Fehler als Innovations-Turbo

Fachbeitrag von AGENTUR ohne NAMEN GmbH
„Scheitern ist ein Umweg und keine Sackgasse.“ Dieses Zitat stammt von Zig Ziglar, einem amerikanischen Bestseller-Autor und Motivations-Trainer. „Typisch amerikanisch“, könnte man nun denken. Wir allerdings leben in Deutschland, einer Leistungsgesellschaft. Bei uns gleicht Scheitern einem Stigma. Doch warum ist das so – und wie können wir erfolgreich scheitern?

Betrachten wir zuerst jedoch die Herkunft des Wortes „Scheitern“. „Zerscheitern“, „in Stücke (Scheite) gehen – das versteckte sich hinter dem Wort „Scheitern“ im 17. Jahrhundert. Ein Scheit ist auch heute noch ein gespaltenes Stück Holz und etwas Abgetrenntes.

Scheitern kennen wir aber auch im Kontext des „Scheiterhaufens“. Der erste Hinweis auf die Verbrennung von Menschen, die Unredliches taten, lässt sich mindestens bis 450 v.Chr. zurück datieren. Die Heilige Inquisition im 12. Jahrhundert hat dem Scheiterhaufen zu trauriger Berühmtheit verholfen. Die letzte Verbrennung erfolgte vermutlich um 1751.

„Scheitern“ hat also eine lange Tradition und war vor allem auf dem europäischen Kontinent immer mit Schmerzen und dem Tod verbunden. Vielleicht kein Wunder, dass wir heute immer noch ungern Scheitern.

Doch neben der Historie des Scheiterns gibt es noch ganz menschliche Gründe, warum wir Scheitern. Drei davon sind erwähnenswert, denn sie haben täglichen Einfluss auf unser Leben, auf unsere Innovationskraft – und darauf, wie wir mit Fehlern umgehen.

  1. Unsere Wahrnehmung ist begrenzt. Soziale und kulturelle Prägungen, Ängste, Werte und Erwartungen verleihen uns – ob wir wollen oder nicht – Scheuklappen für bestimmte Themen, Menschen, die uns unsympathisch sind, oder Situationen, denen wir uns nicht stellen wollen.
  2.  Automatismen drängen sich immer in den Vordergrund. Unter Gehirn ist ein ziemlich faules Organ, das – wenn möglich – den Weg des geringsten Widerstandes geht. Da unser Lernen bevorzugt in Mustern erfolgt, sind wir immer dann besonders fehleranfällig, wenn Muster durchbrochen werden.
  3. Stress tötet Kreativität. Je stärker wir im (Arbeits-)Alltag unter Strom stehen, umso weniger können wir auf unsere mentale Flexibilität zugreifen. Automatismen drängen sich gerade dann verstärkt in den Vordergrund und blockieren die Sicht auf das große Ganze. Der Tunnelblick nimmt zu – die Gefahr des Scheiterns steigt.

 

Es gibt also genügend Gründe, dem Scheitern gelassener ins Auge zu schauen – schließlich ist „nobody perfect“. Dass wir gerade in Deutschland dennoch mit dem Scheitern hadern, ist vor allem auch eine kulturelle Besonderheit. Während in den USA nicht das Scheitern, sondern das Aufgeben als Tabu gilt, so werden wir in Deutschland am Erfolg gemessen – und nicht am Handeln. Das typische Dilemma einer Leistungsgesellschaft: Wir unterlassen das Handeln, weil wir Angst vor möglichen negativen Folgen haben. In der Konsequenz verharren wir häufig in einem Status Quo, der uns nicht mehr gut tut.

Eine Umfrage der Universität Hohenheim hat vor einiger Zeit untersucht, wie tolerant Deutschland mit gescheiterten Unternehmen umgeht. Immerhin erkannten 80 %, dass Misserfolge eine Quelle der Selbstreflexion und Rückbesinnung sind. Nur noch 50 % haben jedoch noch Verständnis für gescheiterte Unternehmer. Und ein weiteres Paradox zeigte die Studie auf. Während dreiviertel der Befragten finden, einem gescheiterten Unternehmer oder einer gescheiterten Unternehmerin eine zweite Chance einräumen zu müssen, so haben gleichzeitig über 40 % der Befragten Vorbehalte, bei eben diesen auf die Nase gefallenen Waren zu bestellen.

Glanzpunkte in der Theorie und ein dickes „Mangelhaft“ in der praktischen Umsetzung, wenn es um die Fehlertoleranz der Deutschen geht.

In unserer Leistungsgesellschaft haben Fehler nichts zu suchen. Der Drang zum Perfektionismus, die preußische Arbeitsmoral von Ordnung und Korrektheit, sind in vielen Bereichen in unsere DNA eingebrannt und sorgen für eine Kultur der Vorsicht und Absicherung. Gerade für Unternehmen, die innovieren wollen oder müssen, ist eine solche Haltung jedoch schädlich, denn Fehler sind im Innovationsprozess elementar. Sie gehören zur Evolution von Ideen und zur Produktreifung unverrückbar dazu.

Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen – sowohl in den Unternehmen, als auch bei jedem einzelnen. Menschen brauchen in Deutschland eine hohe Fähigkeit zur Resilienz, wenn sie erfolgreich scheitern wollen. Zu einer gesunden Widerstandsfähigkeit gehören:

  • Realitätssinn
  • eine optimistische Grundhaltung
  • Lösungsorientierung
  • Übernahme von Eigenverantwortung

 

Resiliente Menschen fragen bei Misserfolgen also eher „Was kann ich jetzt tun?“ als „Warum musste das ausgerechnet mir passieren?“ Und sie erweisen sich als echte Stehaufmännchen, wenn sie gescheitert sind. Viele haben sich folgende Rituale zu Eigen gemacht:

·              Verzicht auf Perfektionismus: Perfektionismus kann zwar ein Scheitern verhindern – aber eine Garantie ist das nicht.

·              Reflektion: Menschen, die Scheitern als eine natürliche menschliche Handlung in ihr Leben integrieren, machen es sich häufiger zur Gewohnheit, Ist-Situationen zu analysieren und den Status Quo eines Projektes oder einer Idee einer kritischen Würdigung zu unterziehen.

·              Kooperation: Menschen, die schon mal gescheitert sind, lernen oft rückwirkend, dass der Fehlschlag hätte vermieden werden können, wenn man frühzeitig Verbündete gesucht hätte, die die Idee oder das Projekt unterstützen.

·              Erfolge feiern. Menschen, die wissen, dass sie mit ihrem Projekt oder ihrer Idee auch scheitern können, feiern Teilerfolge. Das ist wichtig, um an den entscheidenden Stellen wieder „Momentum“ für die nächste Herausforderung in der Umsetzung zu bekommen.

Eine Fehlerkultur sollte diese Rituale fördern. Zusätzlich sollte jedoch zum Ausprobieren, Testen, Wagen und Lernen ermutigt werden, denn auch diese Verhaltensweisen zeichnen eine gesunde Fehlerkultur aus.

Jetzt könnte schnell der Eindruck entstehen, dass eine Fehlerkultur Tür und Tor für Kostenexplosionen und schlampiges Arbeiten öffnet. Doch dem ist nicht so. Es ist zusätzlich elementar, darauf zu achten, dass ein Scheitern verkraftet werden kann. Zwischen einem kalkulierbaren Risiko, einem Wagnis und einem unkalkulierbaren Risiko liegen ökonomische Welten. Eine gute Führungskraft weiß das und agiert entsprechend. Je höher die Unwissenheit über die bestehende Faktenlage wird, umso straffer sollten die Zügel der Führung gehalten werden und umso umsichtiger und häufiger sollte sich über Projektfortschritt verständigt werden. Ist ein Scheitern abzusehen, gilt es, frühzeitig die Richtung zu ändern.

Flexibel und agil zu bleiben ist daher in einer guten Fehlerkultur immanent. An dieser Stelle schließt sich der Kreis zu den drei menschlichen Gründen des Scheiterns. Jede Form von negativem Druck erzeugt Stress. Stress tötet Kreativität und verhindert (mentale) Agilität und Flexibilität.

Und an dieser Stelle wird deutlich, dass eine gute Fehlerkultur nicht zu Chaos und Zerstörung führt, sondern zu mehr Kreativität und Wandlungsfähigkeit, zu einer Kultur des Ausprobierens und des „Über-den-Tellerrand-Schauens“.

Die Akzeptanz, Scheitern zu können, das Bewusstsein, dass Scheitern Teil der menschlichen Evolution und Weiterentwicklung ist, führt dazu, dass wir angstfrei(er) aus gewohnten Denk- und Handlungsmustern ausbrechen und nach Lösungen suchen, anstatt auf Tatsachen zu beharren.

Eine gesunde Fehlerkultur bildet den Nährboden für Innovation.

 

Mehr zum Thema im Webinar mit dem Innovations-Coach Melanie Vogel

Erfolgreich scheitern: Fehler als Innovations-Turbo
Das Webinar fand statt am Mittwoch, 11. Mai 2016

In der deutschen Leistungsgesellschaft gilt Scheitern als ein echter Makel. Dabei sind Fehler logische Begleiterscheinungen von komplexen Situationen, und Scheitern und Misslingen sind elementare Erfahrungen, um zu lernen und aus diesen Lernerfahrungen heraus kreativer und innovativer zu werden. Anhand praxisnaher Beispiele zeigt Melanie Vogel, dass Scheitern zerstörerisches Potenzial im positiven Sinn hat. Ihr Webinar® ist ein Plädoyer für mehr Mut zum Scheitern.

 

Über Melanie Vogel

Melanie Vogel, Initiatorin der women&work, Deutschlands größtem Messe-Kongress für Frauen, ist seit fast 20 Jahren passionierte Unternehmerin. Ihre erste Firma gründete sie aus dem Studium heraus und war doch kein Neuling in der Unternehmenswelt. In den Betrieben von Vater und Großvater schnupperte sie schon in jungen Jahren in die Welt von Business, Leadership und Innovation. Schon früh erkannte sie: Wer nicht innoviert, entwickelt sich nicht weiter. Wer sich nicht freiwillig von innen heraus verändert, wenn sich wirtschaftliche Rahmenbedingungen ändern, wird von außen in den Change getrieben. Futability®, Innovation und Leadership sind ihre Kernthemen, die sie nicht nur als Dozentin an der Universität zu Köln unterrichtet, sondern auch in inspirierenden Vorträgen, Keynotes, Webinaren und Seminaren mit Unternehmern und Führungskräften teilt. Das von ihr entwickelte "Futability®-Konzept" ist ihre Antwort auf die VUCA-Welt.

» https://www.innovationatwork.de/webinarr/

erstellt am: 09.05.2016

Über den Autor
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Die Andersdenker