. Das heißt, zertifizierte PMP ohne ausreichende Projekterfahrung gibt es in der Praxis nicht.

Für den Projektmanager ist es wichtig, die Kommunikation mit allen Beteiligten in konstruktive Bahnen zu lenken. Außerdem ist das Verständnis von Prozessen und Abläufen ein wesentlicher Schlüssel für den Erfolg eines Projektes und der Projektmannschaft. Aus diesem Grund kennt das Standardbuch des PMI, das PMBok (Project Management Book of Knowledge, Standardbuch des PMI zum Projektmanagement), neun Wissensgebiete mit fünf Prozessgruppen und 44 detailliert beschriebenen Prozessen. Da auch das PMI die Wichtigkeit von Kommunikation anerkennt, ist Kommunikation ein eigenes Wissensgebiet mit vier eigenen Prozessen und hat einen sehr hohen Stellenwert.

Kontinuierliche Rezertifizierung

Auch nach Abschluss der Prüfung müssen sich bereits als PMP zertifizierte Projektleiter rezertifizieren lassen. 60 dieser Professional Development Units (PDU’s) genannten Schulungseinheiten in drei Jahren müssen die Projektleiter auch nach ihrer Prüfung noch ablegen, damit ihr Wissen nicht veraltet. Hierbei entspricht ein PDU etwa einer Stunde Weiterbildung.

Der als PMP zertifizierte Projektmanager schafft Vertrauen beim Kunden und ist mit den aktuellen Projektmanagementmethoden bestens vertraut. Nach außen dient die Zertifizierung als Qualitätssignal am Markt. Innerhalb von Projekten ist sie ein Garant für die qualifizierte Unterstützung von Projektmitarbeitern, die an den Projekterfolgen maßgeblich beteiligt sind.

Wem dies immer noch nicht vom Nutzen einer Zertifizierung überzeugt hat, dem möchte ich nochmals meine Eingangsfrage in Erinnerung rufen und Sie weiterführend fragen: Können Sie es sich erlauben, immer noch nicht zertifiziert zu sein?

[Bild: air - Fotolia.com]

Über den Autor
Oliver Knittel

Oliver Knittel ist zertifizierter Projektmanager (PMP).

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