Das Gemeinschaftsgefühl in seiner Bedeutung für die Arbeitswelt

Fachbeitrag von RUDOLF MEINDL
Lässt das Streben nach persönlichem Erfolg und Unternehmenserfolg, der Zwang besser zu sein als die anderen, überhaupt noch Raum für rücksichtsvolles, wertschätzendes, kollegiales und faires Handeln? Dieser Beitrag befasst sich mit dieser schwierigen und sehr grundlegenden Fragestellung.

„Die Fähigkeit eines Menschen zur Kooperation, kann als Maßstab für sein Gemeinschaftsgefühl gesehen werden“ (Rudolf Dreikurs).

Liebe Leserinnen und Leser,

nicht alle von Ihnen werden möglicherweise einen unmittelbaren und bedeutsamen Zusammenhang des Begriffs „Gemeinschaftsgefühl“ mit der Arbeitswelt vermuten. Die Frage ist also erlaubt, ob denn dieser Terminus in die Lebenswirklichkeit von Erfolg – wachsen müssen um jeden Preis – sich im knallharten Wettbewerb durchsetzen müssen – passt, um nur einige Aspekte zu nennen?

Für alle Leserinnen und Leser, die noch keine nähere Berührung mit der Individualpsychologie Alfred Adlers hatten, sei deshalb erwähnt, dass der Begriff Gemeinschaftsgefühl eine der bedeutsamsten Voraussetzungen beschreibt, für die seelisch (psychisch) gesunde Entwicklung eines Menschen in der Kindheit, aber auch die Voraussetzung beschreibt, für eine seelisch gesunde Lebensführung des erwachsenen Menschen, auch und besonders in der Arbeitswelt. Und damit wird aber auch die Voraussetzung für friedvolles, respektvolles uns wertschätzendes Miteinander beschrieben.

Zitat Rudolf Dreikurs (Schüler von Alfred Adler):

„Das Gemeinschaftsgefühl, das jeder für sich entwickeln muss, zeigt genau den Radius seiner Normalität an. Nur innerhalb dieses Feldes der Zusammengehörigkeit benimmt sich ein Mensch „normal“. Außerhalb dessen ist sein Grundstreben nicht mehr auf die Mitarbeit mit anderen, auf das Interesse anderer und der Gemeinschaft hin gerichtet, sondern auf die Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse“ (Rudolf Dreikurs).

Anm.: Rudolf Dreikurs (1897-1972) war einer der bedeutendsten Schüler Alfred Adlers, österreichisch-amerikanischer Psychiater, Pädagoge, Psychologe.

Anm.: Alfred Adler (1870-1937), Begründer der Individualpsychologie, eine der bedeutendsten tiefenpsychologischen Schulen.

Ich-Bezogenheit vs. Gemeinschaftsgefühl?

Die Zitate von Dreikurs eröffnen ein breites Betrachtungsfeld. Aus individualpsychologischer Sicht handelt es sich hierbei um unumstößliche Fakten: Die Kooperationsfähigkeit, bzw. die Bereitschaft dazu, hängt von der subjektiven Ausprägung des Gemeinschaftsgefühls ab, was ein wesentlicher Bestandteil des jeweiligen Charakters ist. Es bleibt also die spannende Frage, wo die Grenzen zur Kooperationsbereitschaft gezogen werden bzw. wer sie zieht und wie es um das Gemeinschaftsgefühl dieser Verantwortungsträger bestellt ist. Wenn es um das Überleben geht, um die eigene Existenz, um den persönlichen Erfolg, um das Ansehen beim Chef, um die Frage, wer die Nase vorne hat, wer sich behauptet in der kleinen Auseinandersetzung, aber auch im großen Wettkampf um die Kunden, dann ist es normal, dass diese sich „ihrer“ Gemeinschaft, deren Logo sie vertreten, verbunden und verpflichtet fühlen und sonst niemand. Recht so – werden Sie jetzt sagen, so handeln doch die andern auch! Ganz genau. 

Soll ich etwa meinen Konkurrenten den Vortritt lassen?

"Soll ich etwa meinem Konkurrenten den Vortritt lassen?“ Antwort des normalen Menschen: "Auf keinen Fall“.

In der Tat ist es enorm schwierig, die Grenze zwischen reiner Ich-Bezogenheit und einem übergeordneten Verantwortungsgefühl (Gemeinschaftsgefühl), an der richtigen Stelle zu ziehen. 

Es ist geradezu verlockend, die eigene Ich-Bezogenheit, egoistisches und egomanes Verhalten, Rücksichtslosigkeit und Brutalität als „normales“ und unvermeidbares Verhalten zu rechtfertigen und zu legitimieren. 

Alle Mitglieder einer Gemeinschaft haben immer das Bewusstsein, „ihrer“ Sache zu dienen und sind davon überzeugt, dass sie korrekt und vertretbar handeln.

Das ist in der großen Weltpolitik so, Putin ist überzeugt von dem was er tut, weil es den nationalen Interessen Russlands dient – einer Gemeinschaft. 

Die Ukrainer sind überzeugt von dem was sie tun, weil sie ihren nationalen Interessen dienen – auch einer Gemeinschaft.

Konzerne sind überzeugt von dem was sie tun, weil sie die Existenz und den Erfolg ihres Unternehmens sichern wollen – auch Gemeinschaften.

Die Wettbewerber sehen das übrigens genau so.

Die Abteilungen in Unternehmen sind überzeugt, dass sie ihren Zielen gerecht werden müssen, weil sie sonst bei Nichterreichen der Ziele möglicherweise mit unangenehmen Konsequenzen rechnen müssen – auch Gemeinschaften. Die anderen Abteilungen sehen das auch so.

Der einzelne – ob Vorstand, Geschäftsführer, Manager, Führungsverantwortliche/r und Mitarbeiter sind für sich verantwortlich und müssen sehen, wo sie bleiben. 

Jeder – egal wen oder welche Gemeinschaft wir betrachten – hat für sich immer die Legitimation für sein/ihr Handeln im Rahmen der Selbstverantwortung. 

Brutalität und Respektlosigkeit als Erfolgsrezept?

Rudolf Dreikurs: „Tatsächlich gibt der Beruf eine Möglichkeit des Erfolges, ohne zu viel Gemeinschaftsgefühl und Respekt vor den Mitmenschen zu verlangen. Es scheint im Gegenteil, dass in unserer Kultur Berufserfolge oft geradezu durch einen Mangel an Gemeinschaftsgefühl ermöglicht werden. Oft braucht man in seinem Beruf statt der Fähigkeit, andere zu respektieren, ein gewisses Maß an Brutalität und Rücksichtslosigkeit. Der persönliche Ehrgeiz (Anm.: Ehrgeiz = ein Mensch der mit Ehre geizt), der zur Erlangung höchster Stellung unvermeidlich erscheint, beruht in den meisten Fällen auf einer planmäßigen und erfolgreichen Unterdrückung anderer“.

Ich weiß nicht, ob Ihnen diese Gedanken und gerade das letzte Zitat von Rudolf Dreikurs helfen, eine Lösung für die aufgezeigte Problematik zu erkennen? Aber es erklärt einiges.

Kann das wirklich unsere Erfüllung und unsere Mission sein, Erfolg um jeden Preis zu erzielen, zu Lasten anderer?

Der Prozess, in dem sich viele von uns befinden, egal in welcher Funktion und Position, die knallharten Auseinandersetzungen, der teilweise vernichtende Wettstreit untereinander, die Kriegerklärungen im Kleinen wie im Großen – scheint unumkehrbar.

Alfred Adler definierte den Begriff Gemeinschaftsgefühl auch als Verantwortung für die Welt-Gemeinschaft und für den Kosmos.

Gemeinschaftsgefühl - ein Weg für die Arbeitswelt?

Entscheiden Sie selbst, liebe Leserinnen und Leser, ob Sie die Definition des Gemeinschaftsgefühls von Erwin Wexberg (ebenfalls ein Schüler von Alfred Adler) aus dem Jahre1928 für erstrebenswert hielten:

Sachlichkeit: 

Die Fähigkeit, „objektiv“ zu bleiben und die eigene Person gegenüber der Sache hintan zu stellen

Logik im Denken:

Folgerichtigkeit ergibt sich nur aus dem Mut, konsequent den Sachverhalten nachzugehen, ungeachtet ichhafter Vorurteile und Wünsche, die den Blickwinkel einengen

Bereitschaft zur Leistung:

Der verantwortungsvolle Mitmensch ist bereit, etwas für die allgemeine Wohlfahrt zu tun und durch seinen Beitrag den Bestand und die Weiterentwicklung der Gesamtheit zu gewährleisten

Bereitschaft zur Hingabe an Natur und Kunst:

Das Gemeinschaftsgefühl kann nicht haltmachen vor der außermenschlichen Welt und äußert sich in der Verbundenheit mit dem Leben und dem Kosmos und mit den Schöpfungen der Kunst

Verantwortung für Tun, Vorstellen, Empfinden:

Der verantwortungsvolle Mitmensch weiß sich verantwortlich für seine Lebensgestaltung und übernimmt Verantwortung für sich und für die Menschheit

Ich wünsche Ihnen die wohltuende Erfahrung mit Mitmenschen, die ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl haben. Vieles wäre um Vieles einfacher.

Herzliche Grüße

Ihr

Rudolf Meindl

Individualpsychologischer Berater & Supervisor DGIP

» http://www.rudolfmeindl.de

erstellt am: 15.03.2015

Über den Autor
RUDOLF MEINDL

RUDOLF MEINDL

Individualpsychologie: selbstbestimmt - wertschätzend - verantwortlich leben