Chaos-Projekt Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)?

Fachbeitrag von EinfachStimmig
So umgehen Sie die typischen Stolpersteine im BGM.

Das Thema Gesundheit rückt in den Unternehmen immer mehr in den Fokus. So ist es naheliegend, dass viele Firmen Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) einführen. Häufig mit großen Startschwierigkeiten und Frust der Projektverantwortlichen. Viel Aktionismus, unkoordinierte Maßnahmen, und keine Abstimmung zwischen wichtigen beteiligten Personen erzeugen Unzufriedenheit auf breiter Ebene. Es wird viel getan mit mäßigem Erfolg. Selten mangelt es den Beteiligten am Wissen. Auf der Handlungsebene entstehen jedoch häufig unnötige Reibungsverluste die das Projekt gefährden können.

Wie kann die Umsetzung von BGM gelingen? Auf was kommt es an? Was ist bei der Umsetzung zu beachten? In welchen Schritten ist es sinnvoll vorzugehen? Welche Hindernisse können auftauchen und wie können diese Stolpersteine umgangen werden?

Praxisbeispiel

Frau Schmidt die Assistentin des Personalleiters ist frustriert. Seit Wochen ackert Sie, um die Idee ihres Chefs Herrn Gutmann umzusetzen. Er will Betriebliches Gesundheitsmanagement einführen. Sie soll ein paar Kurse organisieren, eine Mobile Massage soll her und Äpfel für die MitarbeiterInnen. Frau Schmidt hat eine zusätzliche Aufgabe bekommen. Ob sie das auch machen will hat niemand interessiert.

Fleißig wie Frau Schmidt ist, hat sie sich erst mal informiert was es an Anbietern gibt. Das hat sie fast umgehauen. Gesundheitskurse & Co. wie Sand am Meer. Von den Krankenkassen über Einzelanbieter bis hin zu großen Unternehmen – alle machen BGM. Und jetzt? Sie sucht ein paar Anbieter aus, vereinbart Termine für zwei Maßnahmen und stellt diese ins Intranet. Aber: Es kommen nur zwei Anmeldungen für das Stressmanagement-Seminar. Die Mobile Massage läuft schleppend und über die Äpfel wird gelächelt. Wo sich Frau Schmidt doch so angestrengt hat.

Herr Gutmann versteht gar nicht, dass Frau Schmidt jammert. Sie muss einfach mehr Engagement zeigen und es den MitarbeiterInnen noch schmackhafter anbieten. Die müssten doch dankbar sein, dass ihnen so etwas Tolles angeboten wird. Aber die Wirklichkeit sieht ganz anders aus.

Die MitarbeiterInnen wurden nicht danach gefragt was aus ihrer Sicht wichtig ist und was sie brauchen. Die Unternehmensleitung interessiert sich nicht wirklich für das Thema – es kostet ja nur Geld. Den Betriebsrat hat man in Kenntnis gesetzt, dass es jetzt BGM gibt, aber nicht aktiv mit in die Planung einbezogen. Da ist einiges schief gelaufen. Was tun?

Typische Stolperfallen


  • Jemand wird als BGM-Koordinator benannt, ohne dass geklärt wird, ob er ausreichend zeitliche Kapazitäten für dieses Projekt hat.
  • Die Unternehmensleitung steht nicht hinter dem Thema.
  • Es werden Einzelaktivitäten umgesetzt ohne vorherige Bedarfsanalyse und Koordination der Maßnahmen (Gießkannenprinzip).
  • Der Betriebsrat wird nicht in die Planung und Umsetzung mit einbezogen.
  • Aufgrund des Tagesgeschäfts („anderes ist wichtiger“) werden geplante Maßnahmen verschoben oder gestrichen.

 

BGM Step by Step: die sieben Schritte des BGM-Prozesses

Schritt 1: Aufbau der Strukturen - Worauf kann man aufbauen?

Der Einstieg in das Betriebliche Gesundheitsmanagement kann leichter gelingen, wenn Sie auf dem aufbauen, was schon bei Ihnen im Betrieb vorhanden ist. Welche Strukturen und Prozesse liegen bei Ihnen zum Thema Gesundheit im Betrieb vor? Gibt es einen Arbeitssicher­heits-Ausschuss, der ausgebaut werden kann? Welche Aktivitäten gehen vom Betriebsarzt und von der Arbeitssicherheitskraft aus? Welche Personalentwicklungsmaßnahmen, Weiterbildungs­maßnahmen und Führungskräfteschulungen gibt es? Welche Sportangebote und Kurse laufen schon? Haben Sie schon einmal einen Gesundheitstag durchgeführt?

Gut ist, wenn Sie ein Gremium (Arbeitskreis Gesundheit oder Steuerungsgruppe) einrichten, das die Aktivitäten auf dem Gebiet des BGM koordiniert und eine Person als Ansprechpartner für das Thema BGM benennen.

Und dann ist noch wichtig, dass die Unternehmensleitung hinter der Maßnahme steht und entsprechend finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.

Schritt 2: Klärung der Ziele - Was wollen wir? Woran sehen wir, dass wir unsere Ziele erreicht haben?

Betrieblichen Gesundheitsmanagement kennzeichnet sich durch ein zielgerichtetes, systematisches Vorgehen aus. Nicht hier und da mal ein Kurs und ein Obstkorb an dem sich die MitarbeiterInnen bedienen können, sondern ein auf die Ziele und Bedarfe abgestimmtes Vorgehen zeichnen ein gutes Betriebliches Gesundheitsmanagement aus. Daher ist es wichtig, sich zu Beginn des Projekts klar darüber zu werden, welche Ziele Sie mit dem Projekt erreichen wollen. Und zwar für Ihr Unternehmen. Ziele können z. B. sein: die Gesundheit der MitarbeiterInnen erhöhen, die Zufriedenheit der MitarbeiterInnen verbessern, die Arbeits­bedingungen gesundheitsförderlicher gestalten. Definieren Sie drei bis fünf Hauptziele und leiten Sie dann untergeordnete Ziele davon ab. Und: Klären Sie jetzt schon die Frage, wie Sie die Erreichung dieser Ziele messen können (wichtig für Schritt sieben).

Für die Klärung der Ziele führen wir gerne mit Ihnen zusammen einen Zielfindungsworkshop durch.

Schritt 3: Information der MitarbeiterInnen und Sensibilisierung der Führungskräfte - Sind alle mit im Boot?

Zwei wesentliche Erfolgsfaktoren für ein gelingendes Betriebliches Gesundheitsmanagement sind Partizipation und Transparenz. Informieren Sie Ihre MitarbeiterInnen von Anfang an über Ihre Pläne und beziehen Sie die MitarbeiterInnen aktiv mit ein. Eine besondere Rolle spielen dabei die Führungs­kräfte: Sie können zum einen durch ihr Verhalten Vorbild sein. Und: Sie gestalten die Arbeits­bedingungen der MitarbeiterInnen. D. h. es ist wichtig, dass Sie Ihre Führungskräfte mit ins Boot holen und sie für das Thema „Führung und Gesundheit“ sensibilisieren. Dies gelingt am besten durch einen mindestens dreistündigen Führungskräfteworkshop. Sie können das Thema „Führung und Gesundheit“ auch als Modul in bestehende Führungskräfteschulungen mit aufnehmen.

Schritt 4: Analyse - Wo drückt der Schuh? Was sind die vorrangigen Handlungsfelder?

Beim Betrieblichen Gesundheitsmanagement gilt: keine Maßnahme ohne vorher eine (Bedarfs-)Analyse durchgeführt zu haben. Dabei können Sie auch wieder auf Vorhandenes zurückgreifen. Wurde z. B. bei Ihnen schon einmal eine Befragung zum Thema Mitarbeiterzufriedenheit durchgeführt? Bei schriftlichen Befragungen ist zu beachten: so kurz wie möglich, klare Fragestellungen, auch offene Antwort­möglich-keiten zulassen. Achten Sie im Vorfeld darauf, dass Sie danach auch die Zeit und die Ressourcen haben, die in der Befragung aufgedeckten Handlungsbedarfe anzugehen. Nichts ist schlimmer als eine Befragung, deren Ergebnisse danach ohne weitere Rückmeldung und Aktivität in der Schublade verschwindet. Wenn dies vorher schon einmal in Ihrem Unternehmen passiert sein sollte, müssen Sie vor Durchführung einer erneuten Befragung viele vertrauensbildende Maßnahmen durchführen.

Neben schriftlichen Befragungen eignen sich Mitarbeiterworkshops sehr gut dafür, die Bedarfe und darüber hinaus auch Verbesserungsvorschläge herauszuarbeiten. Eine Form sind die Gesundheitszirkel. Hier treffen sich ausgewählte Vertreter eines Bereichs über einen begrenzten Zeitraum für jeweils zwei Stunden und besprechen unter externer Moderation die für sie wichtigsten Aspekte. Da die MitarbeiterInnen selbst die Verbesserungsvorschläge erarbeiten, besteht auch eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich die Maßnahmen umsetzen lassen und bei den (anderen) Mitarbeitern positiv angekommen werden. Und noch ein positiver Nebeneffekt: Die MitarbeiterInnen fühlen sich ernst genommen und können bei Entschei­dungen mitwirken. Das stärkt direkt deren Zufriedenheit.

Schritt 5: Maßnahmenplanung - Was konkret ist wann umsetzbar?

Die Ergebnisse der Befragungen bzw. Mitarbeiterworkshops werden im Arbeitskreis Gesundheit diskutiert und dann daraus Maßnahmen abgeleitet. Dabei ist natürlich auch zu fragen, wann welche Maßnahmen sinnvoll sind. Wie hoch ist das Budget? Wer kann die Maßnahmen umsetzen? Braucht man externe Unterstützung? Wo findet man geeignete Kursleiter?

Wir können Sie als externe Berater in diesem Prozess unterstützen und Ihnen kompetente Kooperationspartner vermitteln.

Schritt 6: Umsetzung - Guter Mix aus verhaltens- und verhältnispräventiven Maßnahmen

Oft wird schon dann von einem Betrieblichen Gesundheitsmanagement gesprochen, wenn nur Maßnahmen wie Kurse angeboten werden, die auf eine Verhaltensänderung der MitarbeiterInnen ausgerichtet sind. Aber, was hilft der beste Stressmanagementkurs, wenn die organisatorischen Rahmenbedingungen sich nicht auch mit verändern? D. h. Sie sollten bei der Planung der Maßnahmen auch die Umsetzung verhältnispräventiver Maßnahmen wie z. B. Veränderungen in der Arbeitsorganisation mit berücksichtigen.

Letztendlich zielt das Betriebliche Gesundheitsmanagement auf eine Veränderung der Unternehmenskultur hin zu einem menschengemäßen Miteinander.

Schritt 7: Erfolgsbewertung - Was hat es gebracht?

Eine Erfolgsbewertung ist immer wichtig, vor allem um die gemachten Kosten zu rechtfertigen. Wie schon bei Schritt 2 angemerkt, ist es wichtig sich bei der Zielfindung darüber klar zu werden, wie die Ziele gemessen werden können. Das kann durch eine erneute Befragung gemacht werden. Oder Sie können harte Zahlen wie z. B. Fehltage, Teilnahme an Kursen etc. heranziehen.

Wichtig ist, dass mit Schritt 7 das Projekt noch nicht beendet ist. Jetzt gilt es das Thema in das Unternehmen zu implementieren, d. h. das Thema Gesundheit wird in allen Unternehmens­abläufen selbstverständlich mit berücksichtigt. Dazu bedarf es eines kontinuierlichen Prozesses in dem immer wieder die Aspekte von Schritt 1 überprüft und die Schritte 2 bis 7 durchlaufen werden.

Erfolgsfaktoren für BGM

  • Unternehmensleitung steht hinter BGM
  • Festlegung der (unternehmensspezifischen) Ziele
  • ausreichend finanzielle und personelle Ressourcen
  • klare Verantwortlichkeiten
  • Einbezug der Führungskräfte und MitarbeiterInnen
  • Ableitung der Maßnahmen aus einer Analyse
  • Mix von verhaltens- und verhältnispräventiven Maßnahmen
  • Implementierung des Themas Gesundheit in die Unternehmenskultur

Fazit

Der Erfolg eines BGM-Projekts hängt wesentlich davon ab, dass sich die Projektverantwortlichen zu Beginn des Projekts über die möglichen Stolpersteine bewusst werden und so möglichst im Vorfeld günstige Rahmenbedingungen schaffen. Unabdingbar für das Gelingen eines BGM-Projekts ist die Unterstützung von Seiten der Unternehmensleitung. Es lohnt sich zunächst den Boden gut vorzubereiten. Wer zu früh losgeht - ohne die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen zu haben - läuft in Gefahr, dass die Stolpersteine das Projekt zum Scheitern bringen.

Über die Autorinnen

Heike Grethlein – EinfachStimmig Partner für menschengemäße Unternehmensentwicklung.

Kontakt: hgr@einfachstimmig.de

Sie ist Beraterin für Betriebliches Gesundheitsmanagement und Bewegungspädagogin. Ihr Herz schlägt für den gesunden Mensch im Unternehmen.

Renate Freisler – die  Balance-Expertin. Sie gehört zu den Gründungsmitgliedern von EinfachStimmig, Partner für menschengemäße Unternehmensentwicklung.

Kontakt: rf@einfachstimmig.de 

Nach langjähriger Tätigkeit in der Wirtschaft unterstützt sie als erfahrene Coach, Trainerin und Beraterin ihre Kunden, die Balance bei sich wieder zu entdecken. Sie ist Fachautorin des Trainingskonzeptes „In Balance“. Im September ist ihr neues Buch “Stressmanagement-Trainings erfolgreich leiten“ erschienen.

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erstellt am: 29.09.2016

Über den Autor
EinfachStimmig

EinfachStimmig

Partner für menschengemäße Unternehmensentwicklung